Archäologisches Fenster: Der Geistliche Udo Tielking befürwortet den Namen der Stiftspatronatin
Pusinna – eine „systemrelevante Heilige“

Herford (WB) -

Wie soll das Archäologische Fenster heißen? Vertreter des Herforder Geschichtsvereins favorisieren den Namen der Heiligen Pusinna. Doch es gibt Kritik daran. Zu den Befürwortern zählt hingegen Udo Tielking, katholischer Pfarrer im Ruhestand. Seine umfangreiche Begründung wird hier in gestraffter Form wiedergegeben:

Donnerstag, 04.03.2021, 16:48 Uhr
Die Grabungsarbeiten ermöglichen einen Blick auf die Anfänge des Frauenstifts am Münster. Über den alten Mauern im Erdreich soll das Archäologische Fenster entstehen. Foto: Bernd Bexte

 

„In diesen Tagen ist glücklicherweise die Patronin von Stadt und Stift, die Heilige Pusinna, in der Diskussion um eine mögliche Namensnennung. Hier einige Fakten zur Geschichte der Pusinna: Ihre Lebenszeit ist die Völkerwanderungszeit, sie erlebt 451 in ihrer Heimat den Hunneneinfall und die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern.

Der Lebensstil der Pusinna ist vielleicht nicht attraktiv für unsere Zeit, das könnte sich durch Corona vielleicht ja ein wenig ändern. Empfehlenswert ist er schon. Sie lebte auf dem Besitz, den ihr Vater ihr überlassen hat. Zwei Pfeiler bestimmten ihren Lebensstil in einer Zeit großer Not und Armut: Hingabe an Gott und gleichzeitig Verbleib mitten in der Welt und damit das Versprechen der Fürsorge und Liebe für die Armen und die Kranken, was diese Zeit kaum kannte. Das kann ein tolles Programm für Frauen in einer Klostergemeinschaft sein, wenn sie so ihr Leben ernst nehmen.

Von ihr heißt es, dass sie ein Leben des Gebetes führte, das sie nur unterbrach, um den Bedürftigen Gutes zu tun. Das ist eine Form von Größe. In der Sprache unserer Zeit ist sie existenz- und systemrelevant.

Das achte und neunte Jahrhundert ist die Zeit der Christianisierung der Sachsen. Die spezielle Methode der Missionierung ist ohne Reliquienverehrung nicht zu denken. Alle großen Klöster, Abteien und Bistümer versuchten, zur Betonung ihrer Bedeutung Reliquien (Gebeine) von Heiligen zu bekommen. Reliquien waren eine ungeheure Aufwertung der Bistümer und Pfarreien.

Die Verhandlungen zur Überführung der Pusinna-Reliquien in die Herforder Abtei war das diplomatische Meisterstück der Herforder Äbtissin Hadwig. Verwandt mit dem König und diplomatisch durch ihren Bruder abgesichert, gelingt es Hadwig, den Traum der Abtei zu erfüllen. Unter dem Protest vieler Bischöfe in Gallien und gegen den Willen der Bevölkerung, die sich des Segens einer Heiligen beraubt fühlten, entscheidet der König, dass die Reliquien der Pusinna nach Herford gebracht werden, in das erst kürzlich christlich gewordene Sachsenland.

Die Übertragung der Pusinna-Reliquien an den neuen Begräbnisort gestaltet sich, ähnlich wie beispielsweise bei Liborius, zu einem Triumphzug durch das halbe Europa. Mit den Pusinna-Reliquien im Herforder Münster beginnen die großen Wallfahrten aus ganz Westfalen und darüber hinaus. Das Ansehen wächst, Herford wird später – vielleicht mit ein wenig Ironie – von einem Papst als heiliges Herford bezeichnet.

Für das Mittelalter profitieren sowohl Abtei als auch Stadt von der Pusinnaverehrung , Wirtschaft und Wallfahrt waren immer gute Geschwister (siehe Kölner Dom). Der Name Pusinna überstrahlt mit der Zeit das Marienpatronat der Abtei. Pusinna ist das einzige Kontinuum, das sich das ganze Mittelalter durchträgt.

Von der Übertragung (Translatio) der Reliquien aus Binson im Jahr 860 bis zum heimlichen Vergraben der Reliquien im Garten der Stiftsdechantin im Jahr 1685 waren die Reliquien 850 Jahre in Herford – sogar noch 150 Jahre nach der Einführung der Reformation.

Für die Rettung eines kleinen Teils der Reliquien dürfen wir uns bei der reformierten Äbtissin Elisabeth von der Pfalz bedanken. Diese kluge Frau wusste um die Berühmtheit der Reliquien und schenkte 1677 dem Paderborner Fürstbischof eine etwas größere Reliquie. Zwei Kerzenständer mit Reliquien gelangten in die Nähe von Marsberg, wo sie vergessen und 1937 wiederentdeckt wurden. Ein Teil kam 1947 in die Pfarrkirche St. Johannes Baptist.

Pusinna hat sich also nicht ganz aus Herford vertreiben lassen und ist zurückgekehrt. Es wäre gut, wenn wir es nicht dabei belassen. Falls man sich für diesen Namen entscheiden würde, könnte man ihn mit einem Zusatz verbinden. Mir fielen spontan dazu Begriffe wie Forum oder Zentrum ein.“

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