Jesidische Gemeinschaft begeht Gedenktag des Genozids an der Ulenburg
»Nie wieder Frauen als Kriegswaffen«

Löhne (WB). Der Genozid an den Jesiden in Shengal (Nordirak) am 3. August 2014 ist der Anlass für den Gedenktag, den der jesidische Kulturverein am Samstag auf dem Gelände der Ulenburg veranstaltet hat. Neben Klage und Mahnung standen vor allem die Hoffnung auf religiöse Selbstbestimmung und Freiheit der Frauen  im Vordergrund.

Dienstag, 06.08.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 06.08.2019, 07:40 Uhr
»Biji Singal«, zu deutsch: Es lebe Singal: Diese Worte sind mit Hilfe von Teelichtern an der Brücke zur Ulenburg entstanden. Jesidische Frauen schmücken den Ausspruch zusätzlich mit Blumen. Entlang der Brüstung ist die Fotoausstellung zu sehen. Foto: Gabriela Peschke

»Biji Singal«, übersetzt: Es lebe Singal (kurdisch für Shengal), steht in großen Buchstaben auf der Brücke, die über den Schlossgraben in die Ulenburg führt. Die Buchstaben sind aus zahlreichen kleinen Kerzen zusammengestellt, dazwischen haben Frauen Blumen gelegt. »Wir werden diese Kerzen nachher anzünden, als Zeichen der Hoffnung«, sagt Ali Atalan. Zusammen mit seiner Frau Türkan ist er aus Münster an das jesidische Kulturzentrum gekommen, um dort mit geladenen Gästen den Gedenktag zu begehen.

Erstmals in größerem Rahmen

Auf dem Parkplatz stehen Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Gelsenkirchen, aus dem Rheinland und dem weiteren Umland Ostwestfalens. Immer neue Besucher kommen, teilweise junge Familien. Das freut Ibrahim Kus, den Leiter des Kulturzentrums.

In diesem Jahr ist die Gedenkveranstaltung erstmals in größerem Rahmen. Mit Festansprachen und Übertragung durch einen jesidischen Fernsehsender. Ibrahim Kus freut sich besonders, dass auch zahlreiche Vertreter der politischen Parteien, Kirchen und Würdenträger aus dem näheren Umkreis seiner Einladung gefolgt sind.

»Bewusstsein für Ungerechtigkeit aufrechterhalten«

»Es ist eine Ehre, wenn so viele Interessenvertreter mit uns den Gedenktag feiern. Man muss das Bewusstsein für diese Ungerechtigkeit und das Leid aufrechterhalten, damit das nicht wieder passiert«, sagt der 46-jährige »Hausherr« der Ulenburg.

Dafür haben Kus und seine Mitorganisatoren, darunter Keles Koyun und Seyhmus Günay, eine Ausstellung organisiert: Entlang der Brücke über den Schlossgraben hängen Bilder von betroffenen Jesiden, eine Fotostrecke der Gesellschaft jesidischer Akademiker. Ausgemergelte Gesichter mit tiefen, bohrenden Blicken von Alten und Kindern heften sich an den Betrachter, im Hintergrund sieht man Zeltlager und einfachstes Leben. »Shengal – kein Vergessen, kein Vergeben« steht auf einem kleinen Plakat, das dazwischen hängt.

Kerzen säumen die Schlossbrücke

Weiter hinten liest man: »Die Freiheit der Frauen in Shengal ist die Freiheit der Menschheit«. Kerzen säumen die Schlossbrücke. »Zira«, erklärt ein Besucher und zeigt auf die Kerzen, die die Schlossbrücke säumen, sei der kurdische Begriff für Hoffnung.

Bei dem Genozid an der religiös-ethnischen Minderheit der Jesiden durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der Provinz Shengal im Nordirak waren vor fünf Jahren massenhaft Frauen verschleppt und versklavt worden. Ihre Geschichte hängt als Bildercollage zwischen den Bäumen im Schlosspark, es sind Auszüge aus einer Broschüre.

»Bitte lasst uns nicht vergessen, dass immer noch Frauen in den Händen der IS sind«, schreibt darin eine 20-Jährige.

»Das ist ein ganz hohes Gut«

»Hunderttausende leben immer noch unter schwierigsten Bedingungen in Aufnahmelagern«, mahnt Ibrahim Kus in seiner Ansprache. Die Gräueltaten schwer zu verurteilen in bundesweiten Gedenktagen sei ein wichtiges Anliegen. Er beklagt, dass Frauen als »Kriegswaffen« benutzt worden seien, um eine ganze Religionsgemeinschaft zu treffen.

»Das darf nie wieder passieren«, fordert Kus. Gleichzeitig betont der Vorsitzende des Kulturzentrums die Hoffnung, die für viele Jesiden aus der Religionsfreiheit erwächst, die sie in Deutschland genießen dürften. »Das ist ein ganz hohes Gut«, bekräftigt Ibrahim Kus, bevor sich der geistliche Würdenträger Adnan Xerewayi in kurdischer Sprache an die Gäste vor Ort und an die Fernsehzuschauer, die über das in der Ulenburg ansässige TV-Studio zugeschaltet sind, wendet.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6829915?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514619%2F
Klinik Bethel verteidigt interne Untersuchung
Im Klinikum Bethel wurden Frauen vergewaltigt. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker