Jungbauer Patrick Nölker: »Immer schärfere Auflagen bringen Höfe in Gefahr« Liebe zum Beruf reicht nicht

Rödinghausen (WB). In den vergangenen Wochen haben Landwirte gegen das Agrarpaket der Bundesregierung demonstriert – auch viele Jungbauern aus Ostwestfalen. Pa­trick Nölker (22) will in den Milchbetrieb seines Vaters einsteigen und erklärt, warum die neuen Auflagen die Existenz vieler Landwirte gefährden.

Von Renée Trippler
Patrick Nölker im Stall: Auf dem Hof in Rödinghausen stehen etwa 250 Kühe.
Patrick Nölker im Stall: Auf dem Hof in Rödinghausen stehen etwa 250 Kühe. Foto: Renée Trippler

Patrick Nölker, sein Vater und dessen Geschäftspartner halten auf ihrem Hof in Rödinghausen (Kreis Herford) etwa 250 Kühe. Für den 22-Jährigen war immer klar, dass er in den Landwirtschaftsbetrieb einsteigen wird, wenn er mit seiner Meisterausbildung an der Fachschule in Herford fertig ist. Er liebt die Arbeit draußen mit den Tieren, auch wenn sie anstrengend ist. Die Kühe der Nölkers geben viel Milch, etwa 38 Liter am Tag. Für einen Liter Milch bekommen die Produzenten vom Deutschen Milchkontor allerdings nur noch 30 Cent.

Gleichzeitig wird die Arbeit der Landwirte immer stärker kontrolliert und eingeschränkt. Auflagen zum Tierwohl und zum Grundwasserschutz seien zwar grundsätzlich richtig, sagt Patrick Nölker: »Aber wir sollen und müssen uns im internationalen Wettbewerb behaupten können, und das können wir nicht, wenn wir die schärfsten Auflagen haben.«

Denn veränderte Vorschriften bedeuteten für die Betriebe zunächst einmal große Investitionen, erläutert der Jungbauer. Der eigene Betrieb habe beispielsweise etwa 250.000 Euro in neue Siloanlagen investiert. Dadurch soll verhindert werden, dass Stoffe aus dem in den Anlagen gelagerten Futter – hauptsächlich Grassilage – in den Boden sickern. »Das heißt, dass die Anlagen versiegelt werden müssen. Unter den Silos ist eine dicke Teichplane, darunter sind 30 Zentimeter Beton und rote Klinker. Das ist natürlich teuer«, sagt Nölker.

Zückerrübenanbau könnte verschwinden

Auch wegen der immer schärferen Insektenschutz- und Düngeauflagen könnten manche Betriebe schlicht nicht mehr genügend Ertrag erwirtschaften oder müssten ihren Tierbestand verringern, sagt Bernhard Rueb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. »In den sogenannten roten Zonen müssen die Bauern teilweise unter Bedarf düngen, und das führt natürlich zu einem Qualitätsverlust. Sie können keinen knackigen Spinat anbauen, wenn Stickstoffmangel herrscht.« Als weiteres Beispiel nennt er den Zuckerrübenanbau, der in den nächsten Jahren aus Deutschland verschwinden könnte. »Der Preis auf dem Weltmarkt ist so günstig wie nie, gleichzeitig wird die Produktion bei uns durch schärfere Umweltauflagen immer teurer«, sagt Rueb.

Ein weiterer entscheidender Bestandteil des Agrarpakets sei eine Umschichtung der direkt gezahlten EU-Subventionen: Jeder Landwirt bekommt etwa 280 Euro Fördermittel pro Hektar bewirtschafteter Fläche – aber gebunden an strenge Umweltauflagen. Dazu gibt es weitere Förderungen für besonders umweltfreundliche Betriebe. Jetzt soll ein Teil der Direktzahlungen in die Zusatzleistungen umgeschichtet werden. Das heißt, die Landwirte müssen mehr Auflagen erfüllen, wenn sie die gleiche Unterstützung erhalten wollen.

Mehr Respekt und Nachhaltigkeit

Das Unternehmen der Nölkers bewirtschaftet auch Äcker – allerdings hauptsächlich, um die Tiere mit Futter und Stroh zu versorgen. »Wenn wir nur die Außenwirtschaft hätten und keine Tiere, könnte nur eine Person davon leben, es wäre aber Arbeit für drei«, sagt Patrick Nölker. Die kleineren Betriebe gingen oftmals an den verschärften Auflagen kaputt. »Der Großteil meiner 25 Mitschüler in Herford wird einen eigenen Hof übernehmen, aber 70 Prozent müssen in den nächsten Jahren investieren.« Man kalkuliere einen Stallbau auf 30 Jahre, »so lange muss der stehenbleiben«. Wenn sich jedoch alle paar Jahre die Anforderungen änderten, sei das Risiko viel zu groß. Zumindest um die Tierwohlauflagen müssten sich Milchbauern nicht sorgen, meint er, denn »Kühe bringen nur eine gute Leistung, wenn sie rundum zufrieden sind«.

Für die Zukunft wünscht sich der 22-Jährige auch von den Verbrauchern mehr Respekt und Nachhaltigkeit: »Es muss nicht so viel weggeschmissen werden. Stattdessen sollte man lieber hochwertigere und vor allem regionale Produkte kaufen. Wir müssen zusehen, dass in Deutschland weiter produziert werden kann und die landwirtschaftlichen Betriebe zukunftsfähig bleiben.«

Kommentare

Der Verbraucher bestimmt die Realität in der Landwirtschaft durch seinnKaufverhalten

Mit großem Interesse las ich den Bericht über einen mutigen Junglandwirt, der motiviert einen Betrieb übernehmen möchte. Bemerkenswert finde ich insbesondere, dass Landwirte ob mit oder ohne Tierhaltungan jedem Tag einen unersetzbaren Job machen: gesunde, wertvolle und regionale Lebensmittel zu erzeugen!, Obendrein werden diese in Deutschland gut untersucht und mit einer großen Produktsicherheit (Rückstandsmonitoring für Pflanzenschutzmittelrückstände etc.) über die diversen Handelsstufen allen Verbrauchern zu fast jederzeit zur Verfügung gestellt. Dies trifft sowohl für konventionelle, als auch ökologisch wirtschaftende Betriebe zu. Alle Menschen, die mehr Tierwohl, mehr Regionalität, geringere Düngung der Felder, kleinere Betriebsgrößen oder frischeres Gemüse wollen, müssen sich selbst kritisch fragen, ob sie denn auch dementsprechend mit ihrem Einkaufsverhalten „abstimmen“!?
So lange Jede und Jeder sich nur vieles wünscht, selbst aber stets das billigste kauft, darf sie oder er sich nicht beschweren, wenn sich die Mehrheit der Landwirte derzeit nicht für alternative Formen der Landwirtschaft (Ökolandbau) entscheidet und ihre Betriebe auf biologische Wirtschaftsweise umstellt.
Die Verbraucher bestimmen mit dem Einkaufswagen und an der Kasse darüber ab, was und wie produziert und erzeugt wird.

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