Vlothos Bürgermeister-Kandidaten: 7 Fragen und 21 Antworten
Sie wollen ins Rathaus

Vlotho (WB/jg). Drei Bürgermeisterkandidaten bewerben sich am 13. September um den Chefsessel im Vlothoer Rathaus. Doch was sind ihre Ziele und Visionen? Wie schätzen sie sich selber ein? Das WESTFALEN-BLATT hat Hans Schemel (Die Linke), Amtsinhaber Rocco Wilken (SPD, Grüne Liste Vlotho) und Christoph Roefs (unabhängig) um Antworten gebeten.

Samstag, 05.09.2020, 04:18 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 04:20 Uhr
Wer wird neuer Chef im Vlothoer Rathaus? Foto: Jürgen Gebhard

Warum glauben Sie, dass Sie für das Amt des Bürgermeisters geeignet sind?

Hans Schemel: Ich habe Erfahrung in der politischen Arbeit in Vlotho und konkrete Vorstellungen, um Vlotho weiterzuentwickeln. Ich kann vermitteln und bin konsensfähig. Meine wichtigen Ziele sind klar und transparent. Offen sein für Ideen und Wünsche der Bürger und anderer Parteien, ist für mich eine Grundvoraussetzung für dieses Amt. Als Verwaltungschef ist es wichtig, Mitarbeiter zu motivieren und Arbeitsplätze zu sichern.

Rocco Wilken: In den letzten fünf Jahren haben wir in Vlotho viel bewegt und gemeinsam eine Menge erreicht. Wir sind in fast allen Bereichen auf einem guten Weg.

Christoph Roefs: Vor dem Hintergrund meiner mehr als 30-jährigen beruflichen Erfahrung als Moderator und Gestalter in der freien Wirtschaft und der 15 Jahre Kommunalpolitik auf Kreisebene glaube ich nicht nur, sondern weiß ich, dass ich die Aufgaben, die ein verantwortungsvoller Bürgermeister zu bewältigen hat, im Sinne der Menschen unserer Stadt zielgerichtet und erfolgreich übernehmen werde. Gerade das Herangehen an Themen mit meiner Sicht als Unternehmer wird Raum schaffen für neue Ideen und Vorgehensweisen. Das wird neuen Schwung bringen – in Politik, Verwaltung und die Stadt selbst, also auf allen Ebenen. Und „Mitmacher“ werde ich finden.

Stärken und Schwächen

Wo sehen Sie Ihre größte Stärke?

Schemel: Ich bin geduldig, zuverlässig, zielgerichtet, konsensfähig, innovativ und bereit, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Außerdem kann ich zuhören, Ideen aufnehmen und durchsetzen.

Wilken: Ich bin persönlich immer ansprechbar, höre zu und ich kümmere mich um die Belange der Bürger*innen. Durch meine Familie, Freunde und die Vereinsarbeit erhalte ich die notwendige Bodenhaftung für die tägliche Arbeit, dafür bin ich sehr dankbar.

Roefs: Auf Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören und das Gesagte wirklich aufzunehmen und dann im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen in aktives Tun umzusetzen, das ist meine Stärke. Gegenteilige Meinungen zuzulassen und zielgerichtet im Interesse der Beteiligten einen gemeinsam getragenen Kompromiss zu erreichen, das bestimmt mein Handeln schon heute und wird es auch zukünftig tun. Im Übrigen unabhängig davon, ob als Bürgermeister von Vlotho oder weiter als Unternehmer. Die Kraft und Ausdauer, aber auch das Geschick in unter Umständen sehr emotional geführten Diskussionen diesen Weg erfolgreich zu gehen, bringe ich mit. Sie werden sehen.

Was können Sie nicht so gut?

Schemel: Dass mir hierzu spontan nichts einfällt, lässt darauf schließen, dass ich in vielen Punkten nicht selbstkritisch genug bin.

Wilken: Ich kann ganz schlecht ertragen, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Sexualität diffamiert, ausgegrenzt und diskriminiert werden. Mit der Vlothoer Erklärung haben wir ein starkes Zeichen für Vielfalt, Demokratie und Toleranz gesetzt. Hierfür möchte ich mich bei allen Unterstützer*innen bedanken.

