Gebürtiger Reelsener hilft als Arzt Flüchtlingen auf der Insel Samos
„Jede Mühe wert“

Bad Driburg-Reelsen (WB). Der Reelsener Reiner Lübeck hat sechs Monate als Arzt auf der griechischen Insel Samos verbracht. Im Februar ist er aufgebrochen, um den vielen Flüchtlingen dort mit seinem medizinischen Wissen zu helfen. Mitte August ist er zurückgekehrt und berichtet im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT von seinen Erfahrungen. Die Camps auf den Inseln sind restlos überfüllt – auch das Flüchtlingscamp auf Samos, wo Reiner Lübeck praktiziert hat. Um die 7000 Geflüchtete leben auf engstem Raum in Containern und Zelten.

Montag, 28.09.2020, 06:11 Uhr aktualisiert: 28.09.2020, 09:26 Uhr
Den Geflüchteten wurde mit ganz unterschiedlichen Therapien und Behandlungen geholfen. Hier geht es in einer Art Meditation darum, die Konzentration auf die Hand zu lenken. Um die Apotheke im Flüchtlingscamp hat sich Reiner Lübeck gekümmert. Foto: Privat

Sechs Monate beurlaubt

Seit 2019 ist der aus Reelsen stammende Arzt immer mal wieder für kurze Zeit nach Samos aufgebrochen und hat seinen Urlaub dort verbracht, indem er den Geflüchteten im Camp medizinisch geholfen hat. Im Februar hat sich der 35-Jährige dann für sechs Monate von seiner eigentlichen Tätigkeit als Arzt auf der Intensivstation im Dresdener Universitätsklinikum verabschiedet und reiste nach Griechenland.

Während seiner Tätigkeit bei der „Med´EqualiTeam“ war Reiner Lübeck nicht bloß Arzt beschäftigt. Im Anschluss an den Arbeitsalltag in der Praxis folgten die Organisation der Apotheke sowie das Anwerben von Spenden. Reiner Lübeck hat in der Zeit auf der Insel viel erlebt und dazugelernt. „Es wird einem vor Augen geführt, wie essenziell die medizinische Versorgung ist und dass sie gar nicht so selbstverständlich ist wie man das in Deutschland immer wahrnimmt“, berichtet der 35-Jährige. „Man kann auch mit wenigen Ressourcen viel erreichen“, meint er. In Dresden auf der Intensivstation sei er bloß einer von vielen Ärzten. Außerdem würden dort immer möglichst viele Ressourcen aufgewendet, um den schwer erkrankten Menschen zu helfen. Auf Samos sei seine Arbeit eher mit der in einer Hausarztpraxis vergleichbar. Zehn Ärzte kümmerten sich um 100 bis 120 Patienten am Tag mit Krankheiten, die in Deutschland kaum noch eine Rolle spielen. Krätze und Tuberkulose werden mit einfachen Medikamenten und Behandlungen bekämpft. Aber auch HIV-Infektionen gibt es viele im Camp.

Erste-Hilfe-Kurse

„Wir hatten ein kleines, starkes Team mit Krankenschwestern und Ärzten, die aus ganz Europa stammen. Wir haben auch Gesundheitsworkshops angeboten, sexuelle Aufklärung geleistet und Erste-Hilfe-Kurse durchgeführt“, erinnert sich der ehemalige Absolvent des Gymnasiums St. Xaver in Bad Driburg.

Für die Geflüchteten war das Team von Reiner Lübeck der erste medizinische Anlaufpunkt. „Da hat man natürlich die ein oder anderen Patientengeschichte gehört, die einen schon schockiert hat“, sagt der Reelsener nachdenklich. „Einige Menschen aus Afrika wurden zum Beispiel in ihren Heimatländern gefoltert. Aufgrund von gebrochenen Knochen, die falsch verheilt sind, benötigen sie dringend Physiotherapie“, erzählt er. Noch wichtiger als die körperliche Versorgung sei aber manchmal die psychische.

Dankbarkeit gespürt

„Bei unserer Arbeit haben wir alle viel Dankbarkeit empfangen dürfen. Man hat gespürt, dass wir einen Unterschied gemacht haben und einiges verändern konnten“, sagt der begeisterte Mountain-Biker. Er habe beispielsweise einen 14-jährigen Jungen mit Typ I Diabetes behandelt. Auf dem Schiff hatte er sein Insulin verloren und nun mehrere Tage ohne die notwendigen Spritzen durchlebt. „Wir haben ihm helfen können, ein großes Krankheitsverständnis für seinen Diabetes zu gewinnen, so dass er jetzt gut mit seiner Krankheit umgehen kann“.

