Seniorenheim ergreift Maßnahmen gegen Corona-Ausbreitung – Fiebermessen am Eingang Spenger verärgert über kurze Besuchszeiten

Spenge (WB). Seit mehreren Jahren ist seine Mutter in der Seniorenresidenz Medicare in Lenzinghausen untergebracht. Regelmäßig besucht ihr Sohn sie. Doch das wird nun schwierig. Wegen des Coronavirus hat das Seniorenheim die Besuchszeiten stark eingeschränkt. Angehörige können nur noch zwischen 14 und 16 Uhr kommen. „Das ist für Berufstätige schlicht nicht machbar. Ich war schon einmal etwas später da und wurde deutlich herauskomplimentiert“, sagt der Spenger Heinz H. (Name ist der Redaktion bekannt).

Von Kathrin Weege
In der Medicare Seniorenresidenz in Lenzinghausen sind die Besuchszeiten deutlich eingeschränkt worden. Man wolle so die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen, heißt es von der Orpea-Gruppe, zu der die Einrichtung gehört.
In der Medicare Seniorenresidenz in Lenzinghausen sind die Besuchszeiten deutlich eingeschränkt worden. Man wolle so die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen, heißt es von der Orpea-Gruppe, zu der die Einrichtung gehört. Foto: Kathrin Weege

Man wisse nicht, wie lange Corona Deutschland in Atem halten werde. „Aber stellen wir uns mal vor, dass das bis Sommer weitergeht. Soll ich meine Mutter dann nur noch an den Wochenenden sehen“, entrüstet sich H.. Außerdem gebe es im Kreis Herford bisher keinen Corona-Erkrankten. „Das ist eine nicht angemessene Holzhammer-Methode“, findet er.

Schreiben an Angehörige

Anfang März trudelte ein Schreiben bei H. ein. In diesem informierte die Seniorenresidenz in Lenzinghausen, dass wegen der Infektionsgefahr die Besuchszeiten beschränkt werden. Weiter heißt es in dem Schreiben, das der Redaktion vorliegt: „Wir haben in Abstimmung mit den örtlichen Behörden unsere Besuchszeiten vorsorglich auf 14 bis 16 Uhr beschränkt. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass zum Einlass eine Körpertemperaturmessung bei Ihnen durchgeführt werden muss. Der Besuch ist auf eine Person pro Bewohner und auf maximal eine Stunde eingegrenzt.“

Er habe Verständnis dafür, dass man sich vor dem Besuch desinfizieren müsse und auch die Messung der Körpertemperatur sei für ihn in Ordnung, sagt H.. „Was aber soll es bringen, den Besuch auf eine Stunde und eine Person zu beschränken?“, fragt er. H. hat sich direkt mit dem Gesundheitsamt des Kreises Herford in Verbindung gesetzt. „Mit denen war nichts abgesprochen“, berichtet der Spenger.

Maßnahme nicht mit Kreis abgestimmt

Das bestätigt auch Petra Scholz, Pressesprecherin des Kreises Herford. „Weder das Gesundheitsamt, noch unsere Heimaufsicht haben zu diesen Einschränkungen bei den Besuchszeiten geraten. Erst im Nachhinein wurden wir informiert und unterstützen die Maßnahmen nicht. Allerdings können die Betreiber der Altenheime entsprechende Maßnahmen natürlich alleine treffen.”

Die Seniorenresidenz in Lenzinghausen gehört zur Orpea Gruppe. Sie hat 130 Standorte, unter anderem in Enger, Minden, Bad Oeynhausen und Kirchlengern. Auf den Homepages einiger dieser Einrichtungen findet sich der Hinweis auf eingeschränkte Besuchszeiten wie in Spenge. Orpea-Pressesprecher Bernhard Rössler erklärt die Maßnahme damit, dass man die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen wolle. Gerade ältere Menschen seien gefährdet. Dass die eingeschränkten Zeiten für Berufstätige problematisch sein könnten, kann er nachvollziehen. „Inzwischen haben wir die Besuchszeiten auf die Bürozeiten der Einrichtungen ausgeweitet“, sagt er auf Anfrage dieser Zeitung. „Das ist dann zwar ein etwas größeres Zeitfenster, für Berufstätige aber genauso problematisch“, findet H..

Wird das Grundgesetz verletzt?

Er sieht in der Beschneidung des Besuchsrechts das Grundgesetz verletzt. „Ich habe bereits mit einem Rechtsanwalt Kontakt aufgenommen und mich nach der Rechtmäßigkeit dieser Maßnahme erkundigt“, sagt er. Der Anwalt hält das Recht auf Selbstbestimmung für verletzt. H. sagt, er stehe mit seinem Ärger nicht alleine da. Zwar gebe es Angehörige, die es einrichten könnten, diese vorgegebenen Besuchszeiten zu nutzen. „Ich kenne aber auch viele, die das selbe Problem damit haben wie ich“, erklärt H..

In dem Schreiben an die Angehörigen weist die Seniorenresidenz auch darauf hin, dass das geplante Grünkohlessen am 8. März und der Angehörigenabend am 26. März wegen des Coronavirus ausfallen. Diese Termine sollen möglichst nachgeholt werden.

Wohn- und Teilhabegesetz

Ist die Maßnahme, die Besuchszeiten in der Seniorenresidenz so deutlich zu beschneiden, nach dem Wohn- und Teilhabegesetz (WTG) NRW rechtmäßig? Petra Scholz erklärt: „Das WTG fordert einen ausreichenden Schutz vor Infektionen, die Beschäftigten müssen die Hygieneanforderungen nach dem anerkannten Stand der fachlichen Erkenntnisse einhalten. Es besteht danach eine Verpflichtung der Einrichtungen, aktiv den Infektionsschutz zu betreiben.“

Gleichzeitig aber hätten die Einrichtungen gleichberechtigte Teilhaben der Bewohner am Leben in der Gesellschaft zu unterstützen und zu fördern. Dies beinhalte auch eine Öffnung der Einrichtungen für Besucher.

„Aufgrund der Verantwortung der Einrichtung für den Infektionsschutz ist es bei der aktuellen Lage verständlich, dass Einrichtungen über das sonst übliche Maß hinaus Maßnahmen zum Infektionsschutz ergreifen, auch wenn dadurch die Teilhabe vorübergehend eingeschränkt wird. Die Maßnahmen müssen dabei jedoch verhältnismäßig sein“, meint Petra Scholz auf Anfrage dieser Zeitung.

Kommentar

Es ist nicht nur verständlich, es ist absolut richtig dass sich Einrichtungen wie Seniorenheime gegen das Coronavirus wappnen. Besonders ältere Menschen sind gefährdet, wenn sie sich mit Corona infizieren. Dass die Orpea-Gruppe beim Einlass der Besucher auf Desinfektion achtet, ist richtig, auch das Fiebermessen bei Angehörigen scheint nachvollziehbar. Auch Feste zu verschieben, ist durchaus sinnvoll. Die Besuchszeiten aber so stark zu beschneiden, ist problematisch. Und wo ist der Unterschied beim Infektionsrisiko, ob ein Besucher eine oder mehrere Stunden bleibt? Zudem gibt es noch keine Fälle im Kreis Herford. Daher sollten Einrichtungen ihre Maßnahmen mit Augenmaß ansetzen. Das ist wie mit den Hamsterkäufen – das geht zu weit und ist auch ein Art der Panikmache.

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