Mediziner kritisieren Umgang mit Adipositas-Erkrankten – Politiker sollen helfen „Krankenkassen verwehren Therapie“

Bad Driburg (WB). 138 Kilogramm hat Mone Hinse aus Bredalar auf die Waage gebracht. Zu viel – das wusste sie selbst. Aber Diäten und eigene Versuche abzunehmen sind gescheitert. „Man traut sich nicht mehr vor die Tür, hat kein Geld und keinen Job“, nennt sie nur einige der Folgen.

Von Frank Spiegel
Dr. Florian Dietl (links) und Dr. Harry Feist betreuen zusammen mit dem Team des Adipositas-Kompetenzzentrums im St.-Josef-Hospital Menschen, Bad Driburg, die mit einer Operation von Adipositas geheilt werden – wie Mone Hinse.
Dr. Florian Dietl (links) und Dr. Harry Feist betreuen zusammen mit dem Team des Adipositas-Kompetenzzentrums im St.-Josef-Hospital Menschen, Bad Driburg, die mit einer Operation von Adipositas geheilt werden – wie Mone Hinse. Foto: Frank Spiegel

2015 fasste sie sich ein Herz und stellte sich im St.-Josef-Hospital in Bad Driburg bei Dr. Florian Dietl vor, Chef des dortigen Adipositas-Zentrums. Zwei Monate später begann die Behandlung ein halbes Jahr später erfolgte die Operation des Magens und fortan ging es bergab – mit den Kilos. Heute wiegt die junge Frau knapp 70 Kilogramm, hat sich also gewichtsmäßig fast halbiert und fühlt sich pudelwohl in ihrer Haut. „Ich habe wieder Spaß am Leben, bin nicht mehr eingeschränkt und ständig müde“, freut sie sich.

Wieder Spaß am Leben

Geht es nach Dr. Florian Dietl, könnte es deutlich mehr Menschen so gehen wie Mone Hinse. Die Praxis der Krankenkasse lasse Deutschland allerdings zu den Schlusslichtern bei der operativen Behandlung von krankhafter Fettsucht werden.

„Morbide Adipositas, also die krankhafte Fettsucht, ist ein zunehmendes Problem in sämtlichen Industriestaaten. Allein in Deutschland sind derzeit 2,5 Prozent der Bevölkerung, also mehr als 2 Millionen Menschen, krankhaft fettsüchtig“, klärt der Mediziner auf. Dabei handele es sich um eine chronische Erkrankung, die auch von der Weltgesundheitsorganisation als Erkrankung anerkannt sei.

Dennoch würden von den Krankenkassen in Deutschland „bürokratische und juristisch nicht mehr haltbare Barrieren aufgebaut, welche sehr vielen Patienten eine adäquate Therapie verwehren.“ Deutschland hinke weltweit in der Zahl der pro 100.000 Einwohner durchgeführten Operationen hinterher. Im Vergleich zu den Verhältnissen in den USA oder auch in den Benelux-Staaten liege der Anteil der operierten Patienten in Deutschland um den Faktor zehn tiefer.

Der Chefarzt hat kein Verständnis dafür, dass Menschen, die diese Operation wollen, bei ihren Krankenkassen einen aufwendigen und langwierigen Prozess durchlaufen müssen. „Morbide Adipositas ist eine Krankheit. Man stelle sich vor, bei einem Menschen würde Krebs diagnostiziert und dieser müsste die dringend gebotene Operation erst bei seiner Krankenkasse beantragen und begründen – ein Unding“, sagt Dr. Florian Dietl.

Therapiekonzept

Eine der Hürden, die die Krankenkassen vor eine Kostenzusage stellen, trägt den Titel „multimodales Therapiekonzept“. Dieses umfasst nach Aussagen von Dr. Florian Dietl durchaus auch sinnvolle Dinge. So werden die Patienten in einem Kursus über sechs Monate vorbereitet und geschult. Das Konzept umfasst unter anderem Ernährungsberatung, psychologisches Training, ernährungsmedizinische Schulungen und detaillierte Informationen über die unterschiedlichen Operationsmöglichkeiten.

Drei Stunden Sport pro Woche nachzuweisen, sei nur bedingt sinnvoll. Aber einen viele Seiten langen Antrag mit unzähligen Fragen zu beantworten und fünf Prozent seines Gewichtes abnehmen zu müssen, hält er für überflüssig – vor allem die Forderung nach Gewichtsreduktion. „Bei einem Body-Mass-Index von mehr als 35 kann das nicht funktionieren und führt zum Jojo-Effekt, das Gewicht steigt also noch“, beschreibt er die Unsinnigkeit dieser Forderung.

Was geboten sei, sei eine Operation, in besonders schweren Fällen auch vor der Schulung, die sich dann anschließe. Dass Krankenkassen die Kostenzusage verweigerten, führe zu Klagen von Patienten wegen unterlassener Hilfeleistung.

Unterlassene Hilfeleistung

Dass die Operationen mitunter sehr raschen Erfolg bringen, ergänzt Dr. Harry Feist, leitender Oberarzt der inzwischen zum Adipositas-Kompetenzzentrum zertifizierten Einrichtung. „Wir haben aktuell einen Patienten, der hatte extremen Bluthochdruck, Atemaussetzer, Diabetes. Neun Tage nach der Operation war der Bluthochdruck ebenso verschwunden wie der Diabetes“, nennt er ein Beispiel. Natürlich sei der Mann in der kurzen Zeit nicht schlank geworden. „Aber allein der veränderte Stoffwechsel durch die OP kann das bewirken“, erläutert er.

Schon allein aus volkswirtschaftlichen Gründen sei es unsinnig, dass Krankenkassen derartige Hürden aufbauten. Der wirtschaftliche Schaden, der durch Folgeerkrankungen der Adipositas entstehe, sei weitaus höher als die Kosten von 7500 Euro pro Operation. „Dabei sind die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, ökonomisch zu wirtschaften“, drückt auch er sein Unverständnis aus.

Welt-Adipositas-Tag

Die Mediziner wollen nun mit dem Bundestagsabgeordneten Christian Haase und dem Landtagsabgeordneten Matthias Goeken heimische Politiker für das Thema sensibilisieren, damit die Krankenkassen von der bisherigen Praxis abweichen. Heute ist der World-Obesity-Day, der Welt-Adipositas-Tag, weswegen die Dr. Florian Dietl und Dr. Harry Feist das Thema öffentlich machen.

Bei Mone Hinse hat es übrigens 15 Monate nach der Schlauchmagen-OP gedauert, bis ihr Gewicht sich nicht weiter reduziert hat. „Und ich würde es jederzeit wieder so machen“, sagt sie.

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