Roefs: Wie bei allen Menschen ist die Zahl der Dinge, die man nicht so gut kann, mit Sicherheit größer als die der Dinge, die man gut oder sehr gut kann. Der Platz dürfte also für diese Liste nicht reichen. Ich will das mit Blick auf meine Kandidatur und das angestrebte Amt auf einen Punkt bringen: Die Vergangenheit verändern, das kann ich nicht nur nicht gut, das kann ich gar nicht. Als neuer Bürgermeister von Vlotho übernehme ich Vieles aus der Vergangenheit. Hier ist mit Weitsicht Gutes weiter zu entwickeln, bei anderen Themen sind Korrekturen vorzunehmen und Vorhaben, die in den Anfängen stecken, visionär voranzutreiben.

Bürgernähe

Was verstehen sie unter Bürgernähe?

Schemel: Den Kontakt und das Gespräch suchen. Da das immer selektiv ist, ist mir ein „Bürgerforum“ sehr wichtig, in dem die Bürger mit der Politik und Verwaltung ins Gespräch kommen können, in dem Projekte vorgestellt werden und die Bürger auch mit darüber diskutieren können. In dem „Bürgerforum“ sollte mit den Bürgern auch darüber gesprochen werden, was gut gelaufen ist und wo es Verbesserungsbedarf gibt. Die jetzige Form, dass die Bürger bei den öffentlichen Teilen der Sitzungen zuhören und eventuell nur eine Frage stellen dürfen, ist so nicht befriedigend.

Wilken: Bürgernähe bedeutet für mich ansprechbar zu sein. Die Verwaltung orientiert sich an den Bedürfnissen und Problemen der Bürger*innen. Ebenso sind pragmatische Hilfestellungen bei allen Fragen und Lösungen unser Ziel. Wir orientieren uns am Machbaren. Wie bei der Sportplatzentwicklung in Exter, der Turnhalle auf dem Bonneberg, dem Radwegekonzept und dem Projekt „Kulturfabrik Weiterdenken” setzen wir deutliche Zeichen.

Roefs: Als Bürgermeister steht man nicht als Einzelperson für Bürgernähe. Insoweit verstehe ich diesen Begriff auch als Aufgabe für das gesamte Team der Verwaltung. Ich werbe nicht ohne Grund mit den drei Worten „sehen, hören, sprechen“. Als Bürgermeister und damit als Teamleiter werde ich mich und das gesamte Team dieser Grundhaltung verpflichtet sehen. Bürgernähe als gelebtes Vorbild, in der Verwaltung und der Politik. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Fachbereichen sind Ansprechpartner für Fragen und verstehen ihre Dienstleistung als Service für die Bürgerinnen und Bürger. Aufgaben werden im Team gelöst. Das ist Bürgernähe.

Was schon gut läuft

Was läuft in Vlotho zurzeit schon recht gut?

Schemel: Vieles. Die Zusammenarbeit im Rat, mit der Verwaltung und mit dem jetzigen Bürgermeister. Dazu beigetragen hat natürlich auch die politische Zusammensetzung des Rates. Wir können auf viele Erfolge zurückblicken.

Wilken: Wir nehmen wieder Geld für wichtige Projekte in die Hand. Es werden Konzepte erstellt und umgesetzt: ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept), Konzepte für unsere Schulen, Liegenschaften, Radwege, Straßen und Digitalisierung. Vlotho greift wieder auf Fördertöpfe, die angeboten werden, zu. Dadurch können die Konzepte auch umgesetzt werden. Wir haben erfolgreiche Veranstaltungen etabliert, die in der Stadt zum Verweilen einladen (zum Beispiel Abendmarkt).

Roefs: Recht gut? – Also so lala? Dinge, die „recht gut“ laufen, werden nicht nur in Vlotho als normal angesehen. Ich darf die Frage also sicher dahingehend auslegen, dass Sie nach Dingen fragen, die gut laufen und zukünftig weiterverfolgt und entwickelt werden sollten. Da fallen mir Fairtrade-Stadt, KunstwerkStadt, die Kulturfabrik mit den dortigen Einrichtungen, ehrenamtliches Engagement und ein breit gefächertes Vereinsleben als Beispiele ein. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Wertungsfolge. Alles Bausteine, die helfen können, Vlotho in Zukunft in eine lebendige Stadt zu verwandeln. Alles in allem aber noch viel Luft nach oben.

