Tatbeteiligung kann laut Gericht nicht nachgewiesen werden
Spatenstiel-Prozess: Vermeintliche Mittäter freigesprochen

Löhne (WB). Die angeklagten  vermeintlichen Mittäter der Spatenstiel-Schlägerei am Löhner Bahnhof sind vor dem Bielefelder Landgericht freigesprochen worden. Da die Staatsanwaltschaft selbst auf Freispruch plädiert hatte, kam das Urteil wenig überraschend. Die Angeklagten hatten ihre Unschuld beteuert, Gegenteiliges konnte nicht nachgewiesen werden.

Mittwoch, 22.05.2019, 19:37 Uhr
Bei einer Schlägerei vor dem Löhner Bahnhof im Mai 2015 erlitt ein 49-Jähriger tödliche Kopfverletzungen. Foto: Sonja Gruhn/Archiv

Ein erstes Anzeichen für das, was der Vorsitzende Richter Meiring im Gerichtssaal kurz darauf verkünden würde, waren die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen. Zwölf Justiz- und vier Polizeibeamte waren anwesend, wohl eine Reaktion auf die  mehrfachen Gefühlsausbrüche der Nebenkläger an den vorangegangenen Verhandlungstagen . Doch die Angehörigen des verstorbenen Harun A. erschienen nicht zur Urteilsverkündung.  Der 49-Jährige war vor vier Jahren nach einer Auseinandersetzung am Löhner Bahnhof infolge seiner schweren Verletzungen gestorben. Der bereits verurteilte Haupttäter hatte ihm mit einem Schaufelstiel mehrmals auf den Kopf geschlagen. Den jetzt Angeklagten wurde vorgeworfen, auf das Opfer eingetreten zu haben.

Keine tragfähigen Beweise für die Tatbeteiligung

Der Vorsitzende sagte zur Urteilsverkündung, eines sei nach der Beweisaufnahme sicher: Dass der Haupttäter zu recht verurteilt worden sei. Doch der stehe heute nicht vor Gericht. »Der Wunsch der Vergeltung der Nebenkläger ist der Kammer nicht verborgen geblieben«, sagte er. Es sei nachvollziehbar, dass der Verlust der Familie und die Trauer noch nicht verwunden seien, »wenngleich die Art der Äußerung im Gerichtssaal nur schwer zu ertragen ist.«

Richter Meiring begründete sein Urteil anschließend mit der schwierigen Beweisaufnahme. Es gebe keine tragfähigen Beweise für die Tatbeteiligung an diesem Gewaltdelikt. »Das bloße Dabeistehen ist in diesem Fall nicht strafbar«, sagte er. Da es zahlreiche Zeugen gegeben habe, hätte man meinen können, dass die Rekonstruktion nicht schwierig sein dürfe, »dem war aber nicht so.«

Zeugenaussagen waren unergiebig

Irritierend an diesem Verfahren sei für ihn gewesen, dass die Beteiligung des Opfers an dem Geschehen von vielen übersehen würde: »Die gewalttätige und bewaffnete Auseinandersetzung wurde von Herrn A. begonnen.« Diese hätte an der Ausfahrt des Bahnhofs zunächst verbal angefangen. Harun A. sei mit dem Stiel auf die Angeklagten losgegangen. Der Haupttäter habe versucht, ihm den Stiel abzunehmen, die Gruppe habe das spätere Opfer in Richtung des Bahnhofsgebäudes zurückgedrängt. Zu diesem Zeitpunkt sei für die Angeklagten nicht erkennbar gewesen, dass der Haupttäter mehr wollte »als sich selbst zu behaupten«, sagte der Vorsitzende.

Die Nebenklägervertreterin Ilhaniye Öztürk hatte darauf verwiesen, dass die Gruppe den 49-Jährigen laut einer Zeugenaussage »vor sich her getrieben« habe und argumentiert, der  Haupttäter habe ihm seine vorangegangene Attacke heimzahlen wollen. Das sei nicht zu erkennen, sagte der Vorsitzende, die Formulierung »vor sich her getrieben« sei zuerst von Polizeibeamten gegenüber dem Zeugen verwendet worden. Zudem spreche »die Pauschalität seiner Angaben« gegen den Zeugen.

Bis auf die einer Anwohnerin waren alle anderen Zeugenaussagen unergiebig. Der Haupttäter verwies auf Erinnerungslücken, ebenso eine Gruppe damals Jugendlicher, die das Geschehen beobachtet hatten. Die Aussage der Anwohnerin sei detailreich, doch der zentrale Punkt für die Kammer nicht nachvollziehbar, sagte Meiring. Ihre Aussage korrespondiere mit dem Verletzungsbild des Obduktionsgutachtens insofern, als das der Haupttäter auf den Kopf des am Boden liegenden Opfers eingetreten oder geschlagen haben könnte.

Das sagen die Anwälte

Rechtsanwalt Mario Prigge, der einen der Angeklagten verteidigt, sagte im Anschluss an die Verhandlung, er halte den Urteilspruch für »absolut sachgerecht.« Deborah Weinert, die eine Tochter des Opfers vertritt, sagte, man müsse das erst einmal sacken lassen: »Wir werden mit der Familie besprechen, welche Möglichkeiten es gibt.« Ihr Kanzleipartner Christian Thüner sagte, natürlich seien die Anträge der Anwälte sehr verschieden gewesen, aber alle hätten die gleiche, schwierige Beweisaufnahme erlebt. Die Verzögerung des Verfahrens habe es auch dem Gericht nicht leichter gemacht: »Das erste Urteil und der Umweg über den Bundesgerichtshof haben uns viel Zeit gekosten. Zeit, die den Zeugen jetzt fehlt. Das ist einfach lange her.«

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