Auf dem Holzweg unterwegs von Würgassen zum Weser-Skywalk und über den Klippensteig nach Bad Karlshafen
Ein Blick in den Urwald vor morgen

Beverungen-Würgassen -

Auf dem „sinngemäßen“ Holzweg war die Autorin dieser Zeilen sicher schon mal unterwegs – auf dem „echten“ allerdings tatsächlich noch nicht. Bis zu einem weiteren Corona-Sonntag, der gefüllt werden wollte.

Dienstag, 05.01.2021, 22:00 Uhr
Das ist er, der Blick in den Urwald von morgen. Das steile Gelände wird sich selbst überlassen. Foto: Alexandra Rüther

Der Holzweg, um den es hier geht, führt von Würgassen zum Skywalk in den Hannoverschen Klippen und wurde vom Kreis Höxter im Rahmen des Projekts „Erlesene Natur“ angelegt. Los geht es am Hotel „Forsthof“ in Würgassen, vorbei am Steinbruch. Kurz dahinter ist rechter Hand der Einstieg in den Holzweg. Übrigens sorgen die ehemaligen Steinbrüche dafür, dass hier so viele Birken stehen, aber auch Weiden und die aus Nordamerika stammende Robinie. Ansonsten sind im Wald an den Hannoverschen Klippen fast ausschließlich heimische Laubholzarten anzutreffen: Trauben-Eiche auf den Felsköpfen, Rot-Buche, Stiel-Eiche, Hainbuche und Esche da, wo der Boden besser mit Wasser versorgt ist.

Die erste Station auf dem Holzweg ist das Dendrofon. Hier kann man Holz als Klangkörper erleben und feststellen, dass Eiche ganz anders klingt als Birke. Übrigens nutzt auch der Specht Bäume als Klangkörper. Durch das Klopfen an Ästen und Stämmen halten die Vögel Kontakt zueinander.

Weiter geht es über den mit Laub bedeckten Weg. Jenseits davon fällt der Blick immer wieder auf bizarre Gebilde – ganz so, als hätte die Natur hier ihre ganze Kreativität ausgespielt. Ein abgesägter Baumstamm erinnert mit seiner Form an eine Akt-Darstellung, angelehnt an Michelangelos David. Im Gegensatz dazu auf der anderen Weg-Seite ein schon lange abgestorbener Baumstamm, mit Moos überzogen, der auf den ersten Blick wie ein Frosch mit den typischen aufgesetzten Augen wirkt. Oder ist es doch eine Schlange? Tatsächlich ist es so, dass im Naturschutzgebiet Hannoversche Klippen neben dem selten gewordenen Hirschkäfer auch Schlingnattern und Zauneidechsen leben.

Baumtelefon

Aber weiter geht es zum Baumtelefon. Unglaublich, was Holz alles kann. Legt man das Ohr auf den Stamm, hört man laut und deutlich, wie das Gegenüber am anderen Ende des Stammes nur leicht mit den Fingernägeln kratzt. Und so erkennt auch das Eichhörnchen, hoch oben in der Baumkrone, wenn sich etwa ein Baummarder von unten nähert. Mit seinen scharfen Krallen macht er typische Kratzgeräusche, wenn er im Stamm hinaufklettert – und das Eichhörnchen kann sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Vorbei an bizarr wirkenden Wurzeln, die ihre Ausläufer in die Luft recken, lernt der Spaziergänger an der nächsten Station, Holzmengen zu vergleichen. Festmeter, Schüttmeter oder Raummeter werden nicht nur erklärt, sondern in Gitterboxen auch dargestellt. Interessant: Ein Raummeter Buchenholz hat eine Heizenergie von etwa 2100 Kilowatt pro Stunde – genau so viel wie Eiche. Fichte dagegen hat nur 1600 kWh und Heizöl sogar nur 1140 kWh.

Totholzmeiler

Weiter geht es über den sich sanft dahin schlängelnden Weg zum Totholzmeiler, „sozialer Wohnungsbau“ für Hirschkäfer und Co. sozusagen. Der Mensch hilft hier dem Hirschkäfer quasi vorübergehend, bis der Wald selbst genug alte Bäume und Totholz zur Verfügung stellt.

Nach einem Treppenaufstieg und dem Hinweis, dass der Holzweg Bestandteil, des „Diemeltaler Schmetterlings-Steig“ ist, gelangen wir an einen großen Rahmen. „Ein Blick in den Urwald von Morgen…“ steht auf einem kleinen Schild. Und genau das ist das Ziel an den Hannoverschen Klippen: Der Wald wird sich selbst überlassen und sterbende Bäume werden zur neuen Lebensgrundlage für ein Heer von Insekten und Pilzen mit zahlreichen Arten, die in Mitteleuropa selten geworden sind. Wie zum Beweis liegt wenig später am Wegesrand eine große alte Wurzel, in der eindeutig jemand lebt – die „eingezogenen Wände“ zeugen davon.

Jahresringe

Sehr interessant auch die letzte Station: Die Jahresringe werden erklärt. Aber nicht nur theoretisch. Hier liegt ein Baum, in der Mitte durchgesägt und mit kleinen Plaketten am jeweiligen Jahresring versehen, die wichtige Ereignisse im Leben dieses Baumes festhalten. Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 und die der Bundesrepublik Deutschland 1949 etwa. Aber auch lokale Ereignisse wie das erste Dampfschiff auf der Weser 1819, das Hüten von Vieh im Wald, das der Forst wegen Futtermittelknappheit 1893 erlaubt hatte, bis hin zur Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Würgassen 1975 und dessen Abschaltung 1995.

Jetzt ist der Holzweg zu Ende, links liegt die Straße und rechts führt ein 300 Meter langer Weg hinunter zum Weser-Skywalk. Der wurde von November 2010 bis März 2011 gebaut, liegt etwa 80 Meter über der Weser und besteht aus drei Etagen aus 25 Tonnen Stahl. Bis zu 14 Meter lang sind die neun Ankerpfähle, die ihn im Fels halten.

Klippensteig

Jetzt stellt sich die Frage: Den selben Weg zurück oder über den Klippensteig hinab nach Bad Karlshafen und auf dem Weserradweg zurück nach Würgassen? Wir entscheiden uns für den Klippensteig, denn wir haben feste Schuhe an und der Tag ist trocken. Und so sollte es auch sein, denn der Weg hat es in sich. Er ist steil, schmal und gewunden und führt die rund 100 Höhenmeter hinab zur Weser. Es geht über Steine und Felsen vorbei an umgestürzten Baumriesen und Geröllflächen. Aber die Entdeckungen links und rechts des Weges lohnen sich.

Zurück nach Würgassen dann entspannt an der Weser entlang – und im Kopf die Frage, wohin uns wohl der nächste Corona-Sonntag führt…

 

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