Vlothoer Gastronomen blicken eher optimistisch in eine Zeit nach Corona
„Niemand steht alleine da“

Vlotho (WB). Die Corona-Pandemie traf die Vlothoer Gastronomen wie ein Paukenschlag. Mitte März mussten sie schließen, Feiern und Großveranstaltungen wurden abgesagt, viele versuchten sich mit einem Liefer- und Abholservice über Wasser zu halten. Seit Mitte Mai sind die Türen der Gastronomiebetriebe wieder geöffnet.

Donnerstag, 16.07.2020, 15:06 Uhr aktualisiert: 16.07.2020, 15:30 Uhr
Blicken zuversichtlich in die Zukunft: Aysel Teke-Gohr (von links) sowie Aylin, Ayse und Kadir Teke vom Café Teke auf dem Winterberg. Foto: Sonja Töbing

„Die ersten Tage nach der Schließung am 16. März haben uns schlaflose Nächte bereitet, bis wir die Entscheidung getroffen haben, auf jeden Fall weiter zu machen“, sagt Ralf Stille, Inhaber des Hotel-Restaurants Stille. Ab dem zweiten Mai-Wochenende hätten er und sein Team einen Abholservice angeboten, der auch gut angenommen worden sei.

Hotel-Restaurant Stille

Von der Dehoga habe er sich anfangs nicht gut informiert gefühlt, betont Stille: „Unser Verband hat die Mitgliedsbetriebe ab Ende März benachrichtigt, bis dahin hatte er Mühe, die Infos für Maßnahmen zur Betriebsunterbrechung, Anträge für Behörden und Sozialversicherungsträger auszuarbeiten. Da waren Steuerberater die besseren Ansprechpartner.“ Das Land Nordrhein-Westfalen habe zu Anfang der Krise klar und deutlich helfend agiert, bei Soforthilfen und Steuerstundungen. „Im Zuge der Lockerungen wurde unsere Landesregierung jedoch etwas konfus. Das war für uns teilweise ein Blindflug und hatte manche überflüssigen oder fehlenden Schritte zur Folge.“

Vor der Wiedereröffnung galt es, Schutz- und Hygienemaßnahmen umzusetzen. Tischabstände wurden abgemessen, Bodenmarkierungen aufgeklebt, das Gläserspülsystem umgestellt, Mitarbeiter geschult. „Es war teuer, die Maßnahmen umzusetzen, und auch weiterhin entstehen zusätzliche Kosten für Material und Arbeitsstunden. Insgesamt kann ich mit dem Gästezuspruch, für diese schwere Zeit, zufrieden sein“, betont Ralf Stille.

Er und sein Team hoffen, dass das Infektionsgeschehen weiter nachlasse und es dann vielleicht auch wieder die Möglichkeit gebe, Banketts durchzuführen. Die Einnahmen würden derzeit nur noch 40 bis 50 Prozent des Vorjahresumsatzes betragen – und das bei gleichbleibenden Kosten für Mitarbeiter, Energie und Versicherungen. „Wir zahlen also längere Zeit drauf.“ Trotzdem sei man optimistisch: „Wir sind uns jetzt sicher, dass wir nach einer vermutlich langen Durststrecke wieder wirtschaftlich öffnen können.“

Auf erneute Wirtschaftlichkeit nach einer Durststrecke hofft man bei Stilles.

Auf erneute Wirtschaftlichkeit nach einer Durststrecke hofft man bei Stilles. Foto: Töbing

Café Teke

Für das Team des seit 2015 bestehenden Cafés Teke bedeutet die Corona-Krise den Wegfall vieler Catering-Aufträge für Veranstaltungen, private Feiern und geschäftliche Meetings. Hinzu kommt, dass das Café während der Schulzeit oft von Schülern des Weser-Gymnasiums genutzt wird. „Auch wenn wir die finanzielle Unterstützung vom Land sehr schnell erhalten haben, sind die Existenzängste noch lange nicht verschwunden. Denn wir sind nach der Wiedereröffnung noch sehr weit vom Regelbetrieb und den ursprünglichen Einnahmen entfernt“, berichtet Aysel Teke-Gohr, die das Café mit ihren Eltern Ayse und Kadir sowie ihrer Schwester Aylin führt.

Die Familie bemerkt häufig, dass viele Gäste noch immer Angst vor einem Café-Besuch hätten – trotz aller Schutzmaßnahmen. „Unsere Stammgäste freuen sich, dass wir wieder für sie da sind, aber trotzdem würden wir uns freuen, bald wieder mehr Besucher bei uns begrüßen zu dürfen“, betont Aysel Teke-Gohr.

