»Mindener Stichlinge« feiern brisante Politparty in der Kulturfabrik Auch wenn es wehtut

Vlotho (WB). Sie picken sich Absurditäten aus der politischen Vernebelungszone und zerren sie singend ins Rampenlicht: Mit diesem Erfolgsrezept bringen die »Mindener Stichlinge« seit 50 Jahren das Publikum immer dann zum Lachen, wenn ihm eigentlich zum Weinen zumute sein müsste.

Von Heike Pabst

Die »Mindener Stichlinge« sind nicht nur zum wiederholten Mal zu Gast in der Vlothoer Kulturfabrik und spielen für ein Publikum, das sich zum Großteil aus versierten »Stichlings«-Zuhörern zusammensetzt. Auch das Programm »Goldene Hochzeit – verliebt wie am ersten Tag« besteht vor allem aus den beliebtesten Stücken und Liedern der vergangenen 45 Programme. Das alles klingt, zusammengenommen, nicht allzu spannend.

Trotzdem ufert das mehr als zweistündige Programm zu einer Party aus, an deren Ende alle Anwesenden im komplett gefüllten Saal »Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht« grölen und im Takt mitklatschen. Die allgemeine Stimmungslage ist also deutlich besser als bei der durchschnittlichen Goldhochzeit.

Themen außerhalb der Komfortzone

Das ist eine bemerkenswerte Leistung angesichts eines Themenspektrums, das sich von den Beratungsschwachstellen der Deutschen Bahn über den Klimawandel, das Gesundheitssystem und Alltagsrassismus bis hin zur Steuergesetzgebung außerhalb jeder Komfortzone bewegt.

Stephan Winkelhake darf auch die Triangel bespielen. Foto: Heike Pabst

Wie machen die das? Zum einen durch die offenbar fast tägliche Aktualisierung ihres Programms. Böhmermann, die Panama Papers oder auch die AfD werden aufgegriffen. Und die »Golden Oldies« im Programm sind meist derart daueraktuell, dass ihnen das Alter nicht anzumerken ist.

Zum anderen erobern die »Stichlinge« die Gunst des Publikums immer wieder durch schauspielerischen Hochleistungssport. Wenn Rolf Berkenbrink sich über die Vorteile der Erderwärmung in Wallung schreit, geht manches Trommelfell in Deckung. Der fantastische Pianist Stephan Winkelhake indes macht sich auch als Prügelknabe und Triangelbespieler verdient.

Engelsgleiches Kanzlerinnenimitat

Kirsten Gerlhof wirft sich rückhaltlos in ihre Rolle als Angie-Imitat und Birger Hausmann lässt sich im Sketch »Rüdiger« von Annika Lindemann ins Wartezimmer eines Kinderarztes schleppen, wo er spürbar unter der Gesprächsführung seiner Bühnengattin leidet.

Der Text des letzten Liedes »Weckt mich auf, wenn das vorbei ist« ist jedenfalls irreführend. Niemand hätte dabei schlafen können – das zeigt der Abschlussbeifall mehr als deutlich.

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