Flutkatastrophe vor 75 Jahren blieb den Menschen in Löhne im Gedächtnis: Anfang Februar 1946 fiel ein Fünftel der Jahresregenmenge
Als die Werre in die Keller floss...

Löhne -

Vor 75 Jahren gab es in Löhne eine Flutkatastrophe, als die Werre Teile der Stadt überschwemmte. Viele Familien verloren ihren Besitz.

Dienstag, 02.02.2021, 03:38 Uhr aktualisiert: 02.02.2021, 03:40 Uhr
Vor fünf Jahren richtete der damalige Museumsleiter Joachim Kuschke eine Fotoausstellung im Heimatmuseum aus. Seinerzeit fand er noch viele Zeitzeugen. Foto: Andrea Berning

Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde Löhnes Mitte, der Bereich um den Bahnhof, bei einem Bombenangriff großflächig zerstört. 130 Menschen starben bei oder an den Folgen des Bombardements am 14. März 1945. Viele andere wurden verletzt, verloren ihre Häuser und mussten provisorisch untergebracht werden. Unglücklicherweise wurden auch die Deiche der Werre bei diesem Bombenangriff in Mitleidenschaft gezogen und anschließend nur notdürftig geflickt – die Menschen hatten andere Sorgen.

Es regnete und regnete

Ein milder Winter hätte den Menschen Anfang 1946 gut getan, stattdessen war es im Januar zunächst sehr kalt. In der zweiten Monatshälfte setzte Regen ein, Anfang Februar wurde es mild und noch mehr Regen kam.

Der Boden war bereits gesättigt, als allein vom 8. bis 9. Februar mehr als 130 Millimeter, nahezu ein Fünftel der Gesamtniederschlagsmenge eines ganzen Jahres, gefallen sein sollen. Eine große Überschwemmung der Werre, aber auch der Bäche in ihrem Umfeld, bahnte sich an.

Es war der 9. Februar 1946, also vor 75 Jahren, als viele Familien in ihren Häusern von den Fluten überrascht wurden. Das eiskalte Wasser der Werre riss viele Besitztümer der Menschen mit sich, die sich zum Teil in die oberen Geschosse ihrer Häuser retten konnten. Zum Glück gab es keine erneuten Todesopfer, alle Menschen konnten sich in Sicherheit bringen. Aber der Schrecken saß tief, kaum ein Jahr nach Kriegsende.

Flucht ins Obergeschoss

In große Gefahr brachten sich die Menschen dennoch, um ihre Habseligkeiten aus den Kellern und Gärten ins obere Geschoss der Häuser zu retten. Im Schlamm des Werrewassers schwammen dann die Konservengläser, eingeweckt als Vorrat in harten Zeiten. Und Häuser, die den Krieg unversehrt überstanden hatten, mussten in den Wochen, die auf das Hochwasser folgten, mühevoll vom Dreck der Überschwemmung gesäubert werden. „Wir haben wochenlang gehustet“, erinnerte sich eine Zeitzeugin, die im Vorfeld einer Sonderausstellung im Löhner Heimatmuseum vor fünf Jahren befragt worden war.

Seinerzeit, 2016, hatte sich der damalige Museumsleiter Joachim Kuschke in Zusammenarbeit mit den Mitgliedern der Geschichtswerkstatt um das Wachhalten der Erinnerung an diese Löhner Naturkatastrophe verdient gemacht. Kuschke, mittlerweile in Ruhestand, hatte auch über diese Zeitung Anfang 2016 Zeitzeugen aufgerufen, sich zu melden und auch in den Familienalben nach Fotos des Hochwassers Ausschau zu halten.

Broschüre ist vergriffen

Sein Aufruf war so erfolgreich, dass nicht nur die gut bestückte Sonderausstellung zu Beginn der jährlichen Museumssaison im März 2016 gezeigt werden konnte, sondern auch eine Broschüre mit Berichten von Zeitzeugen erschien. Diese Broschüre ist leider nach Angaben von Mathis Nolte, Nachfolger von Kuschke als Stadtarchivar, mittlerweile vergriffen. Aber es gibt sie noch in digitaler Form.

Eine Zeitzeugin erinnerte sich damals: „Innerhalb von Minuten stand unser Keller unter Wasser, bis zum Absatz zum Erdgeschoss. Meine Mutter war noch in den Keller gelaufen, um einige Sachen zu retten. Wir hatten schreckliche Angst, da sie nicht schwimmen konnte und das Wasser so schnell ins Haus lief, und sie zu ertrinken drohte. Gott sei Dank ist alles gut gegangen. In die obere Etage unseres Hauses konnten wir nicht ausweichen, da bei der Bombardierung der Dachstuhl und das gesamte erste Stockwerk ausgebrannt waren. Wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, haben die ganze Nacht bei Kerzenschein auf dem Küchentisch gesessen.“

Von der Flut wurden viele überrascht. Es gab Familien, die sogar das Schwein, das zum Schlachten im Stall herangefüttert wurde, vor den Wassermassen in die obere Etage retten konnten. Als das Wasser wieder abgeflossen war, war dann vielerorts ein Großreinemachen angesagt.

Auch Mennighüffen war betroffen

Die Zeitzeugen, die damals von den Mitgliedern der Geschichtswerkstatt befragt wurden, waren zum Zeitpunkt des Unglücks noch Kinder oder Jugendliche. Sie berichteten von weggespülten Kartoffelvorräten und im Garten gestapelten Brennholz, das von der Flut mitgerissen wurde. Betroffen war auch Mennighüffen durch die Wassermassen, die der dortige Mühlenbach nicht aufnehmen konnte.

Gut dokumentiert war die Lage an der Schützen- und der Deichstraße. Das Wasser hatte Teile der Fünfpfennigsbrücke zerstört. Diese Fußgängerbrücke, für deren Benutzung gezahlt werden musste, war seinerzeit eine wichtige Verbindung von Obernbeck zum Bahnhof. Die Brücke wurde nach dem Hochwasser im Jahr 1946 zunächst repariert, wich aber später einem Bauwerk, das auch Autos befahren konnten.

Auch in den Hochwasserschutz wurde in den vergangenen Jahrzehnten investiert, mehrere Rückhaltebecken sollen für die Sicherheit der Löhner Werre-Anwohner sorgen.

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