Kabarettist Jürgen Becker balanciert auf der Gürtellinie – 300 Zuschauer in Beverungen Immer nur das Eine

Beverungen (WB). In seinem Bühnenprogramm »Volksbegehren – Die Kulturgeschichte der Fortpflanzung« spricht Jürgen Becker Dinge an , die vielen anderen Kabarettisten zu heikel sind. Unzensiert und höchst unterhaltsam war er am vergangenen Freitag auch in Beverungen zu erleben.

Von Roman Winkelhahn
Kabarettist Jürgen Becker hat mit seinem Programm »Volksbegehren – Die Kulturgeschichte der Fortpflanzung« das Publikum in Beverungen mit seinem unverkennbar unverkrampften und aufrichtigen Humor begeistert.
Kabarettist Jürgen Becker hat mit seinem Programm »Volksbegehren – Die Kulturgeschichte der Fortpflanzung« das Publikum in Beverungen mit seinem unverkennbar unverkrampften und aufrichtigen Humor begeistert. Foto: Roman Winkelhahn

Die Frauenarztpraxis von Petra Reinken aus Lauenförde feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Das Team trifft sich vor der Stadthalle – noch schnell ein Foto für die Pinnwand schießen, dann geht es auf die Plätze. Wieso Jürgen Beckers Kabarett? »Geht ja um Fortpflanzung«, scherzt Petra Reinken. Ein abendfüllendes Programm ausschließlich über das Begehren – kabarettistische Sexualkunde sozusagen. Das hätte es vor zwanzig Jahren nicht gegeben. Logisch, da gab es auch noch nicht so viel zu sagen. Heute verdrängen Dating-Apps und unrealistische Schönheitsideale jede Form des Romantischen. Jürgen Becker hat die Situation durchschaut und klärt auf: über Götter, Schönheit und die Parthenogenese der Blattlaus.

Kabarettist bezieht sich auf Sigmund Freud

Zu seiner Zeit löste Édouard Manets Meisterwerk »Im Wintergarten« – wie viele Werke des Impressionisten zuvor – einen Kunstskandal aus. Nicht, weil die Figuren zu viel Haut zeigen – im Gegenteil: Mann und Frau sind von oben bis unten bekleidet. Der Grund für das damalige Entsetzen war der bloße Blick des bärtigen Herren auf die junge Dame, denn er legte das offen, worüber im 19. Jahrhundert nur hinter verschlossenen Türen geredet wurde: die Begierde. Jürgen Becker zeigt das Bild auf einer Leinwand und erkennt deutliche Bezüge zur heutigen Zeit. »Beim Sex kommt das Tierhafte in uns zum Vorschein«, erklärt der Kabarettist. Diese Erkenntnis stammt von keinem geringeren als dem Psychologen Sigmund Freud – und mit ihr lasse sich viel erklären, so Becker, die #MeToo-Debatte zum Beispiel.

»Die Blattlaus-Männer spielen in der Zeit wahrscheinlich Karten«

»Das Begehren hat eine Sprengkraft, der selbst Götter nicht entkommen – und einige Starregisseure auch nicht.« Während Zeus sich durch halb Griechenland geschlafen hat, predigt die Kirche noch heute: Sex dient einzig und allein der Fortpflanzung. »Völliger Schwachsinn«, meint Becker. »In erster Linie dient es der Durchmischung unserer Gene untereinander«, erklärt er. »Wenn wir alle gleich wären, hätten Bakterien und Viren es einfach. Und zehntausend Deppen will die Natur auch nicht. Wie das aussieht, kennen wir von Pegida.« Andere Tiere haben andere Methoden, für die der Kabarettist ein paar Beispiele gibt: »Blattläuse machen Parthenogenese, da befruchtet sich das Weibchen einfach selbst. Die Blattlaus-Männer spielen in der Zeit wahrscheinlich Karten. Vielleicht hat ja einer ein gutes Blatt.« Parthenogenese klingt logisch: »Wer paart sich schon gerne mit einer Blattlaus? Die sind grün und lästig«, findet Becker. »Okay, aber bei Joschka Fischer hat das ja auch geklappt.« Weniger lustig fände es Becker, wenn die menschliche Fortpflanzung so abliefe wie die der Bienen: »Da kann nur die Königin Nachwuchs bekommen. Heißt, wenn wir Kinder wollen, müssten wir alle mit Angela Merkel schlafen. Die hat da bestimmt auch keine Lust drauf.«

Unverkrampfter, aufrichtiger Humor

Jürgen Becker, der für seine Bühnenwerke bereits viele namhafte Kabarett-Auszeichnungen erhielt, konnte das Beverunger Publikum schon nach wenigen Minuten für sich gewinnen und begeisterte die 300 Zuschauer mit seinem unverkrampften, aufrichtigen Humor, für den er vor allem im Kölner Karneval bekannt ist. Seit 2016 ist er mit seinem Programm »Volksbegehren – Die Kulturgeschichte der Fortpflanzung« in Deutschland unterwegs.

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