Was besser werden soll

Was muss in der Stadt verbessert werden?

Schemel: Der Öffentliche Personennahverkehr, die Kommunikationsmöglichkeiten mit den Bürgern, die Straßenbaubeiträge können nicht so bleiben. Wir sollten auf die Zielvorstellung einer energieautarken Stadt hinarbeiten, die Stadt für Radtouristen attraktiver machen sowie die Landwirtschaft in Vlotho mit dem Endziel eines nachhaltigen Anbaus und artgerechter Tierhaltung stärken.

Wilken: Es gilt das Vorhandene zu erhalten. Ich bin sicher, dass wir sehr viel erreicht haben und dies gilt es zu bewahren. Wir haben eine starke, selbstbewusste und engagierte Bürgerschaft. Mehr als die Hälfte der Bürger*innen sind in Vereinen und Institutionen engagiert. So haben wir in unserem ländlichen Raum unglaublich viele Angebote für Jung und Alt. Diesen Einsatz und diese Angebote gilt es zu stärken. Corona hat gezeigt, dass wir füreinander da sind und uns helfen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin stolz auf die Menschen in Vlotho.

Roefs: Wenn ich „Stadt“ als Lebensraum verstehe, fallen mir sofort Stichworte ein: Sauberkeit, Sicherheit, ÖPNV, Fotovoltaik und Solarthermie, Innenstadtbelebung. Mit den vorgegebenen 640 Zeichen nicht allumfassend zu beantworten. Aber diese kurze Aufzählung macht schon die anstehenden Aufgaben deutlich: fördern und fordern, informieren, motivieren, reagieren. Stillstand ist Rückgang. Nur wenn wir gemeinsam das Verbesserungspotenzial erkennen, nur wenn wir die Aufgaben gemeinsam angehen – dann wird unser Vlotho besser. Als Wohnraum und Heimat, modern und nachhaltig, zukunftsfähig. Meine Mitwirkung und die des Teams kann ich zusichern.

Wo sparen?

Coronabedingt müssen die Kommunen mit geringeren Einnahmen rechnen. Wo würden Sie zuerst sparen und weshalb?

Schemel: Trotz Covid-19 sind die Gewerbesteuer-Einnahmen in Vlotho bisher nicht eingebrochen. Wir müssen deshalb in erster Linie daran denken, die vom Virus stark betroffenen Bereiche wie Gastronomie und Einzelhandel zu unterstützen. Selbstverständlich muss mit öffentlichen Geldern sorgsam umgegangen werden. Die Notwendigkeit eines Sparzwanges sehe ich in diesem Jahr nicht. Wie sich die Lage weiterentwickelt, weiß im Moment niemand.

Wilken: Wir betreiben in Vlotho keine Leuchtturmprojekte. Sparen könnte man ausschließlich an den freiwilligen Aufgaben, aber wer will das? Die Haushaltslage gibt keinen Grund dafür, zum Beispiel beim Sport, an der Bücherei, dem Freibad, den Spielplätzen, den Veranstaltungen, den Jugend-, Senioren- und Kulturangeboten, der Unterstützung des Ehrenamtes zu sparen. Alle Maßnahmen planen wir stets gemeinsam kaufmännisch vorsichtig, mit Blick auf die Bürger*innen und sie werden mit einem breiten politischen Konsens beschlossen. Der letzte Haushalt ist einstimmig beschlossen worden und auch für die Zukunft sehe ich da keine Probleme.

Roefs: Die Haushaltsentwicklung zeigt sich schon jetzt angespannt. Der Schuldenberg wächst gemäß vorgelegtem und genehmigtem Haushalt für 2020 von 18,426 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 24,657 Millionen Euro Ende 2023, also um mehr als 30 Prozent. Ohne die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Allein Covid-19 für zukünftige Finanzentwicklungen verantwortlich machen zu wollen, hieße Nebelkerzen werfen. Haushaltskonsolidierung muss Ziel für die kommenden Jahre sein. Nur dann gibt es Raum für Gestaltung. Aufgaben- und Ausgabenkritik stehen also als Überschrift für zukünftiges Finanzgebaren auf der Agenda. Der kommende Bürgermeister wird daran gemessen. Ich bin bereit dazu.

