Projekt Westfälische Pflegefamilie: Hiddenhauser haben vier Kinder aufgenommen
»Die tollste Mama der Welt«

Hiddenhausen  (WB). Der Junge ist 15 Jahre alt, als er zu Familie F. nach Hiddenhausen kommt. Seine leibliche Mutter trinkt und kann sich nicht um ihn kümmern. Bei Familie F. findet er ein neues Zuhause auf Zeit. Familie F. ist eine Westfälische Pflegefamilie.

Mittwoch, 03.04.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 08.04.2019, 10:34 Uhr
Kinder brauchen starke Arme, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen (Symbolbild). Nicht alle leiblichen Eltern können ihren Kindern ein solches Umfeld bieten. In westfälischen Pflegefamilien bekommen diese Kinder ein Zuhause auf Zeit. Foto: dpa

Mutter F., die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist von Beruf Erzieherin. Als sie vor 21 Jahren ihr erstes Kind bekommt, ist klar, dass sie zu Hause bleiben und sich um die Erziehung der Kinder kümmert. Das zweite Kind kommt vier Jahre später. Die Rückkehr in den Beruf gestaltet sich schwierig, aber um mehr als die eigenen Kinder kann sich die Mutter schließlich auch von zu Hause aus kümmern.

Sie und ihr Mann erfahren von dem Projekt der Westfälischen Pflegefamilien. »Ein Jahr lang sind wir gut vorbereitet worden, bevor wir vor 15 Jahren unser erstes Pflegekind bekommen haben«, erzählt die Mutter. »Eine Familienaufstellung und Fragen wie ›Wo sind die Stärken der Pflegefamilie? Was trauen sie sich zu? Was schließen sie aus?‹ stehen in der Vorbereitung im Mittelpunkt«, erläutert Thomas Hinze, Bereichsleiter bei der Jugendhilfe Schweicheln.

»Kinder bringen ihr Päckchen mit«

»Da muss einiges zusammen passen, denn die Kinder bringen ihr Päckchen mit«, weiß die Pflegemutter. Mit Päckchen meint sie Gewalttätigkeit in der Herkunftsfamilie, Alkoholsucht der leiblichen Eltern, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, Unterversorgung. So erzählt sie zum Beispiel von einem Pflegekind, das anfangs immer schaut, ob der Kühlschrank voll ist.

Passen muss auch das Gefühl. So darf die Familie F. wie jede angehende Pflegefamilie ein potenzielles Pflegekind erst einmal aus der Entfernung beobachten und sich dann entscheiden.

Üblicherweise, so weiß F., brauchen die Kinder ungefähr ein Jahr, bevor sie in der Pflegefamilie angekommen sind. Das erste Pflegekind, der Junge, kommt mit 15 Jahren in die Hiddenhauser Familie. Schon innerhalb weniger Wochen hat er sich gut integriert. Seine Mutter habe einen neuen Freund gehabt, sie habe getrunken und ihren Sohn geschlagen, erzählt F. Doch die Mutter habe schließlich reichlich auf ihn einwirken können. Der Junge geht nach eineinhalb Jahren zu seiner leiblichen Mutter zurück.

Herkunftsfamilien sind immer ein Thema

An dem Tag, als er auszieht, zieht ein anderes Pflegekind ein. Ein Zufall. Das Mädchen ist damals 13 Jahre alt. Sie bleibt, bis sie 21 ist. »Und auch heute haben wir zu beiden einen guten Kontakt«, freut sich die Pflegemutter. Die beiden weiteren Pflegekinder sind dann deutlich jünger, als sie zu den Hiddenhauser kommen. Beide sind dreieinhalb, heute ist der Junge 13, das Mädchen 9.

Eigentlich ist das Programm Westfälische Pflegefamilien darauf ausgelegt, dass die Kinder bleiben, bis sie 18 sind. Falls die Jugendlichen es möchten, dürfen sie auch bis zum 21. Lebensjahr in den Pflegefamilien leben. Dabei sind die Herkunftsfamilien immer ein Thema.

»Die Kinder haben zwei Familien. Und der Kontakt zur Herkunftsfamilie ist immer geregelt. Sind die Kinder alt genug, haben sie sogar ein Mitspracherecht. Sie haben eine Bauchmama und wir sind für den Alltag zuständig«, sagt F. Und der gestaltet sich nicht immer einfach. »Wie gesagt, die Kinder bringen ihr Päckchen mit. Und wir können nur Schadenbegrenzung betreiben, wir können viel helfen, aber nicht alles wegmachen«, meint F.

Geschenke zum Geburtstag

Die Mutter weiß, dass die Kinder sie brauchen. Und die Familie hängt an den Kindern. Bei ihr sind die Pflegekinder genauso Teil der Familie, wie die eigenen Kinder auch. Von großer Bedeutung ist dabei natürlich auch das Umfeld. »Wie die eigenen, so sollten auch die Pflegekinder zu Weihnachten oder zum Geburtstag Geschenke von den Verwandten bekommen«, sagt die Pflegemutter, um nur ein Beispiel zu nennen.

Das schönste Kompliment, so sagt F., sei nicht nur, wenn ein Pflegekind sage »Du bist die tollste Mama der Welt«, sondern auch, wenn die Umgebung nicht einmal mitbekomme, dass zwei Kinder in der Familie Pflegekinder seien.

Das Projekt

Die Westfälischen Pflegefamilien sind ein Pflegefamiliensystem, das von einem Kooperationsverbund freier Träger der Jugendhilfe angeboten und vom LWL-Landesjugendamt Westfalen beratend und fördernd begleitet wird.

Westfälische Pflegefamilien ist ein familiäres Angebot im Bereich »Hilfen zur Erziehung« und eine spezielle Form der Vollzeitpflege. Die Familien bieten ein Lebensumfeld für Kinder und Jugendliche, die auf Grund ihrer individuellen Familienbiografie einen besonderen Betreuungsbedarf haben und langfristig in einer Familie leben sollen.

Die Evangelische Jugendhilfe Schweicheln ist Mitbegründer der Westfälischen Pflegefamilien und seit 30 Jahren in diesem Pflegesystem tätig. Aktuell betreut die Jugendhilfe 85 Pflegefamilien in ganz OWL. Seit 2015 werden auch unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Westfälischen Pflegefamilien untergebracht.

Die Jugendhilfe sucht stets nach interessierten Pflegefamilien, die bereit sind, ein Kind oder einen Jugendlichen aufzunehmen. Pflegefamilien können Ehepaare, in Partnerschaft Lebende oder Einzelpersonen mit oder ohne leibliche Kinder werden.

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