Gefecht auf der Steinegge am 3. April 1945 – Luftbild der Flakstellung entdeckt
Der Krieg erreicht Exter

Vlotho (WB). Martin Twelsiek, Landwirt von der Steinegge in Exter, erinnert sich noch gut an den 3. April 1945. „Es war der Dienstag nach dem Osterfest, als wir immer lauter die dröhnenden Motoren der Panzer und das Hämmern der Flakgeschütze auf der Steinegge hörten. Ich ging vor die Tür, um nachzuschauen. Plötzlich flogen Granatsplitter in die Baumkronen auf unserem Hof“, berichtet Twelsiek, der in wenigen Tagen 90 Jahre alt wird, von jenem Dienstag vor 75 Jahren, als das Kriegsgrauen auch das beschauliche Exter erreichte.

Mittwoch, 01.04.2020, 15:00 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 11:34 Uhr
August-Wilhelm König besichtigt den Schauplatz des Gefechts auf der Steinegge. Wie das Luftbild zeigt, befanden sich dort auf den Feldern damals die deutschen Flakstellungen. Foto: Joachim Burek/ Luftbild: Kommunalarchiv Herford

Zeitzeugen erinnern sich

Gemeinsam mit seiner drei Jahre älteren Schwester und seinen Eltern hatte der damals 14-jährige Martin im Keller des Wohnhauses Schutz gesucht, bis das Geschützfeuer des Gefechts zwischen den Soldaten der deutschen Flakstellung und den vorrückenden amerikanischen Panzern aufgehört hatte. „Auch das Heulen der Bomben, die im Verlauf des amerikanischen Vorstoßes Richtung Weser auf die A2 fielen, habe ich noch heute noch im Ohr“, erinnert er sich. Auch seine Frau Gerda (89), die damals als junges Mädchen in Gohfeld wohnte, kann sich noch gut an das Dröhnen der herannahenden Panzer erinnern.

Geschützrohr im Garten

Eine ungewöhnliche Wäschestange im Garten des Hofes Twelsiek in der Wittenstraße ist heute noch stummer Zeitzeuge jenes Tages kurz vor Kriegsende. Sie besteht aus einer Metallstrebe und dem Geschützrohr eines der zehn 8,8 Zentimeter-Flakgeschütze, die damals von der Wehrmacht am Portablick auf der Steinegge positioniert waren. „Nach Kriegsende waren die Geschütze auseinandergeschweißt worden und die Teile fanden vielfach anderweitig Verwendung“, erläutert Martin Twelsiek.

Neue Dokumente entdeckt

Ganz neue Dokumente zum Verlauf des Gefechts auf der Steinegge kann August-Wilhelm König von der Geschichtswerkstatt Exter nun zum 75. Jahrestag dieser Ereignisse präsentieren. „Im Kommunalarchiv Herford sind wir auf eine Luftaufklärungsaufnahme der Alliierten vom März 1945 gestoßen, die unsere bisherigen Recherchen zur Position der Flakstellung auf der Steinegge genau bestätigt“, berichtet August-Wilhelm König. „Denn bereits zum 50. Jahrestag des Gefechts und des Kriegsendes hatten wir eine umfassende Dokumentation vorgelegt und zu einem Abend mit Zeitzeugen bei Ellermann eingeladen. Die Aufnahme zeigt, dass wir mit unseren Annahmen und bisherigen Skizzen recht hatten“, so König. Unter anderem lasse sich auf dem Foto genau erkennen, dass neben den bereits zehn in das Gelände eingebauten Flakgeschützen noch vier weitere auf der Straße standen, um die Stellung noch weiter auszubauen.

Die Amerikaner rücken vor

Nach den Recherchen der Heimathistoriker hatten die Amerikaner es eilig an jenem 3. April. Nach ihrem Durchbruch am Teutoburger Wald am Vortag (2. April) näherten sich nun die Spitzen der 5. Panzerdivision in großem Tempo auf der Autobahn und fast parallel dazu auf der Mindener Straße (B61) der Weser. Sie wollten die Weser und besonders die Straßenbrücken auf ihrem Weg nach Berlin erreichen und einer Sprengung der Brücken durch die deutschen Truppen zuvorkommen. Die ersten Panzer hatten gerade den Stuckenberg passiert und gegen 10.30 Uhr die Talbrücke über den Finnebach erreicht, als sie unter den Granatbeschuss der Flakstellung auf der Steinegge in Exter gerieten.

Die Stellung am Portablick

Dort waren im Herbst 1944 auf den Grundstücken der Landwirte August Böger, Emil Bollmann und des Schmiedmeisters Hermann Flachmeier zehn 8,8 Zentimeter Flakgeschütze, durch Erdwälle geschützt und über Gänge miteinander verbunden, aufgebaut worden, so die Heimathistoriker. Bedient wurden sie von deutschen Soldaten, Angehörigen der Landdienst-HJ und verbündeten Kroaten, insgesamt etwa 60 Mann. Außerdem waren drei Horchspiegel zur Ortung feindlicher Flugzeuge errichtet worden. Der Standort war aus strategischer Sicht günstig gewählt. Mit weiter Sicht in nord- und nordöstliche Richtung sollten von dort aus die Bad Oeynhauser Weserhütte, der als Drehkreuz wichtige Löhner Bahnhof und die Porta Westfalica mit ihrem Rüstungsbetrieb tief im Jakobsberg beschützt werden.

Gefecht auf der Steinegge

Als die über den Stuckenberg vorrückenden Panzer am Morgen des 3. April von der Flakstellung unter Feuer genommen wurden, stoppten sie und teilten ihre Kräfte auf. Mit weiteren Vorstoßtrupps über den Wittel und den Bonneberg nahmen sie die Stellung auf der Steinegge in die Zange. Deren Feuer, teilweise über vorgeschobene Beobachter per Feldtelefon geleitet, traf auch heimische Gehöfte. „So wurden im Kreuzfeuer zwischen der Flak und den amerikanischen Panzerverbänden etliche umliegende Höfe in Brand geschossen“, berichtet König. Die Höfe seien unter anderem auch beschossen worden, weil sich dort und in den Wäldern flüchtende deutsche Soldaten versteckt hatten. So seien zwischen Schwarzenmoor und Bonneberg etwa 16 Höfe schwer beschädigt oder vernichtet worden, unter anderem laut Augenzeugen das Fachwerk-Haupthaus des Hofes Reckefuß in Exter. Bei dem intensiven Schusswechsel wurde die Flakstellung zerstört. Es gab vier tote deutsche Soldaten, ein großer Teil der Besatzung ergab sich.

Soldatengrab in Exter

Die vier Gefallenen liegen heute in einem Grab auf dem Friedhof in Exter. Es sind der Oberleutnant H. Müller (Jahrgang 1902), der Stabsgefreite Emil Ehard (Jahrgang 1902), Gefreiter G. Hinterstein (Jahrgang 1895) und Soldat Wilhelm Daude (Jahrgang 1904). Oberleutnant Müller war nach einer schweren Verwundung an der Ostfront Kommandant der Flakstellung. Nach aktuellen Plänen von Kirche und Arbeitskreis Dorfentwicklung soll das Grab als eine Station in einen künftigen Friedensweg mit mehreren Stationen rund um die Autobahnkirche integriert werden.

 

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