Eines der größten Probleme, das Reiner Lübeck aktuell sieht, ist das Coronavirus, das es bisher glücklicherweise noch nicht in das Camp geschafft habe. Auf der Insel Samos habe es bisher nur einzelne Fälle in der griechischen Bevölkerung gegeben, doch man gehe davon aus, dass das Virus auch noch die Insel treffen werde. „Das möchte ich mir gar nicht ausmalen“, sagt Lübeck, „die Menschen können in ihren Zelten nicht isoliert werden, es gibt kaum Testkapazitäten in Griechenland und das Gesundheitssystem ist maßlos überlastet.“

Corona weiteres Problem

Welche Verzweiflung und Unruhe das Eintreten des Corona-Virus in den überfüllten Flüchtlingslagern auslöst, sieht man in diesen Tagen auf der Insel Lesbos. Dort ist das Flüchtlingslager Moria, das vergleichbar ist mit dem Flüchtlingslager auf Samos (Samos zählt allerdings circa 5000 Geflüchtete weniger), fast vollständig ausgebrannt. Wie es zu dem Großbrand kam, ist noch nicht sicher, es gibt aktuell Spekulationen über Brandstiftung. Nun leben Tausende Migranten auf der Straße unter menschenunwürdigen Bedingungen. Anfang September wurde ein Somalier positiv auf das Corona-Virus getestet. Daraufhin breitete sich das Virus schnell im Camp Moria aus.

„Das ist nicht verwunderlich“, sagt Reiner Lübeck auf Nachfrage des WESTFALEN-BLATTes. „Die Möglichkeiten zur sozialen Distanzierung und zur Aufrechterhaltung von Hygiene sind sehr schlecht und die Maßnahmen, die die NGOs getroffen haben, wie zum Beispiel Verteilung von Seife, Masken, Installation von Toiletten und Aufklärung, sind sicherlich nicht ausreichend“, so der 35-Jährige.

Brände auf Samos

Zu Bränden innerhalb des Lagers sei es auch schon auf Samos gekommen, da Feuerstellen aufgrund der engen Wohnverhältnisse improvisiert und oft nicht gesichert sind. Starke Winde lassen die Flammen schnell übergreifen, doch die Brände hätten nie ein solches Ausmaß erreicht wie im Lager Moria.

„Mir persönlich tun die vielen Menschen leid, die jetzt ohne die bisherige, wenn auch völlig unzureichende, Unterkunft auskommen müssen. Dadurch ist auf Lesbos auch die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten, nicht nur von Covid 19, sehr hoch. Daher kann die Lösung nur sein, das Lager und die Insel zum Schutz der Bewohner und der Geflüchteten endlich zu evakuieren und angebrachte Unterkünfte bereitzustellen“, fordert der engagierte Arzt aus Reelsen. „Es ist wirklich ein Armutszeugnis, dass die Europäische Union einer solchen Situation an ihren Grenzen zuschaut. Die Länder der EU, und auch Deutschland, sind in der Lage, die Geflüchteten in den Lagern, die vor Krieg und Not geflohen sind, aufzunehmen und menschenwürdig unterzubringen“, meint Reiner Lübeck.

Während seiner Zeit auf Samos hat die Pandemie schon zu Beginn seines Aufenthalts die Arbeit in der Praxis stark verändert. Die Wartezimmer wurden nicht mehr genutzt, stattdessen warteten die Patienten draußen. Außerdem wurden alle Behandlungen, die nicht dringend im Innern der Praxis erfolgen mussten, im Außenbereich durchgeführt.

Bereicherung

Einschüchtern lassen hat sich der Ehrenamtler nicht – weder vom Coronavirus noch von anderen ansteckenden Krankheiten, die die Menschen dort mitbringen. Für ihn sei dieses halbe Jahr, in dem er sich unbezahlten Urlaub von der Uni-Klinik Dresden genommen hat, jede Mühe wert gewesen und habe ihn in seinem Wissen und in seiner Weltanschauung sehr bereichert.

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