Wie Corona die Gemeindearbeit verändert und wie Pfarrer Frank Schäfer zum „Internet-Prediger“ wurde
Die Menschen vermissen die Gemeinschaft

Beverungen -

Zum vierten Mal geht Pfarrer Frank Schäffer am Sonntag um 11 Uhr „auf Sendung“. Das Hochamt aus der Beverunger Pfarrkirche wird dann live im Internet übertragen. 42 Besucher dürfen zudem dabei sein und in den Kirchenbänken Platz nehmen.

Samstag, 06.02.2021, 06:56 Uhr aktualisiert: 06.02.2021, 07:38 Uhr
Am Sonntag wird Pfarrer Frank Schäffer das nächste Hochamt in der Beverunger Pfarrkirche zelebrieren, das live im Internet übertragen wird. Foto: Alexandra Rüther

„Die Resonanz ist gut“, sagt der Pfarrer. Emails und Anrufe erreichen ihn aus der Pfarrei, aber auch von außerhalb. Eigentlich mag er es ja nicht, vor der Kamera zu stehen. Aber den Menschen ist es offenbar wichtig, „ihren“ Pfarrer in „ihrer“ Kirche zu erleben, anstatt sich einen professionell gemachten Fernsehgottesdienst anzuschauen. So wurde es ihm zugetragen. Und deshalb müssen persönliche Befindlichkeiten wie Kamera-Scheuheit eben hinten anstehen.

Vor fast einem Jahr war die Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit Beverungen die erste Kirchengemeinde im Kreis Höxter, die ihre Gottesdienste kurzfristig absagte. Denn auch die ersten mit Corona Infizierten im Kreis kamen aus Beverungen. „Der Bürgermeister rief mich damals vor dem Wochenende an und bat mich, die Gottesdienste abzusagen“, erinnert sich Pfarrer Frank Schäffer. Ab Mai lief es dann zunächst wieder „normal“, was die Gottesdienste angeht. Das Gemeindeleben schränkte sich allerdings stark ein. „Viele unserer Ehrenamtlichen gehören nun einmal selbst der Risikogruppe an“, so Schäffer. Die Kolpingsfamilie oder die Frauengemeinschaft sagten ihre Veranstaltungen ab, auch Messdiener wurden wenig eingesetzt. Und dann – gerade zu Weihnachten – erlebte Beverungen mit 65 Infizierten den Höchststand. Alle Überlegungen aus den Wochen davor, wie Weihnachten corona-konform gefeiert werden könnte, waren obsolet.

Aktuell betrifft der Lockdown auch die Erstkommunion. Die Vorbereitung darauf läuft über die Schulen. Die sind geschlossen. Gemeindereferentin Ursula Bußmann sei regelmäßig mit den Eltern im Gespräch. „Aber uns ist schon klar, dass wir am Weißen Sonntag keine Erstkommunion werden feiern können“, so Schäffer. Natürlich laufe momentan viel online. Die Pastoralkonferenz etwa oder die Kirchenvorstandssitzung. Aber in Sachen Erstkommunionvorbereitung habe man von den Eltern gespiegelt bekommen, dass die Kinder mit dem Homeschooling genug gefordert seien. „Deshalb ist das für uns momentan nicht die Lösung.“ Stand jetzt ist die Erstkommunion vor oder direkt nach den Sommerferien geplant.

Marienbild Kerzen Möglichkeit zum Gebet

Marienbild Kerzen Möglichkeit zum Gebet Foto: Alexandra Rüther

Was die Seelsorge betrifft, sei Corona schon ein großes Thema. „Altersunabhängig höre ich von Menschen, dass ihnen die Gemeinschaft fehlt“, sagt Schäffer. In der Kirche trifft man eben Menschen – normalerweise. „Für viele ist es eine enorme Durststrecke. Gerade für ältere Menschen, die ihre Enkelkinder nicht sehen oder deren Kinder gar nicht hier wohnen. Und dann sind da die Beerdigungen. Jeder zweite Verstorbene, den Pfarrer Schäffer im Januar beerdigt hat, war ein Corona-Patient. Auch wenn sie nicht an, sondern mit Corona gestorben seien, sei es für die Familien sehr belastend, sagt er. Schon Wochen vorher durften sie den Angehörigen nicht mehr besuchen, ein Abschied war nicht möglich. „Da ist es mir schon wichtig, die Beerdigung in einem würdigen Rahmen begehen zu können. Und das war in Beverungen in Zusammenarbeit mit der Stadt auch möglich“, sagt Schäffer.

Koordinierung von Renovierungsarbeiten, Landverpachtung oder Pfarrbriefe – kurz, die Verwaltung der Kirchengemeinde laufe normal weiter. Rein wirtschaftlich könne die Kirche im Gegensatz zu anderen „Branchen“ natürlich nicht klagen, sagt Pfarrer Schäffer. Die Pfarrei erleide ja keine Einbußen. Er könne sich zwar vorstellen, dass künftig – abhängig von der Entwicklung der Wirtschaft in Deutschland – die Kirchensteuer sinke. Viel mehr Sorgen bereite ihm aber die Kollekte. Die Spendenaktionen Adveniat zu Weihnachten und Misereor zu Ostern seien ein wichtiges Standbein der Entwicklungshilfe. „Dieses Geld wird benötigt, um kontinuierlich vor Ort helfen zu können.“ Die Sternsingeraktion sei in der Hinsicht ein Erfolg gewesen. Anstelle von Hausbesuchen wurden so genannte Segenspakete verteilt und die Spendensumme sei fast so hoch wie in den Vorjahren.

Und auch für die Misereor-Aktion zu Ostern hat man sich in Beverungen etwas Besonderes ausgedacht: Pfarrer Schäffer ist passionierter Wanderer und wird seine Ausflüge nun in den Dienst der guten Sache stellen. „In der Fastenzeit werde ich jede Woche eine Wanderung unternehmen. Und wie man es von Sponsorenläufen kennt, kann jeder der will, meine erwanderten Kilometer mit einer Spende unterstützen“, erklärt der Pfarrer. Das genaue Prozedere wird in den nächsten Tagen auf der Homepage der Kirchengemeinde vorgestellt. Die Bewegung an der frischen Luft tue ihm einfach gut, sagt Schäffer. Unterwegs komme ihm auch schon mal der ein oder andere gute Gedanke für die nächste Predigt.

Die hält er am Sonntag wieder online – auf www.heiligstedreifaltigkeit-beverungen.de. Danach, ab dem 15. Februar, ist die Rückkehr zur normalen Gottesdienstordnung geplant – mit den bisherigen Sicherheitsabständen.

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