Hiddenhausener Schausteller-Familie Heitmann möchte mit Mini-Kirmes ihre 200 Jahre alte Firma retten
Das Karussell soll sich weiter drehen

Hiddenhausen (WB). Schausteller Robert Heitmann (54) könnte der erste Inhaber seines 200 Jahre alten Familienbetriebes sein, der bei herrlichem Wetter vor seinem Betriebshof in Hiddenhausen sitzt und dabei zuschaut, wie der ganze Laden so langsam in die Pleite rutscht.

Samstag, 30.05.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 01.06.2020, 15:28 Uhr
Familie Heitmann blickt auf eine 200 Jahre dauernde Schausteller-Tradition zurück. Vater Robert gehört der siebten Generation an, Tochter Madeleine der achten. Beide würden ihr Unternehmen gerne mit einer Mini-Kirmes auf dem Betriebshof erhalten. Foto: Stephan Rechlin

Doch soweit möchte er es nicht kommen lassen. Ende Mai ist die Corona-Soforthilfe aufgebraucht. Um Strom, Gas, Wasser und Wartungskosten weiter bezahlen zu können, hat er bei der Gemeinde Hiddenhausen die Ausrichtung einer Mini-Kirmes auf einem 2475 Quadratmeter großen Teilstück seines Betriebshofes beantragt.

Zuerst forderte die Gemeinde ein Konzept. Heitmann: „Das habe ich extra von der PVS Projektgesellschaft Herford erstellen lassen.“ Anschließend forderte die Gemeinde einen Stellplan für acht bis zehn geplante Buden. „Habe ich eingereicht.“ Dann wurde nach Stellplätzen gefragt. „Ich habe insgesamt 10.000 Quadratmeter Platz. Dort können Autos und Fahrräder getrennt voneinander abgestellt werden.“ Heitmann soll außerdem Schutzmasken und Desinfektionsmittel am Geländeeingang vorhalten. „Kein Problem.“ Ein Toilettenwagen muss her! „Ist eingeplant. Steht hier vor der Halle.“

Keine Musik

Nachdem alle Auflagen erfüllt waren, sei der Gemeinde eingefallen, dass eine Kirmes ja eine Großveranstaltung sei, die bis Ende August verboten sind. „Das ist keine Großveranstaltung,“ protestiert Heitmann, „ich darf ja höchstens 150 Menschen aufs Gelände lassen. Die Abstandsregel ist damit leicht einzuhalten. Alles findet außerdem draußen statt. Auf Musik verzichte ich auch.“ Außerdem verknüpfe er die Veranstaltung mit dem 200-jährigen Bestehen seines Betriebes und nenne sie „Kirmes, Kultur und Lebensfreude.“

Ist das alles nur ein Trick? Der Dreh eines Gauklers, der ein wenig abkassieren möchte? Kirmes, Kitsch und Langeweile? Spurensuche auf dem Betriebshof.

In der Halle, oben auf dem Speicher, sind zwei weiß lackierte Holzpferde von einer Plane verdeckt. „Die Pferde waren Teil eines Karussells, mit dem mein Großvater 1820 nach Herford kam“, erläutert Heitmann. Der Großvater sei aus dem preußischen Potsdam eingewandert und habe die Bodenmühle betrieben, ein Karussell mit Holzpferden, deren Köpfe sich drehen konnten. Die Großmutter habe noch Nummern mit Bären und eine Schimpansenshow beigesteuert. Heitmann: „Meine Vorfahren waren Varieté-Künstler. Zum Programm einer Kirmes zählten damals auch Mäuse-, Degen- und Feuerschlucker.“

Attraktion aus Italien

Das Spiegellabyrinth, das rechts von der Hofeinfahrt steht, hat die aus Italien stammende Frau seines Onkels – der Bruder seines Großvaters – mit nach Herford gebracht. Neben dem Labyrinth enthält es Zerrspiegel, die einen dicker, dünner, krötiger oder giraffiger aussehen lassen. Heitmann: „Wir waren die ersten, die diese in Italien bekannte Attraktion in Norddeutschland eingeführt haben. Hätten wir uns mal ein Patent darauf geben lassen...“

Sowohl das Labyrinth als auch weitere historische Familienstücke sollen während der kommenden Wochenenden auf dem Areal gezeigt werden. Gemeinde und Kreis wollen bis Mitte nächster Woche den Antrag prüfen.

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