„Tat nicht nachzuweisen“ – Anwalt der Opferfamilie fordert Verurteilung wegen Mordes
Verteidiger plädieren auf Freispruch

Bielefeld/Hiddenhausen (WB). Für alle vier Verteidiger ist klar: „Wir wissen nicht, was am 30. Mai 2019 passiert ist.“ Deshalb dürften die Brüder Ismet (32) und Ferhan A. (34) nicht verurteilt werden. Am späten Abend dieses Tages war der Deutsch-Libanese Raschad A. (30) vor der Bäckerei Hensel an der Bünder Straße mit 20 Messerstichen getötet worden – mutmaßlich im Streit um 1200 Euro.

Montag, 02.11.2020, 15:12 Uhr aktualisiert: 02.11.2020, 15:14 Uhr
Sven Peters (l.) und Tobias Diedrich, hier beim Prozessauftakt im Dezember 2019, verteidigen einen der Brüder. Foto: D. Inderlied

Für Staatsanwältin Claudia Bosse steht fest, dass sich die seit Juni 2019 in Untersuchungshaft sitzenden Brüder aus Herford und Hiddenhausen der gemeinschaftlichen schweren Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht haben. Sie hatte am Donnerstag zehn Jahre Haft für Ismet und neunhalb für Ferhan A. gefordert.

Am Montag war nun am Landgericht Bielefeld die Stunde der Verteidiger gekommen. Die Darstellung der Staatsanwaltschaft sei „reine Spekulation“, sagte Rechtsanwalt Martin Lindemann, der mit seinem Kollegen Daniel Farrokh den als mutmaßlichen Haupttäter geltenden Ismet A. vertritt. Es stehe überhaupt nicht fest, dass sein Mandant vor Ort gewesen sei. Dass sein Handy in der dortigen Funkzelle zum Tatzeitpunkt eingeloggt gewesen sei, beweise dies nicht. „Es gibt keinen Zeugen, der ihn gesehen hat.“

Die beiden Angeklagten hatten kurz nach der Tat Angaben gemacht, sich allerdings in Widersprüche verstrickt. Im Prozess blieben sie stumm. Im Falle seines Mandanten seien die widersprüchlichen Einlassungen gegenüber der Polizei der damaligen „Stresssituation“ geschuldet.

Zudem sei davon auszugehen, dass ein dritter Mann vor Ort gewesen sei. Eine Zeugin habe aus einem Badezimmerfenster gesehen, wie nach der Tat ein Auto davongefahren sei. „Auf dem Fahrersitz und auf der Rückbank soll jemand gesessen haben. Wenn es nur zwei waren, warum saß er dann nicht auf dem Beifahrersitz?“ Die Tat sei niemandem konkret zuzuordnen, meinte auch Farrokh. „Und deshalb gilt hier ‚im Zweifel für den Angeklagten‘.“

Urteilsverkündung am Donnerstag

Auch Anwalt Tobias Diedrich, der mit seinem Kollegen Sven Peters Ferhan A. verteidigt, sieht in der Tatversion der Anklage Ungereimtheiten. „Es steht nicht fest, dass mein Mandant vor Ort war.“ Es könne auch jemand anderes mit Ferhan A.s Handy das spätere Opfer kurz vor der Tat angerufen haben. Überhaupt habe sein Mandant im Plädoyer der Anklage kaum eine Rolle gespielt – weil ihm nichts nachzuweisen sei. Deshalb könne es nur einen Freispruch geben.

Die Anwälte der Opferfamilie, die als Nebenkläger auftritt, sehen das völlig anders. „Es war Mord“, sagte Anwalt Christian Simonis und forderte eine entsprechende Verurteilung, inklusive Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, die eine vorzeitige Haftentlassung erschweren würde.

Der Mordvorwurf stand anfangs auch in der Anklage, wurde später jedoch fallengelassen. Es habe einen Tötungsvorsatz gegeben, meint Simonis. Raschad A. sei bewusst in eine Falle gelockt worden, um sich an ihm für den gewalttätigen Angriff auf Ismet A. vom Vortag zu rächen. „Er wurde mit 20 Stichen bestialisch abgeschlachtet.“ Simonis kündigte im Namen der Familie eine Zivilklage auf Schmerzensgeld gegen die Angeklagten an.

Das Urteil der 1. Großen Strafkammer wird am Donnerstag verkündet.

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