Vor 75 Jahren: Am 1. April 1945 zerstört amerikanischer Beschuss Borgentreich erheblich „Mörderisches Phosphorfeuer auf unserer lieben Heimatstadt“

Borgentreich (WB). Der Krieg ist beinahe zu Ende, als es auch Borgentreich trifft. Heute vor 75 Jahren, am 1. April 1945, Ostersonntag, gerät die Bördestadt unter amerikanischen Beschuss. Es sterben mindestens neun Menschen, 113 Wohnhäuser und 284 Wirtschaftsgebäude – gut ein Drittel der Stadt – werden zerstört.

Von Hubertus Hartmann
In den ersten Kriegsjahren zog zum „Tag der Arbeit“ noch ein großer Festzug durch den Steinweg in Borgentreich. Zum Kriegsende 1945 gab es hier durch den Beschuss der US-Truppen die größten Zerstörungen. Kaum ein Haus blieb verschont.
In den ersten Kriegsjahren zog zum „Tag der Arbeit“ noch ein großer Festzug durch den Steinweg in Borgentreich. Zum Kriegsende 1945 gab es hier durch den Beschuss der US-Truppen die größten Zerstörungen. Kaum ein Haus blieb verschont.

Zeitzeugen erinnern sich, ein Blick in die Ortschronik offenbart ein Ausmaß von Leid und Vernichtung. Chronistin ist zu jener Zeit die Borgentreicher Lehrerin Elisabeth Falke: Am 31. März nehmen amerikanische Truppen Warburg ein. Auch in der Nachbarstadt ist man auf alles gefasst. Am ersten Ostertag rücken die Amerikaner weiter vor, feuern einige Warnschüsse ab – und die werden aus Borgentreich „von den hier zerstreuten deutschen Soldaten erwidert“, schreibt Falke.

Zeitzeugen erinnern sich an Leid und Vernichtung

„Ein mörderisches Phosphorfeuer lag zwei Stunden lang auf unserer lieben Heimatstadt. Wie ein Hagelwetter prasselten Artillerie- und Maschinengewehr-Geschosse in die Straßen und Gassen, in Mauern und Wände, Türen und Fenster. Die Bürger in ihrer Angst krochen in die Keller und beteten. In zehn Minuten standen die Häuser lichterloh in Flammen. Wegen des Beschusses konnte sich niemand auf die Straße wagen, um zu helfen. Wohl glückte es vielen Leuten noch, ihr Vieh loszubinden und gehen zu heißen. Das irrte herrenlos heulend und brüllend in bitterkalten Nächten in der Wildnis umher. Andern war die Befreiung der Tiere nicht mehr möglich, da ihr Haus rings vom Feuer umgeben war. So mussten 500 Stück Großvieh (Pferde, Kühe, Schafe, Schweine) ersticken beziehungsweise leider verbrennen und neun Zehntel des Geflügels. Ein Wirrwarr sondergleichen wälzte sich durch die Straßen, Aufregung und Erbitterung.“

Elisabeth Falke: „Als das Maß des Unglücks voll war, ging in der Oberstadt ein deutscher Mann mit einem polnischen Offizier zum Amerikaner am Lehmberge, ein andrer polnischer Offizier zur Truppe am Maschberge und baten um Schonung für die Stadt. Sie wurde gewährt und sogleich das Feuer eingestellt.“

Tote in den Trümmern

Für zwei Borgentreicher und zwei italienische Fremdarbeiter aber ist es zu spät. Sie sterben in den Trümmern. „An deutschen Soldaten blieben fünf Soldaten auf dem Kampfplatze, davon vier in zwei Doppelgräbern auf unserm Friedhof ruhen. Auch die Amerikaner hatten einige Verluste,“ berichtet die Chronistin.

Laut Chronik vernichtet das Feuer 113 Wohnhäuser, 48 Pferdeställe, 78 Kuhställe, 79 Schweineställe, 20 Scheunen und 59 Schuppen. Weitere 62 Gebäude werden schwer beschädigt.

Bis Juni halten US-Truppen Borgentreich besetzt, bevor sie von Engländern abgelöst werden. Falke: „Von allem, was das Volk erlebt hatte, war es so aufgebracht, dass es sich tätlich an einem Beamten des Amtes vergriff, der durch Schuß eines Amerikaners getötet wurde. Zwei deutsche Soldaten, die in den Kluswäldern gefallen sind, liegen zu Seiten des Kluskreuzes vor der Kapelle begraben.“ Soweit die Schilderungen der Chronistin.

