Gastwirte und Einzelhändler kämpfen sich weiter durch den Lockdown - ihre Hoffnungen ruhen auf dem Frühjahr
„Wir brauchen mal etwas Bewegung“

Hiddenhausen -

Der bis Ende Januar verlängerte Lockdown raubt Daniela und Peter Reiche den Glauben an den Februar gleich mit. Angesichts des langsamen Impffortschritts geben sich die beiden Betreiber der Herforder Wirtschaft, dem Restaurant der Brauerei Felsenkeller in Hiddenhausen-Sundern, keinen Illusionen hin: „Vor März wird das doch nichts mehr. Und dann haben wir noch Glück.“

Donnerstag, 07.01.2021, 05:28 Uhr aktualisiert: 07.01.2021, 05:30 Uhr
Daniela und Peter Reiche von der Herforder Wirtschaft lassen sich nicht unterkriegen und kochen weiter durch den Lockdown. Foto: Stephan Rechlin

So wie viele andere Wirte im Kreis Herford haben auch die Reiches gegen die Krise aninvestiert. Ein Zelt, ein neues Lüftungssystem - alles für die Katz. Der Staat schließe die Gastronomie obwohl es keinen einzigen Beleg dafür gebe, dass die Infektionsgefahr hier höher als in einem Lebensmittelmarkt sei.

Jetzt stemmen sich die Reiches mit ihrem im November eingerichteten Abholservice gegen die immer weiter abgebuchten Beträge für Personal, Miete, Strom, Wasser, Wärme. Der sei im Dezember außerordentlich gut angenommen worden, sagt Daniela Reiche. Im Januar stehen vegetarische Käse-Macaroni, eine gebratene Gänsekeule mit Orangensauce und Rinderroulade auf der Wirtschaftskarte, die beiden fleischhaltigen Menüs werden mit Kartoffelklößen und Apfelrotkohl angeboten. Auf diese Weise versuchen die Gastwirte, die Arbeitsplätze ihrer sechs Köche, acht Restaurantfachkräfte, drei Küchenhilfen und vier Auszubildenden über die Krise zu retten.

An die rosigen Aussichten der Gastronomie in der irgendwann einmal corona-freien Zeit möchte sie ja gern glauben: „Doch die Frage ist, wer dann noch da ist.“ Köche und Kellner schulten inzwischen in andere Berufe um, kaum ein Schüler aus den aktuellen Abschlussjahrgängen wage jetzt noch einen Berufsstart in der Gastronomie. „Stell‘ Dir vor, der Laden brummt, aber Du hast kein Personal mehr, um den Andrang zu bewältigen“, lautet Daniela Reiches Prognose-Variante. Gegenwärtig seien ihre Stammgäste die größten Motivatoren: „Obwohl einige von ihnen seit Monaten in Kurzarbeit stecken und wirklich keinen Cent übrig haben, bestellen sie bei uns ihre Menüs. Dabei drücken sie ihre Hoffnung aus, im Sommer bei uns wieder auf der Terrasse sitzen zu können.“

Um die Situation der Gastronomie auf den Punkt zu bringen, wandelt Regine Tönsing, Hauptgeschäftsführerin der Dehoga OWL, ein bekanntes Uhrzeit-Sprichwort ab: „Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist zehn nach zwölf.“ Seit Anfang November sind die Betriebe geschlossen – und die Herforderin appelliert an die Politik: „Die versprochenen Hilfen, die wir so dringend benötigen, müssen bald kommen.“ Denn die Rücklagen seien aufgebraucht. So weiß Regine Tönsing von Gastronomen, die noch auf die Abschlagszahlung für den November warten.

Nichtsdestotrotz hat Tönsing Verständnis für die Verlängerung des Lockdowns: „Wir müssen das jetzt durchziehen, sodass wir so schnell wie möglich wieder öffnen können.“ Die Gesundheit stehe an erster Stelle. Und es bringe nichts, frühzeitig zu öffnen, wenn man danach erneut schließen müsse.

„Ganz bitter ist die Verlängerung des Lockdowns für den Einzelhandel“, sagt Ekrem Keskin, Geschäftsstellenleiter des Textilhauses Klingenthal in Herford. Jetzt werde eigentlich Platz geschaffen für die Frühjahrskollektion, dabei stapele sich im Lager noch die Winterware. Nach dem ersten Lockdown Mitte März und der Schließung der Geschäfte im Weihnachtsgeschäft sei die Verlängerung des Lockdowns ein weiterer Nackenschlag.

„Natürlich steht die Gesundheit im Vordergrund. Aber für uns Händler kommt es jetzt knüppeldick“, sagt Keskin. Zumal es für die Gastronomie ja finanzielle Unterstützung vom Staat gebe, für den Handel jedoch nicht. Wie es weitergeht, wenn auch ab dem 1. Februar das Textilhaus noch nicht öffnen darf? „Ich weiß es nicht.“

Auch der Herforder Buchhändler Wolf-Dieter Otto ist alles andere als glücklich. Aber er wagt die These, wonach 90 Prozent aller Geschäfte in der Innenstadt ein Online-Angebot haben: „Man muss nur mal im Netz schauen. Auf jeden Fall muss niemand bei Amazon bestellen.“

Wie die anderen Buchhändler aus Herford hat Otto einen Bestellservice. Und dieser werde recht gut angenommen, obwohl in der Stadt wenig los sei: „Manche sagen auch: Wir brauchen mal etwas Bewegung.“ Gleichzeitig sei das derzeitige Geschäft nicht mit den normalen Verkaufszahlen vergleichbar. Otto freue sich auf den Tag, an dem er wieder öffnen darf, befürworte die aktuellen Maßnahmen aber grundsätzlich: „Besser jetzt verlängern, als im März einen neuen Lockdown zu bekommen.“

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