Trotz aller Schwierigkeiten versuchen sie und ihre Familie, optimistisch zu bleiben: „In dieser sehr speziellen Situationen sollten sich Gastronomen vor Augen halten, dass alle von der Krise betroffen sind und niemand alleine dasteht. Auch wenn es schwerfällt: Versuchen wir eine positive Einstellung zu wahren und das Beste aus der Situation zu machen. Ein Austausch unter Gastronomen kann dabei sehr beruhigend sein. Wir sind daher sehr froh, ein sehr gutes Miteinander in Vlotho zu haben.“

El Castillo

Seit einem Jahr betreibt Juan Yunes das spanische Restaurant El Castillo auf dem Burgberg – und als erfahrener Gastronom ging er schon vor der behördlichen Anordnung am 17. März in den Shutdown. „Wir sind sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgegangen und haben unsere Gäste über die sozialen Netzwerke entsprechend informiert“, berichtet Juan Yunes.

Existenzängste habe er zu keinem Zeitpunkt gehabt: „Ich habe immer auf die Zeit nach Corona vertraut und meine gesamten Planungen auch auf diese Zeit ausgerichtet.“ Einen Abhol- oder Lieferservice habe er nicht angeboten. In Kooperation mit der Vlothoer Design- und Marketingagentur b-concept seien alle wichtigen Informationen an die Kunden weitergegeben sowie Formulare zu Kontaktdatenerhebung und Hygienemaßnahmen erstellt worden.

Die derzeit vorgeschriebenen Maßnahmen hält Juan Yunes für absolut sinnvoll, auch wenn das Tragen der Masken für die Mitarbeiter anfangs „gewöhnungsbedürftig“ gewesen sei. „Aber da müssen wir momentan ja alle zusammen durch. Je konsequenter jetzt alle mit der Situation umgehen, desto früher können wir zu alten Gewohnheiten zurückkehren.“

Über den guten Zuspruch seiner Gäste freut sich der Gastronom sehr. „Dank des weitläufigen Geländes konnten die Tische so weit auseinandergestellt werden, dass unsere Besucher ihre Privatsphäre genießen, sich wie im Urlaub fühlen und den Alltag hinter sich lassen können.“ Mit diesen besonderen Möglichkeiten und der Atmosphäre gebe es im Umkreis nichts Vergleichbares.

Im spanischen „El Castillo“ auf Burg Vlotho hat man es in der Corona-Krise ohne Liefer- und Abholdienst probiert.

Im spanischen „El Castillo“ auf Burg Vlotho hat man es in der Corona-Krise ohne Liefer- und Abholdienst probiert. Foto: b.concept

Alt Heidelberg/Frida Kahlo

19 Aushilfskräfte mussten Ralf Metz und Susanne Plattner vom Restaurant Alt Heidelberg und Bistro Frida Kahlo entlassen – denn für 450-Euro-Kräfte gab es keine finanzielle Corona-Hilfe. „Geblieben sind unsere fünf Festangestellten“, sagt Ralf Metz. Im Shutdown habe sich das Alt Heidelberg mit dem Außer-Haus-Verkauf von Speisen über Wasser gehalten. „Das kam bei den Kunden gut an“, betont Metz. Überhaupt hätten die Stammkunden ihm und dem Team die Treue gehalten.

„Existenzängste hatten wir nie, es ist nur schade, dass unsere Rücklagen jetzt stark angegriffen sind. Die schnelle finanzielle Hilfe vom Land reicht für so einen langen Zeitraum nicht“, sagt der Gastwirt. Die Informationspolitik sei absolut nicht ausreichend gewesen. „Was uns außerdem sehr fehlt, ist die Nähe zu unseren Gästen. Der Handschlag, das Bierchen und die Gespräche am Tresen – das gibt es derzeit nicht.“ Trotzdem ist auch Ralf Metz optimistisch: „Wir haben schon andere Krisen überstanden.“ Angst vor einem zweiten Shutdown habe er derzeit nicht.

Das „Frida Kahlo“ am Sommerfelder Platz wird von den Inhabern des „Alt Heidelberg“ betrieben.

Das „Frida Kahlo“ am Sommerfelder Platz wird von den Inhabern des „Alt Heidelberg“ betrieben. Foto: Töbing

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