Wenig Aufschluss gibt die Chronik über die Hintergründe jener Tage. Viele Fragen bleiben offen. Welche Rolle spielt der damalige Bürgermeister Franz Woker? Was hat es mit dem Tod jenes „Beamten des Amtes“ auf sich?

NSDAP-Mann Josef Stauf mit Mistgabel erstochen

Bei dem getöteten Beamten handelt es sich um den NSDAP-Mann Josef Stauf, einen engen Freund Wokers. Er holt Stauf 1938 oder 1939 aus Köln ins Borgentreicher Rathaus. In Schriftwechseln mit Woker, der zu Kriegsbeginn als Oberleutnant und Kompanieführer eingezogen ist, bezeichnet Stauf sich selbst als „Luftschutzleiter und Polizei im Außendienst“. Aus anderen Briefen geht hervor, dass der offenbar bedingungslos linientreue Parteigänger in der Verwaltung Mitarbeiter bespitzelt und denunziert, nach Zeugenaussagen auch Fremdarbeiter körperlich schwer misshandelt hat.

„Ich habe mir bei all meiner Gutheit einen fabelhaften Respekt verschafft,“ prahlt Stauf gegenüber dem Bürgermeister. Und weiter: „Du kannst Dich darauf verlassen, dass ich in allen Lagen meinen Mann stehe und so schnell und blitzartig handele, dass jedem die Spucke wegbleibt.“ Dazu ein Zeitzeuge: „Der Stauf war ein ganz übler Nazi und im Ort gefürchtet.“

Woker selbst nennt Stauf seinen „verlässlichsten Vertrauensmann“. „Es war doch gut, dass Du noch vor Anbruch dieser schweren Zeit von Köln nach Borgentreich gekommen bist. Wäre es anders, würden die Gernegroße dort sich wie Tyrannen benehmen“, schreibt Woker an Stauf in einem Brief vom 27. September 1939.

Über den späteren Tod Josef Staufs schreibt Hannes Tölle, der die letzten Kriegsjahre als Evakuierter in Borgentreich erlebt, in seinen Erinnerungen „Drei Jahre in Borgentreich – 1945 bis 1948“: „Der oberste NSDAP-Mann von Borgentreich lag beim Einrücken der Amerikaner mit einer Mistgabel erstochen mitten auf der Straße.“ Josef Stauf will beim Einrücken der Amerikaner offenbar zu seinem Haus in der Lehmtorstraße, als er auf seinen oder seine Mörder trifft. Wer den verhassten NSDAP-Funktionär wirklich umgebracht hat, wird nie geklärt.

Beerdigt wird Stauf auf dem evangelischen Friedhof. Seine Frau lässt die Leiche zwei Jahre später exhumieren und nach Euskirchen umbetten.

Sinnloser Widerstand beim Einmarsch der Amerikaner

Bei den Soldaten, deren sinnloser Widerstand beim Einmarsch der Amerikaner die Situation eskalieren lässt, handelt es sich laut Hannes Tölle um „sechs Mann der Gruppe Werwolf, versprengte deutsche Soldaten, die sich zu kleinen Gruppen zusammenschlossen, immer im Vorfeld der Amerikaner agierten und versuchten, deren Vormarsch zu verlangsamen. Sie sahen verwegen aus, hatten nur die Uniformhose an und aufgekrempelte Ärmel, als Kopfbedeckung höchstens ein Schiffchen. Sie waren bewaffnet mit Maschinenpistolen, die sie lässig an einem Riemen über der Schulter trugen und mit Panzerfäusten. Plötzlich hörten wir einige dumpfe Einschläge und wildes Maschinengewehrfeuer. Dann war es genauso schnell wieder ganz ruhig. Die Werwolfgruppe hatte zwei, drei amerikanische Panzer mit ihren Panzerfäusten geknackt, dabei zwei Mann verloren und zog nun in das nächste Dorf Richtung Osten. Die Amerikaner waren wieder nach Westen zurückmarschiert.“ Doch die Amerikaner stoßen wenig später über den Mühlenberg erneut auf die Bördestadt vor und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ein Blick in die Ortschronik: https://chronik-borgen­treich.jimdofree.com

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