Vor 50 Jahren starb Anton Waldeyer, Autor des Lehrbuchs „Anatomie des Menschen“
Pflichtlektüre für Medizinstudenten

Beverungen-Tietelsen/Berlin (WB). Sein Todestag jährt sich an diesem Mittwoch zum 50. Mal. Doch wegen seiner medizinischen Lehrbücher ist der Name Anton Waldeyer auch nach langen Jahren immer noch vielen Menschen in der Region sowie Medizinern in ganz Deutschland ein Begriff.

Mittwoch, 10.06.2020, 03:56 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 05:01 Uhr
Auch 50 Jahre nach seinem Tod ist das Grab von Anton Waldeyer noch auf dem Friedhof in Tietelsen zu finden. Foto: Ellen Waldeyer

Professor Dr. med. et phil. Anton Waldeyer ist in Tietelsen geboren und aufgewachsen. Am 10. Juni 1970 endete sein bewegtes Leben als Arzt und Anatomiedozent, in dem er nicht nur zahlreiche Auszeichnungen erhielt, forschte und praktizierte, sondern vor allem Wissen vermittelte und Lehrbücher schrieb – die wiederum begleiten Ärzte und Medizinstudenten bis heute.

Biografie

Am 3. März 1901 wurde Anton Waldeyer als ältestes Kind einer Landwirtsfamilie geboren. Zunächst besuchte er die Volksschule in Tietelsen, ging ab 1914 für drei Jahre zur Rectoratsschule nach Brakel und anschließend an das Gymnasium Theodorianum in Paderborn, wo er 1921 sein Abiturzeugnis erhielt. Nach der Schule entschied er sich für das Medizinstudium, das er in Münster begann. Während seiner Studienzeit besuchte er mehrere Universitäten und legte schließlich sein medizinisches Staatsexamen in Würzburg mit der Note „sehr gut“ ab. 1927 erhielt er seine Approbation als Arzt und forschte indes in verschiedenen Bereichen der Anatomie, wo er auf Ergebnisse stieß, die heute zum Allgemeingut der Medizinstudenten gehören.

Anton Waldeyer

Anton Waldeyer Foto: privat

Schanghai und Berlin

Zum Wintersemester 1930/1931 hielt Anton Waldeyer seine ersten Vorlesungen – zunächst Anatomie für Zahnärzte. Daraufhin schloss sich seine größte Reise an, denn im Jahr 1931 wurde Anton Waldeyer als Professor und Direktor des Anatomischen Instituts an die Tung-Chi-Universität nach Schanghai berufen, wo er bis 1935 blieb. In den folgenden Jahren lehrte Waldeyer an zahlreichen Universitäten, unter anderem in Münster und Berlin. Dort war er nach dem Zweiten Weltkrieg tatkräftig am Wiederaufbau des anatomischen Institutes der Humboldt-Universität beteiligt, das er lange Jahre leitete. Nach Engagements an der chirurgischen Universitäts-Klinik Charité in Berlin folgte 1961 die Aufgabe als Dekan der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität.

„Das war nicht immer einfach. Die politischen Verhältnisse, unter denen wir seiner Zeit als Westberliner an der Humboldt-Universität arbeiteten, um fehlende Ärzte ausbilden zu helfen und das Lehrbuch meines Mannes nach so manchen Kriegseinwirkungen fertigzustellen, waren äußerst schwierig“, sagte Ursula Waldeyer im August 2002 anlässlich des 100. Geburtstages ihres Mannes in Tietelsen. Die beiden halfen auch Bedrängten und Verfolgten in der DDR und brachten sich damit selbst in Gefahr. „Kraft zu allem gab meinem Mann immer eine tiefe Verbundenheit zu seiner westfälischen Heimat“, so Ursula Waldeyer.

Pflichtlektüre im Studium

Zahlreiche hohe Auszeichnungen in den Jahren in Berlin zeugen von der Wertschätzung, die Anton Waldeyer erfuhr. Ihm selbst lag indessen stets die Ausbildung der studentischen Jugend besonders am Herzen. Diese wollte er mit einem stark praktisch orientierten Lehrbuch fördern, um bei den jungen Medizinern das Verständnis für funktionelle Zusammenhänge zu wecken. Das von Anton Waldeyer erstmals 1942 aufgelegte Werk „Anatomie des Menschen“ war als beliebtes Standardwerk in zwei Bänden jahrzehntelang Pflichtlektüre angehender Ärzte. Angelegt war es als Grundriss der angewandten Anatomie für Studierende und Ärzte.

Damals habe das Werk eine starke Resonanz erfahren und die erste Auflage sei innerhalb eines Jahres vergriffen gewesen, schreibt Dr. H. Schierhorn in seiner Gedenkschrift zu dem Anatom. Bis 2012 folgten deshalb insgesamt 19 Auflagen, mit denen Generationen von Medizinern in Deutschland im Studium befasst waren. „Das Lehrbuch ist auch heute noch absolut relevant“, macht Prof. Dr. Friedrich Paulsen, Vorstandsmitglied und Schriftführer der Anatomischen Gesellschaft, deutlich. „Allerdings gibt es mittlerweile modernere Lehrbücher, die insbesondere aufgrund des ansprechenderen Bildmaterials gekauft werden“, sagt der Mediziner aus Bentfeld bei Hameln.

Stiftung

Am 10. Juni 1970 verstarb der renommierte Arzt und Professor im Alter von 69 Jahren. Auf seinen Wunsch hin beerdigte man ihn in seiner Heimat Tietelsen. Seit 2002 gibt es im Ort einen Gedenkstein für Anton Waldeyer, der am Standort seines Elternhauses in Tietelsen nahe der Kirche steht. Er und seine 2006 verstorbene Ehefrau Ursula hinterließen der Anatomischen Gesellschaft testamentarisch eine Geldsumme, die von der „Anton-Waldeyer-Stiftung“ verwaltet wird. Aus den Erträgen des Stiftungskapitals wird in regelmäßigen Zeitabständen der „Anton-Waldeyer-Preis“ für die Anatomische Gesellschaft ausgelobt. Mit diesem soll der wissenschaftliche Nachwuchs gefördert werden und die große Bedeutung der Anatomie für das ärztliche Handeln in Erinnerung bleiben.

Dominik Waldeyer aus Natzungen, Großneffe von Anton Waldeyer und Vorstandsmitglied der Stiftung, bewahrt alte Akten, Nachrufe sowie Urkunden und Briefe auf, damit der renommierte Arzt und Anatom nicht in Vergessenheit gerät. „Wenn man jemanden in der Familie hat, der so viel geleistet hat und als kleine Berühmtheit gilt, dann sollte man doch seine Hinterlassenschaften in Ehren halten und daran erinnern, was für ein Arzt aus dem kleinen Kreis Höxter hervorgegangen ist“, meint der 41-Jährige.

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