Sprachwissenschaftler Thomas Küster bringt Erwachsenen das Lesen und Schreiben bei »Zum Lernen ist es nie zu spät«

Borgentreich (WB). »Es ist nie zu spät, lesen und schreiben zu lernen«, sagt Thomas Küster. Der 44-jährige Sprachwissenschaftler bietet in der Alten Schule in Borgentreich-Natzungen ein breites Angebot zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung an. Seine älteste Schülerin war bereits über 80 Jahre alt, als sie bei ihm das Lesen und Schreiben gelernt hat.

Von Michaela Weiße
Sprachwissenschaftler Thomas Küster bietet in der Alten Schule in Natzungen Alphabetisierungskurse an.
Sprachwissenschaftler Thomas Küster bietet in der Alten Schule in Natzungen Alphabetisierungskurse an. Foto: Michaela Weiße

»Die Eltern hatten sie damals nicht zur Schule geschickt, weil sie während des Krieges Angst vor Bombenangriffen hatten. So hat sie einige Jahre in der Schule verpasst«, erzählt Thomas Küster von der Biographie seiner ältesten Schülerin. Später sei die Dame eine gut situierte Hausfrau gewesen. Nur ihr Mann habe von ihrem Analphabetismus gewusst, berichtet der Sprachwissenschaftler. Ihr Leben habe sie immer gut bewältigt, bis zu dem Zeitpunkt als ihr Mann starb. Von da an habe sie auf einiges verzichten müssen. So sei etwa das Reisen, dass sie so geliebt hatte, nicht mehr möglich gewesen – allein habe sie sich einfach nicht zurechtfinden können, sagt Thomas Küster. Ein Grund für die Seniorin, noch im hohen Alter das Lesen und Schreiben zu erlernen.

7,5 Millionen Erwachsene sind funktionale Analphabeten

Ein Schritt über den die 80-Jährige sehr glücklich gewesen ist, ihn gewagt zu haben, wie Thomas Küster weiß. Zurückblickend wäre sie diesen Weg gerne früher gegangen. »Manchmal hätte sie ihre Kinder gerne mehr unterstützt. Besonders schwer für sie war es, als sie damals gemerkt hat, dass ihre Kinder sie beim Lesen und Schreiben überholt haben«, berichtet der Sprachwissenschaftler von Gesprächen mit seiner Schülerin.

Dass Analphabetismus nicht ein Problem der damaligen Zeit war, sondern nach wie vor besteht, belegen Studien. In Deutschland gelten etwa 7,5 Millionen Erwachsene als sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Probleme, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. 60 Prozent aller funktionalen Analphabeten hierzulande sind Männer, wie im Jahr 2011 eine Studie der Universität Hamburg gezeigt hat.

»Analphabeten unterschreiten beim Lesen und Schreiben die gesellschaftliche Mindestanforderung«, erklärt Küster. Auslöser für Analphabetismus könne es viele verschiedene geben. So könnten die Scheidung der Eltern, ein Umzug oder der Verlust von liebgewonnenen Haustieren beispielsweise zur Unterbrechung in der Lernbiographie führen, erklärt der Sprachwissenschaftler. Doch wie schaffen es Analphabeten, durch die Schule zu kommen oder gar einen Abschluss zu absolvieren? »Das funktioniert«, sagt Thomas Küster. »Man erkennt einen Analphabeten nicht, wenn er es nicht will.« »Oft gleichen Schüler ihre schlechte schriftliche Note mit einer guten mündlichen Note aus«, berichtet der Natzunger. Analphabeten könnten sich oft rhetorisch gut verkaufen, erklärt der 44-Jährige.

Vergessene Lesebrille eine von vielen Ausreden

Nicht nur in der Schule, auch später im Berufsleben und im Alltag würden Analphabeten eine Reihe von »Tricks« anwenden, die ihnen das Leben erleichtern. So sei die vergessene Lesebrille nur eine von vielen Ausreden. Thomas Küster berichtet von Menschen, die viele Jahre in ihrem Beruf arbeiteten, ohne dass der Arbeitgeber etwas von deren Analphabetismus ahnte. So erzählt er beispielsweise von einem Lagerarbeiter, der alle Stellplätze auswendig gelernt hatte, weil er sie im Computer nicht lesen konnte. »Analphabeten haben oft ein richtig gutes Gedächtnis. Sie entwickeln eigene Systeme, um nicht lesen und schreiben zu müssen. Der Aufwand des Verbergens ist oftmals schwieriger, als das Lesen selbst«, so der Sprachwissenschaftler.

Thomas Küster betont außerdem, dass Analphabetismus nichts mit Faulheit oder Dummheit zu tun habe. Analphabetismus lasse sich auch keiner sozialen Schicht zuordnen. Die Scham von Analphabeten sei oftmals so groß, dass weder Angehörige noch Freunde davon wissen. Doch Thomas Küster ermutigt alle Analphabeten, sich des Problems anzunehmen. »Zum Lernen ist es nie zu spät.«

Teilnehmer stehen mit ihrer Blockade nicht allein

Im Alphabetisierungskurs lernen die Teilnehmer auch, dass sie mit ihrer Lernblockade nicht alleine dastehen, sagt Thomas Küster, der mit jedem Schüler in einem Ersttermin dessen ganz individuellen und kurzfristigen Ziele bespricht. Die Fortschritte werden dann in einem Lerntagebuch festgehalten, erklärt der Dozent. Auch Grundbildung fließe in den Unterricht mit ein. »Wir beschäftigen uns mit Themen, die die Teilnehmer interessieren«, sagt Küster, der sehr viel Spaß an seinem Beruf hat. »Es ist toll, wenn hier jemand autonom den Kurs verlässt«, sagt er. Interessierte können mit Thomas Küster unter Telefon 05645/2230073 Kontakt aufnehmen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.