Busunternehmer Raif Tokovic aus Beverungen erzählt von seiner Flucht und den Folgen der Corona-Krise
Aufgeben ist keine Option

Beverungen (WB). Er könnte vermutlich ein Buch füllen mit dem, was er zu erzählen hat. Doch Raif Tokovic hat nicht die Muße ein Buch zu schreiben. Der Corona-Lockdown hat dem Inhaber des Busreiseunternehmens Tokovic aus Beverungen den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Existenz, die er sich zusammen mit seiner Frau Zeliah aufgebaut hat, ist in Gefahr. Und doch will er den Mut nicht verlieren. Denn das hat er noch nie. Wer ihm weiter zuhört, versteht, warum.

Samstag, 19.09.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 20.09.2020, 20:54 Uhr
Raif und Zeliha Tokovic wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass es eine erfolgreiche Zeit nach Corona gibt. Foto: Alexandra Rüther

Raif Tokovic wird im Dezember 1972 in dem Dorf Vrsjenica in Serbien (ehemalige jugoslawische Republik) geboren. Er will Polizist werden, beginnt die Ausbildung. Doch kann kommt Slobodan Milosevic an die Macht und die Dinge – gelinde gesagt – ändern sich. Er macht eine Ausbildung zum Schlosser und den Techniker. Dann steht der Militärdienst an. Als Bosnier weiß er, was ihn in der serbischen Armee erwarten würde, ein Schulkamerad von ihm ist nach drei Tagen in der Kaserne tot. Er will nicht in die Armee, versteckt sich. Sein Vater unterstützt ihn. Ein Jahr lang ist er im Land unterwegs, bei Bekannten, Verwandten, zwischendurch wieder kurz zuhause. Das Problem: Ohne Militärdienst bekommt er keinen Pass.

Bosnien-Krieg

Es ist 1993. Der Bosnien-Krieg ist ein Jahr alt, als er sich zur Flucht entschließt. Sein Ziel ist Deutschland. Zusammen mit zwei Cousins begibt sich Raif Tokovic auf eine Odyssee, die fast ein halbes Jahr dauern soll – ohne Pass und ohne Geld. Stationen sind unter anderem die Ukraine, Tschechien, die Slowakei. Geschlafen wird in Parks, auf Bänken, die kleine Reisetasche dient als Kissen. Immer wieder haben sie mit Kriminellen zu tun, die sie bestehlen wollen. Und immer wieder werden sie von der Polizei kontrolliert und mitgenommen. Für die drei jungen Männer gleicht der Polizeiarrest einem Hotel – bekommen sie doch einen sicheren Schlafplatz und Frühstück. In Ungarn dann eine ähnliche Szene: Sie sind in Budapest, schlafen im Park und werden kontrolliert. Diesmal geraten sie an Kriminalbeamte in Zivil. Einer von ihnen versteht ihre Sprache, weil seine Frau Bosnierin ist, und nimmt sie mit nach Hause. Sie können duschen, bekommen etwas zu essen. „Diese beiden waren die ersten Menschen nach knapp drei Monaten Reise, die verstanden haben, was mit uns los war.“

Flüchtlingslager

In Ungarn leben zu dieser Zeit etwa 3000 Flüchtlinge aus Bosnien. Raif Tokovic und seine Cousins bleiben knapp zwei Monate in dem Lager, das bis 1990 eine amerikanische Kaserne gewesen ist. Es wird bewacht, man kann nicht einfach gehen. Drei Tag lang schlafen sie sich die Erschöpfung aus den Gliedern. Seine Familie daheim hat unterdessen keine Ahnung, wo ihr Sohn ist, ob er überhaupt noch lebt.

Drei Telefonzellen gibt es in dem Lager. Hunderte von Menschen stehen hier Schlange. Nach Tagen ist Raif Tokovic an der Reihe. Er ruft seine Tante an, seine Eltern haben kein Telefon. In der Leitung ist erst mal nur Stille, dann Tränen und dann Erleichterung. Er kann die Nummer der Telefonzelle hinterlassen, die die Tante in Serbien dem Onkel in Frankfurt am Main weiterleitet. Endlich kommen die beiden in Kontakt. Erst kommt Geld aus Deutschland, dann die Einladung. „Mit einer Einladung konnte man zur Deutschen Botschaft gehen und ein Visum beantragen“, sagt Raif Tokovic. Als er es bekommt, küsst er das Papier.

Angekommen

Von Budapest gelangt er mit der Bahn über Prag nach Frankfurt – immer wachsam und immer in Sorge, die Mainmetropole zu verpassen. „Ich sprach ja kein Deutsch, verstand die Durchsagen nicht.“ Ein Fremder nimmt ihn in Frankfurt mit aus dem Zug, ruft seinen Onkel an, die Flucht ist zu Ende.

