Autorin Tanja Busse zeigt schonungslos die Situation der Biodiversität
»Insekten sterben langsam und leise«

Kirchlengern (WB). Heuschrecken, Schmetterlinge und Vögel – Tiere, die idyllische Landschaften zum Leben erwecken. Doch die Realität sieht anders aus.

Mittwoch, 06.11.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 06.11.2019, 14:26 Uhr
Bei einer Lesung im Rahmen der Reihe »Kultur im Forum« hat Autorin Tanja Busse ihr im August erschienenes Buch »Das Sterben der anderen« vorgestellt. Darin behandelt sie das Insektensterben und die Gefahren, denen das Ökosystem ausgesetzt ist. Foto: Sophia Niermann

Bei einer Lesung im Rahmen der Reihe »Kultur im Forum« hat Autorin Tanja Busse ihr im August erschienenes Buch »Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können« vorgestellt. Dabei analysiert sie schonungslos die Situation der Biodiversität und schlägt wirkungsvolle Gegenmaßnahmen vor.

Vor zwei Jahren hat Tanja Busse ein für sie erschreckendes Erlebnis gehabt: Bei einer Radtour zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn – durchaus kein naturfernes Kind – erklingt das Zirpen einer Heuschrecke. Für viele ein ganz gewöhnlicher Klang, doch ihr Sohn schaut sie an und fragt: Was ist das für ein Geräusch?

Keine Insekten auf der Windschutzscheibe

»In diesem Moment habe ich verstanden, was Insektensterben bedeutet und dass etwas völlig aus dem Ruder läuft«, erklärt die Autorin. Von da an begann ihre Recherche, sie besuchte Felder, Wiesen und Weiden, vertiefte sich in wissenschaftliche Studien und traf auf Naturschützer und -forscher. »Insekten verschwinden – sie sterben langsam und leise«, fügt sie hinzu.

Und auch im Alltag sei das Phänomen bereits zu erkennen: Mittlerweile seien die Windschutzscheiben bei einer Autofahrt im Sommer sauber, vor ein paar Jahren habe dies noch ganz anders ausgesehen. Ein Grund, warum Naturschützer Alarm schlagen: Sie haben beobachtet, dass die Zahl der Insekten in den letzten drei bis vier Jahren um 80 Prozent abgenommen hat. »Und die Insekten sind nur die Spitze des Eisbergs eines ganzen Ökosystems«, hält Tanja Busse in ihrem Buch fest.

Ökosystem in Gefahr

Etwa eine Millionen Arten sind vom Aussterben bedroht. Nüchtern betrachten Experten, dass wir vor einem Massensterben stehen. Genau dies war vor etwa 66 Millionen Jahren ebenfalls der Fall, nämlich als die Dinosaurier verschwanden. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: »Damals war es ein Meteorit, der das Leben auf der Erde fast komplett ausgelöscht hat – heute sind es wir, die Menschen, die das Überleben vieler Arten gefährden«, so Autorin Tanja Busse.

Es sei bekannt, dass Bienen bedroht seien und Insekten sterben würden – und damit auch die Vögel. Und nicht nur die Vögel, sondern auch die Meeresbewohner. Das Aussterben der Arten könne bereits in der Ostsee beobachtet werden. Denn genau dort gebe es bereits Zonen, die nicht mehr belebt seien, sogenannte Todeszonen. Doch warum ist dies so?

Zum einen gelangten durch die Flüsse Dünger in das Meerwasser. Dadurch entstünden Cyanobakterien beziehungsweise Blaualgen. Diese erzeugten Sauerstoffmangel in den Tiefen der Gewässer. Das Ergebnis: Fische sterben. Zum anderen stelle die Überfischung ein großes Problem dar.

»Der Mensch ist heute Vernichter von Landschaft«

Auch die Veränderung der Landwirtschaft hätte große Auswirkungen auf die Biodiversität. Zurzeit gebe es eine magere Landschaft. Es sei keine große Vielfalt von Strukturen vorhanden, sondern die Landwirte müssten nach Masse wirtschaften und somit große Flächen bewirtschaften. »Dies hat ebenfalls zur Folge, dass viele Tierarten wie der Goldregenpfeifer und Blauracken ihren nötigen Lebensraum – zum Beispiel eine Waldweide oder die Heide – verlieren und somit sterben«. Dieses Phänomen beschreibt die Autorin als paradox, denn früher sei der Mensch Schöpfer einer Landschaft und somit der Biodiversität gewesen, heute sei er der Vernichter.

Seitens der Politik gebe es bereits Nachhaltigkeitsziele, zum Beispiel durch die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Theoretisch gut, aber: »Die Ziele werden allesamt verfehlt – das ist ein Skandal, denn dies wird einfach so hingenommen«, beschreibt Tanja Busse. Dabei existiere noch Hoffnung, um die biologische Vielfalt zu retten. Zum Beispiel, wenn die Landwirte vermehrt Streuobstwiesen oder eine Dammkultur – dahinter verbirgt sich eine spezielle Pflugtechnik – entwickeln würden. Dadurch bestehe die Möglichkeit, dass die Tiere wieder zurückkommen.

Darüber hinaus müssten vermehrt Projekte gefördert werden, die die Flächen oder »Hotspots« der Biodiversität vernetzten. Lokal stecke in der Verbindung von Gesundheits- sowie der Natur- und Agrarpolitik großes Potential, um die Biodiversität zurückzuholen. Beispielsweise könnten Schulen in ihren Schulkantinen vermehrt auf frisches, gesundes und regionales Essen setzen. »Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass jetzt die Zeit zum Handeln ist«, resümiert Tanja Busse.

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