„Wege durch das Land“ macht Station in Stift Quernheim
Kultur in Wanderschuhen erleben

Kirchlengern  (WB). „Segen der Erde“ – unter diesem Motto stand die Veranstaltung des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ am Sonntag in Stift Quernheim. Das Besondere des vierstündigen Querschnitts durch verschiedene Genres und Epochen bestand in dem gelungenen Wechselspiel aus Innen- und Außenelementen – die 78 Teilnehmer machten sich nach einem 90-minütigen Programm in der Stiftskirche zu einer knapp einstündigen Wanderung durch das wunderschöne Ravensberger Land auf, immer wieder unterbrochen von musikalischen und literarischen Zwischenstopps.

Montag, 07.09.2020, 17:31 Uhr aktualisiert: 07.09.2020, 17:34 Uhr
Die Rucksäcke sind gepackt, die Wanderschuhe geschnürt – nach Konzert und Lesung ging es für die Besucher auf eine knapp einstündige Wanderung. Foto: Sonja Töbing

„Normalerweise findet unser Festival immer von Mai bis Juli statt, aber dieser Zeitraum war coronabedingt nicht möglich. Erst gab es die Überlegung, in diesem Jahr komplett auf ,Wege durch das Land‘ zu verzichten. Aber wir waren kühn genug, es jetzt im Zeitraum vom 3. September bis 3. Oktober auf die Beine zu stellen“, berichtete der leitende Dramaturg Albrecht Simons von Bockum Dolffs kurz vor Beginn der Veranstaltung. Von normalerweise rund 25 Einzel-Events seien am Ende elf übrig geblieben. „Wir wollten zum einen den Künstlern, die aufgrund der Corona-Pandemie sowieso schon arg gelitten haben, eine Bühne bieten. Zum anderen haben wir gemerkt, wie groß der Hunger der Menschen nach kulturellen Veranstaltungen dieser Art ist“, sagte der Dramaturg.

Im Vorfeld habe es jede Menge zu organisieren gegeben, vor allem das Hygienekonzept habe alle vor große Herausforderungen gestellt. So wurden die Besucher der vierstündigen Veranstaltung in Stift Quernheim in zwei Gruppen aufgeteilt, die zeitversetzt den Künstlern in der Kirche lauschten und zu der Wanderung aufbrachen.

Zu Beginn begrüßte die künstlerische Leiterin Helene Grass die Gäste und führte sie ein wenig in die Geschichte des Ortes und der Kirche ein. Dann betrat die charismatische Schauspielerin Eva Spott den Altarraum, um aus Theodor Fontanes Spätwerk „Der Stechlin“ zu lesen. Mit großer Spielfreude verlieh sie den Charakteren Stimme und Leben. Wie Fontane alleine durch Dialoge Charakterzüge hervorhebt, wie er mit Ironie und einem unglaublichen Gespür für Sprache und Wortwitz die Schrulligkeit und Schwächen seiner Figuren zum Vorschein bringt, ist bemerkenswert. Der Roman passte dank seiner Protagonistin, der Stiftsdame Adelheid von Stechlin, perfekt zum historischen Rahmen der Veranstaltung.

Auf eine musikalische Reise begaben sich im Anschluss Barbara Schachtner und Dorrit Bauerecker, die das Duo Interstellar 227 bilden. Sie interpretierten im ersten Teil Werke von Benjamin Britten und John Dowland. Schachtners wundervolle klare Gesangsstimme erfüllte den gesamten Kirchenraum mit einer leisen Wehmut, während Dorrit Bauer ihr Können am Akkordeon und später am Toy-Piano bewies.

Dann hieß es Rucksäcke schultern und Wanderschuhe schnüren, denn unter der Leitung von Klaus Nottmeyer, Leiter der Biologischen Station Ravensberg, und seiner Kollegin Anna Brennemann ging es schnellen Schrittes zum Bauernbad Rehmerloh, wo Schauspieler Dietrich Hollinderbäumer aus dem umstrittenen Buch „Segen der Erde“ des bekennenden Hitler-Anhängers Knut Hamsun las. Nur während eines kurzen musikalischen Intermezzos im Wald mit Interstellar 227 hatten die Teilnehmer einen Moment zum Verschnaufen.

Wie Helene Grass betonte, sei Hamsuns Werk „Segen der Erde“ von den Nationalsozialisten für deren „Blut und Boden“-Ideologie missbraucht worden. Und Dietrich Hollinderbäumer ließ auch genau diese häufig kritisch beäugten Passagen des Werkes nicht aus.

Dann ging es langsam zurück in Richtung Stiftskirche, wo Barbara Schachtner und Dorrit Bauerecker noch einmal vor dem historischen Gebäude auftraten, dieses Mal mit Werken von Mozart, Schumann, Brahms und Schubert.

Kurz vor 18 Uhr endete dann die gelungene Mischung aus Kultur- und Naturerleben, die jedem Gast sicherlich noch lange Zeit in Erinnerung bleiben wird.

 

Noch Plätze frei

Für die Veranstaltung mit dem Titel „Blinde, die sehend nicht sehen“ am Samstag, 26. September, auf dem Gutshof Schulte-Drüggelte am Möhnesee sind noch wenige Restplätze frei, wie Albrecht Simons von Bockum Dolffs berichtet. Mit von der Partie ist dann der preisgekrönte renommierte Schauspieler Ulrich Noethen, der aus dem Roman „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago lesen wird.

Wer Karten reservieren möchte, kann sich auf der Homepage www.wege-durch-das-land.de informieren und sich Online-Tickets sichern. Auch eine telefonische Anmeldung ist möglich unter 05231/308020.

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