Kommentare

Reimund Baumheier  wrote: 06.09.2020 14:14
Das Programm des Bürgermeisters?
In ihrem Artikel „3 Kandidaten, 7 Fragen, 21 Antworten“ haben mich zunächst die Antworten des amtierenden Bürgermeisters Herr Wilke interessiert. Schließlich möchte ich als Bürger dieser Stadt wissen, bevor ich mich den anderen Kandidaten widme, wie sich Herr Wilke die weitere Entwicklung der Stadt Vlotho vorstellt.

Dabei fiel mir auf, dass Herr Wilke kaum „ICH- Botschaften“ benutzt. Leerplätze wie: wir haben viel bewegt, gemeinsam eine Menge erreicht; wir nehmen wieder Geld in die Hand; wir betreiben in Vlotho keine Leuchtturmprojekte oder auch, alle Maßnahmen planen wir stets gemeinsam, lassen den Leser fragen: wer ist „wir“?
Denn schließlich werden wir neben dem Bürgermeister auch Parteien und Institutionen wählen, die Einfluss auf die Entwicklung in unserer Stadt haben.

Als seine Stärke bezeichnete der Bürgermeister, dass er persönlich immer ansprechbar ist. Diese passive Haltung bezeichnete er auch an einer anderen Stelle als seine „Bürgernähe“.

Ich habe in dem Bürgermeister einer Stadt immer eine Führungspersonen gesehen. Eine Frau oder ein Mann,
die/der eine Vision für seine Stadt hat und diese auch mit einem deutlichen „ich will“ transportieren kann.

Dann müsste er allerdings sagen: ich habe das Einkaufszentrum Minske- Markt, das für ältere Bürger kaum fußläufig erreichbar ist, gewollt. Ich habe dafür den Verfall der Haupteinkaufsmeile der Stadt, der Lange Straße in Kauf genommen. Auf dieser, mit viel Fördergeld aufgehübschten, ehemaligen Einkaufsstraße befinden sich zurzeit 20 Leerstände auf 1000 m. Er könnte sagen: ich als Bürgermeister dieser Stadt, der aufgrund des bekannten Zahlenmaterials weiß, dass jeden Tag viel Kaufkraft aus Vlotho in die Region abfließt, gehe jetzt auf die Immobilieneigentümer zu und versuche mit den Beteiligten Lösungen für eine attraktive Innenstadt zu finden. Ich als Bürgermeister will nicht länger dulden, dass vor meinen Augen der größte Schandfleck der Stadt, das „Weser Center“ verfällt. Da hilft auch ein (zufälliger?) Anstrich kurz vor der Wahl nichts. Aber vor allem, will ich als Bürgermeister dafür sorgen, dass die jungen Menschen in Vlotho viele Gründe in Beruf und Freizeit finden, nach dem Ende ihrer Schulzeit in Vlotho zu bleiben. Und das alles auch für die 50 % der Bürger, die nicht in Vereinen und Institutionen engagiert sind.

Leider fehlen solche Aussagen in dem Artikel. Mir fallen nur diese Sätze auf:
„in den letzten fünf Jahren haben wir in Vlotho viel bewegt und gemeinsam eine Menge erreicht.“ Und an anderer Stelle: „es gilt das Vorhandene zu erhalten. Ich bin sicher, dass wir sehr viel erreicht haben und dies gilt es zu bewahren“.

Ich denke, das ist kein wirkliches Programm. Ich werde den Kandidaten Christoph Roefs wählen. Auch wenn seine Ausführungen etwas umfangreich waren, so waren seine Antworten doch an vielen Stellen konkreter. Besonders gut hat mir gefallen, dass er die negative Entwicklung des Haushalts angesprochen und sich für eine Konsolidierung ausgesprochen hat. Das bedeutet, eine Steigerung der Gewerbesteuerseinnahmen ist zwangsläufig.
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