Landgericht hält Vorwurf, Familienvater habe seine Tochter (13) entjungfert, für nicht belegbar – „erhebliche Zweifel an Aussagen“
Freispruch und Entschädigung

Herford (WB) -

Als Richter Marc Brüning das Urteil verkündet, bricht der Angeklagte in Tränen aus. Seit dem 5. August sitzt der Herforder Familienvater in U-Haft, hat Job und Wohnung verloren. Jetzt ist er wieder frei.

Montag, 01.03.2021, 16:18 Uhr aktualisiert: 01.03.2021, 16:20 Uhr
Das Landgericht Bielefeld hat einen Herforder vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs seiner Tochter freigesprochen. Seit August saß er in U-Haft, dafür wird er jetzt entschädigt. Foto: Uli Deck

Denn der Vorwurf, er habe seine damals 13 Jahre alte Tochter schwer missbraucht, ja sogar entjungfert, sei nicht zu belegen, urteilte am Montag die 21. Große Strafkammer am Landgericht Bielefeld. Sie hat erhebliche Zweifel an den Aussagen des angeblichen Opfers, aber auch den Angaben der Mutter.

„Die Tochter scheint nicht immer differenziert zu haben zwischen dem selbst Erlebten und dem, was ihre Mutter ihr erzählt hat“, erklärt Brüning in der Urteilsbegründung. Folglich muss der Staat den 47-jährigen Herforder für mehr als ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis entschädigen, ebenso für seine Festnahme am 4. August vergangenen Jahres.

Der gebürtige Afrikaner war angeklagt , seine Tochter zwischen Oktober 2014 und Oktober 2015 in der gemeinsamen Wohnung in Herford dreimal schwer missbraucht zu haben, es soll zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. Zwei weitere Male sei es bei einem Versuch geblieben. Die heute 19-Jährige hatte sich erst im vergangenen Jahr gegenüber ihrer Mutter offenbart und mit einer Anzeige das Verfahren ins Rollen gebracht.

Der Angeklagte, er hat auch einen deutschen Pass, hatte sämtliche Vorwürfe bestritten. Sein Anwalt Hein-Dirk Hinrichs hatte deshalb einen Freispruch gefordert.

Schon im Laufe des Prozesses, der weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, waren die meisten Anklagepunkte eingestellt worden. Letztlich blieb es noch bei dem Vorwurf, der Vater habe seine 13-jährige Tochter auf dem Ehebett festgehalten und entjungfert. Zu belegen war dies aber nicht.

„Wir sind nicht überzeugt, dass es nicht zu Übergriffen gekommen ist“, sagte Richter Brüning. Andernfalls wäre die junge Frau bei ihren Auftritten vor Gericht nicht so mitgenommen gewesen. Die Aussage sei ihr sichtlich schwer gefallen. Es sei aber nicht zu klären gewesen, was wann tatsächlich passiert sei. Zu widersprüchlich seien die Angaben, die die junge Herforderin im vergangenen Jahr gegenüber der Polizei und jetzt vor Gericht gemacht habe. Zudem stimmten sie in vielen Details auch nicht mit der Aussage der Mutter überein, die in dem Ende Januar begonnenen Prozess ebenfalls als Zeugin gehört worden war.

„Die Aussagen waren alles ander als konstant“, erklärte Brüning. So habe die junge Frau am zweiten Tag ihrer Anhörung vor Gericht eine regelrechte Kehrtwende gemacht und für die angebliche Entjungferung einen anderen Zeitpunkt genannt. Zunächst hatte sie gesagt, ihr Vater habe sich an ihr vergangen, als die Mutter für eine Entbindung im Krankenhaus war, dann sollte der Übergriff drei Monate früher geschehen sein.

Dass ein solch einschneidendes Erlebnis plötzlich zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden haben soll, sei „unglaubwürdig“. Ihre Aussagen hätten sich mit denen der Mutter offenbart „verwischt“. Abschließend richtete Richter Brüning noch Worte an die Tochter, die zur Urteilsverkündung allerdings nicht erschienen war. „Es ist ihr zu wünschen, dass sie ihren Weg in die Zukunft findet und es ihr wieder gut geht.“

Sie lebt mit ihren kleinen Geschwistern bei ihrer Mutter, die sich von ihrem Mann getrennt hat, und strebt einen Schulabschluss an. Dem Angeklagten gab Brüning einen guten Rat: Er müsse lernen zu akzeptieren, das Frau und Tochter nicht mehr mit ihm leben wollten. „Es gab deutliche Anzeichen, dass sie das nicht getan haben.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Nebenklage – sie hatten zwei Jahre und zehn Monate Haft gefordert – können es in einer Revision vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen. Die Herforder Anwältin Margarete Bökenkamp, die die junge Frau aus Herford als Nebenklägerin vertreten hatte, äußerte sich im Anschluss an die Urteilsverkündung diesbezüglich aber skeptisch.

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