400 Teilnehmer kommen zur Schweigeminute für Harun A. am Bahnhof
Löhner halten fest zusammen

Löhne (WB). »Harun hätte das heute hier riesig gefunden. Das war, was er liebte: Gesellschaft«, ist sich Saynur S., die Schwägerin des getöteten Vaters, nach der Schweigeminute sicher. Der Tot von Harun A. ist für viele Löhner nach wie vor ein großer Schock. In einem großen Kreis haben sich die Menschen am Sonntagmittag auf dem Vorplatz des Löhner Bahnhofs aufgestellt.

Dienstag, 26.05.2015, 08:59 Uhr
Simone Bartling legt am Löhner Bahnhof Blumen für den zu Tode geprügelten Mann nieder. Foto: Katharina Prüßner

Dem Ort, an dem der Vater von sechs Kindern am Vatertag so brutal verprügelt wurde, dass er zwei Tage später verstarb. Aus einem spontanen Impuls heraus, der Familie in ihrer Trauer beizustehen und Harun A. Leben zu würdigen, haben Philip Morrison (31) und Sandra Kottmeier (24) über das soziale Netzwerk Facebook zu der Veranstaltung aufgerufen.

Dass so eine Tat in ihrem Löhne passiert, wollen sie nicht hinnehmen. »Ich bin alleinerziehender Vater. Ich denke da auch an die Zukunft und will Sicherheit für meine Tochter«, erklärte Philip Morrison. Unterstützt in ihrem Vorhaben, Gemeinschaft zu demonstrieren, wurden sie von SPD-Ratsmitglied Marion Schröder. Diese machte deutlich, dass sie nicht in ihrer Funktion als Politikerin anwesend war, sondern aus ihrer Betroffenheit heraus.

In ihrer Ansprache betonte sie, dass das Verbrechen auch jeden anderen hätte treffen können, der »zur falschen Zeit am falschen Ort« war. Auch die Familie des Verstorbenen hatte sich entschieden, an der Schweigeminute teilzunehmen. Nach einem Besuch des Grabes auf dem Friedhof in Mahnen hatten sie sich auf den schweren Weg zum Bahnhof gemacht. Die Fußballer der C-Jugend des VfL Mennighüffen, bei denen auch ein Sohn der Familie aktiv ist und für die Harun A. der »Vater der Mannschaft« war, hatten sich nach ihrem Erfolg beim Bielefelder Strafraum-Cup am Samstag dazu entschieden, das Spiel am Sonntag anzutreten. »Sie widmen ihr Spiel Harun«, wusste Saynur S.

Yasmine A., die Witwe, richtete einige Worte und ihren Dank für die große Anteilnahme an die Anwesenden. Sie nahm Eltern in die Verantwortung, ihre Kinder zu Gewaltfreiheit zu erziehen, aber auch die Politik des Landes, den Feier-Exzessen am Vatertag ein Ende zu setzen. »Vatertag ist eigentlich ein religiöser Feiertag, und das sollte er auch wieder werden«, forderte sie.

Die Menschen verstummen

Zu dem Klang der Kirchenglocken verstummten die Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz und neigten ihre Köpfe. Das Herz aus Blumen und Grablichtern, das seit der Tat vor dem Bahnhof an Harun A. erinnert, wurde am Sonntag um viele Kerzen und Blumen reicher. Simone Bartling aus Gohfeld legte einen Blumenstrauß nieder und stellte ein neues Schild dazu: »Alkohol ist keine Entschuldigung für Mord«, klagte sie damit an. Die Organisatoren wollen sich auch weiterhin für ein Gedenken einsetzen und ihren Teil dazu beitragen, solche Taten zu verhindern. »Wir haben Zielformulierungen zur Prävention von Straftaten erstellt«, sagte Kristin Stuke, Heilpädagogin aus Mennighüffen. »Solche Verbrechen entstehen durch Langeweile, niemand muss seiner Wut so Luft machen.« 

Mit ihren Formulierungen möchten sie an die Stadt Löhne herantreten und gerne ein Gespräch mit dem Bürgermeister führen. Das alles auch im Andenken an Harun A., der in Löhne für seine Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Offenheit bekannt war. »Dass findet man heute nicht mehr so oft, dass ein Mensch so offenherzig ist«, ist sich Kristin Stuke sicher. 

Nach der Schweigeminute wurde die Leere auf dem Vorplatz mit Menschen gefüllt - in einer langen Schlange warteten sie vor der Familie A., um zu kondolieren. »Ich bin sicher, Harun ist heute in der Nähe und lacht, wenn er all die Menschen hier sieht«, sagte Yasmine A.

Sie versuchte, aus der Veranstaltung und den vielen Anekdoten, die dabei erzählt wurden, neue Kraft zu schöpfen. »So war Harun. Er hat aus jeder Traurigkeit etwas Schönes gemacht«, erklärte sie. »Wenn es mir jetzt manchmal in der Seite zwickt, denke ich, dass das Harun ist, der mich ärgert, damit ich nicht mehr traurig bin.« 

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