Raif Tokovic will jetzt Geld verdienen – für sich und seine Familie in Serbien. Er findet schnell Arbeit am Bau. Er ist ehrgeizig, macht den Schweißerschein, den Kranschein, arbeitet sich hoch bis zum Polier. Deutsch lernt er nebenbei. Nach einem Arbeitsunfall muss er umschulen und wird Busfahrer. Über Verwandte lernt er seine Frau Zeliha kennen. Sie kommt aus Beverungen, hat hier Abitur gemacht. Ihre Eltern aber sind aus der selben Gegend wie die Tokovics. Was für ein Zufall. Die beiden bekommen drei Kinder. 2001 erhält er auch den deutschen Pass. Zum ersten Mal nach seiner Flucht kann er seine Eltern besuchen. Die Regularien sehen vor, dass man sich bei der örtlichen Polizei anmelden muss. Raif Tokovic tut das – und wird festgenommen. „Sie haben mich zum Militärbüro gebracht, in ihren Augen war ich ja ein Deserteur.“ Erst nach Stunden und einem Anruf in der deutschen Botschaft in Belgrad lässt man ihn gehen.

Unternehmensgründung

Beverungen ist jetzt die neue Heimat von Raif Tokovic. Als Busfahrer ist er erst bei einer Firma in Fürstenberg, dann in Beverungen angestellt. Aber immer intensiver reift in ihm die Idee, sich selbstständig zu machen. Und er wagt es. 2013 besteht er die Prüfung zum Verkehrsleiter, bekommt den Unternehmerschein und beginnt mit der Planung eines eigenen Reiseprogramms, startet das Geschäft zunächst mit einem Bus. Die Buchungen kommen – und seine Art kommt an. Er ist nicht nur Fahrer, sondern auch Gastgeber, Unterhalter. Er ist penibel, was die Sauberkeit und Sicherheit seiner Busse angeht, will, dass sich seine Gäste an Bord wohl fühlen. Die Nachfrage reißt nicht ab. Er kauft also einen zweiten Bus, dann einen dritten, stellt Fahrer ein. Seine Angebote werden nicht zu 100 Prozent gebucht, sondern zu 150 Prozent. Tokovic vergrößert sich weiter. Im Beverunger Gewerbegebiet kauft er 2017 ein etwa 3000 Quadratmeter großes Gelände, um seine inzwischen fünf Busse unterzustellen und den Kunden Parkplätze anbieten zu können. Ein sechster Bus wird 2019 bestellt. Am 13. März 2020 kommt der Fahrzeugbrief. Am 16. März meldet er alle Busse ab. Der Corona-Lockdown ist da.

Corona

Für Raif Tokovic ist die Zeit seitdem schlimmer als seine Monate währende Flucht als junger Mann. Seine Aushilfen muss er nach Hause schicken, seine drei fest angestellten Fahrer in Kurzarbeit. Er selbst hat schlaflose Nächte. Sein Unternehmen ist noch jung, die Schulden dementsprechend hoch. Auf Linien- oder Schulbusverkehr kann er nicht zurückgreifen. Er bietet Reisen an. Doch es verreist niemand. Um nicht verrückt zu werden, sucht er sich Beschäftigung, arbeitet am Katalog für die nächste Saison, verkleidet die Halle im Gewerbegebiet, baut sie aus, legt Kundenparkplätze an – überdacht und abgeschlossen. 94 Tage dauert der Lockdown, jeden Tag arbeitet er auf dem Gelände.

Seit Mitte Juni sind drei Busse wieder unterwegs, doch selbst die Unkosten können sie nicht erwirtschaften. Knapp 2000 Passagiere wurden bis jetzt befördert. An Bord herrscht Maskenpflicht, an den Ein- und Ausstiegen sind Desinfektionsspender. Für manche ist die Maske kein Problem. Man gewöhne sich ja auch an die Brille oder das Hörgerät, heißt es dann. Andere haben Angst. Und wer Angst hat, bucht keine Reise. Auch wenn er weiß, dass die Luft im Bus 30mal in der Stunde ausgetauscht wird und dass regelmäßig Pausen eingelegt werden.

Hoffnung

Die Ungleichbehandlung ärgert Raif Tokovic. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt brumme das Busgeschäft – ohne Maskenpflicht, hört er von Kollegen. Ihm nutzt das nichts. Leckerbissen im Pogramm hat er aber auch. Zwiebelmarkt in Weimar etwa oder die Kreativa in Dortmund finden statt. Fünf Tage Gardasee und Musicals in Hamburg sind auch dabei. Die Weihnachtsmärkte, die stattfinden, fährt er auch an.

„Wir kommen über dieses Jahr. Aber wenn es nächstes Jahr im März nicht weitergeht...“ Zeliha Tokovic spricht den Satz nicht zu Ende. Ihr Mann verweist stattdessen auf das Highlight des Reiseprogramms 2021: die große Balkan-Rundreise in seine Heimat. Raif Tokovic wäre stolz, seinen Gästen zeigen zu können, wo er geboren wurde.

Er will den Mut nicht verlieren.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7590173?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198395%2F2851039%2F
Hakenkreuz-Christbaumkugel in Chat-Gruppe der Polizei
Im Dritten Reich gab es Christbaumkugeln mit Hakenkreuz. Dieses Bild entstand in einer Ausstellung über historischen Weihnachtsschmuck. Das Gesetz erlaubt das Zeigen eines solchen Fotos in Berichten über zeitgeschichtliche Vorgänge. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker