»Wege durch das Land« in Rödinghausen: Viel Beifall für Dagmar Manzel und Helmut Oehring Eine enorme Bandbreite

Rödinghausen (WB). Als am Samstag der letzte Ton von Helmut Oehrings »Der Vogel, weiß« verklingt, ist es seine jüngste Tochter, die als erste und einzige verhalten klatscht. Dann löst sich auch die Spannung der mehreren hundert restlichen Zuhörer im Kuhstall von Gut Böckel und endet in einem begeisterten Beifall.

Von Thorben Lippert
Die Film- und Theaterdarstellerin Dagmar Manzel trug auf Gut Böckel Helmut Oehrings »Der Vogel, weiß« vor. Sie ist vor allem als Nürnberger Tatortschauspielerin bekannt.
Die Film- und Theaterdarstellerin Dagmar Manzel trug auf Gut Böckel Helmut Oehrings »Der Vogel, weiß« vor. Sie ist vor allem als Nürnberger Tatortschauspielerin bekannt. Foto: Lippert

Während Oehrings Tochter sich wahrscheinlich vor allem erleichtert auf das Spielen in den weiten Gärten des Gutes freut, scheint sich bei den Gästen des Rödinghauser Teils des Kulturfestivals »Wege durch das Land« erst eine abrupte Ungläubigkeit breit zu machen. Ungläubig geweckt aus den vorherigen knapp zwei Stunden, die schwer in Worte zu fassen sind.

Dagmar Manzel überzeugt

Während der Konzertlesung entführt Oehring durch eine enorme Bandbreite an verschiedenen Bestandteilen, die sich in ihrer Gesamtheit dann aber doch zusammenfügen. Da ist zum Beispiel das namensgebende Lied »Der Vogel, weiß«, dass Oehring auf das gleichnamige Gedicht von Johannes Bobrowski schrieb. Impulsgeberin und Sängerin für dieses Lied war Dagmar Manzel, die dem Publikum vor allem als fränkische Tatort-Kommissarin und angesehene Theaterschauspielerin bekannt ist – und auf Gut Böckel von sanft bis emotional-aufbrausend ihren Part souverän vorträgt.

In den Abend verpackt Oehring dann außerdem Ausschnitte aus seinem Musiktheater »AGOTA? Die Analphabetin«, bei welchem Manzel wiederum die Titelrolle gespielt hatte. Und auch aus Oehrings aktuellem »Angelus Novus-Zyklus« präsentiert Manzel gemeinsam mit den Instrumentalisten ausgewählte Songs. Diese berufen sich vor allem auf einige Sonette Walter Benjamins und das Bild »Angelus Novus« von Paul Klee.

Und nicht zuletzt finden sich auch autobiografische Inhalte an diesem Abend auf Böckel wieder – Oehring wuchs als Kind gehörloser Eltern auf, erst mit vier Jahren lernte er sprechen. Helene Grass, künstlerische Leiterin des Festivals, fasst passend zusammen: »Die Gebärdensprache erfährt wie die Musik eine Verdichtung und hat deshalb auch andere Grenzen.« Oehrings Muttersprache wiederum sei die Gebärdensprache, die einfachste Übersetzung die Musik.

Eindringlich und manchmal verstörend

Und Oehrings Musik kommt gut an, die Rückübersetzung der Gefühle ist denkbar einfach. Immer wieder dreht es sich an diesem Abend um Vögel, um Flügel. Letztere lassen eine enorme Freiheit zu, verursachen Sehnsucht, aber auch einen immer naheliegenden Abschied. Und diese zentralen Werte finden sich in dem vokalinstrumentalen Vortrag periodisch wieder. Eindringlich und manchmal verstörendend tragen Oehring und Manzel gemeinsam mit Sängerin und Pianistin Marena Whitcher, Gitarrist Nico von Wersch, Schlagzeuger Lukas Rutzen, Akkordeonist Felix Kroll und Trompeter Damir Bacikin die Kompositionen vor. Sie passen in ihrer unorthodoxen Vertonung in das sanfte Durcheinander der verschiedenen Parts, deren Berührpunkte selten, aber deutlich erscheinen.

Und auch der Rahmen trägt sein Übriges bei – so weilte im Gut Böckel bekanntlich Rainer Maria Rilke bei der Schriftstellerin und Kunstsammlerin Hertha Koenig.

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