Ein Monat voller Regen: Vor 75 Jahren wurde Herford überschwemmt
Hochwasser zwischen Kriegstrümmern

Herford (WB) -

Ein einsamer Mann, der im Wasser steht, neben ihm Trümmer der im Krieg zerstörten Gebäude: Aus heutiger Sicht wirkt die Aufnahme aus Herford wie eine Film- oder Foto-Inszenierung – doch die Sache war ernst.

Samstag, 06.02.2021, 05:45 Uhr aktualisiert: 06.02.2021, 09:36 Uhr
Ein einsamer Wasser-Wanderer in der Johannisstraße: Vor 75 Jahren wurde die Innenstadt überflutet. Foto: Sammlung Böhmer

Für gewaltige Schäden sorgte vor 75 Jahren das Jahrhundert-Hochwasser – als die Innenstadt unter Wasser stand, als es an einem Tag 130 Liter pro Quadratmeter regnete. Das sei ein Fünftel der jährlichen Regenmenge, schreibt der Gästeführer Mathias Polster in einem Aufsatz. Überhaupt war der Februar des Jahres 1946 von Überschwemmungen gekennzeichnet. So gab es im Zeitraum vom 28. Januar bis zum 26. Februar nur einen regenfreien Tag.

Besonders dramatisch wurde es in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar. Am 8. Februar sei gegen 20 Uhr Hochwasser-Alarm gegeben worden, so der Historiker Dr. Rainer Pape. Die Lage wurde bedrohlich, denn: „Die Hochwasserwelle der Aa traf gleichzeitig mit der Werreflut ein.“ Die Hansabrücke wurde zerstört.

Innerhalb von 24 Stunden sollen 150 Millionen Kubikmeter Wasser durch die Stadt geflossen sein. Das sei mehr als das Fassungsvermögen der Möhnetalsperre, so Polster. Verstärkt wurde die Wucht des Wassers durch die Eisenbahnbrücke der Lippischen Bahn in Höhe des heutigen Kanuclub-Geländes. Trümmer der im Krieg bombardierten Brücke lagen noch im Fluss – dank eines Provisoriums ging der Bahnbetrieb weiter. Durch den Wasserdruck wurde Treibgut angeschwemmt, das mit den Trümmern und der provisorischen Brücke eine Art Staudamm bildete. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Damm brach. Pape schreibt: „Mit großer Gewalt schoss die Flutwelle in das tiefer gelegene Stadtgebiet.“ In der Stadt habe das Wasser stellenweise 1,50 Meter hoch gestanden.

Das Jahrhundert-Hochwasser in Herford

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  • Kanuten in der Lübberstraße, eine Stadt unter Wasser: Laut Kenntnisstand von Mathias Polster handelt es sich bei dem Jahrhunderthochwasser um die größte Naturkatastrophe, die aus der Herforder Geschichte überliefert ist.

    Kanuten in der Lübberstraße, eine Stadt unter Wasser: Laut Kenntnisstand von Mathias Polster handelt es sich bei dem Jahrhunderthochwasser um die größte Naturkatastrophe, die aus der Herforder Geschichte überliefert ist.

    Foto: Sammlung Polster
  • Blick von der Deichtorbrücke aus auf den Stadtgraben, der randvoll, aber nicht über die Ufer getreten ist – im Hintergrund ist die Schönfeldsche Villa zu sehen, die heute Teil des Daniel-Pöppelmann-Hauses ist.

    Foto: Sammlung Polster
  • Die Brüderstraße: Vor dem Rothehaus steht die durch einen Bombenangriff beschädigte Turnhalle des Friedrichsgymnasiums. An einem Tag war ein Fünftel der jährlichen Regenmenge gefallen. Die Folgen waren verheerend.

    Foto: Sammlung Polster
  • Von oben zeigt sich das ganze Ausmaß des Hochwassers in Herford 1946.

    Foto: Sammlung Polster
  • lick in Richtung Gehrenberg vom Eingang des Fotoateliers Arnold aus: Kanuten nutzten das Hochwasser für eine Tour durch die Innenstadt. Zu sehen sind auch Kriegsschäden durch Bombenabwürfe.

    Foto: Sammlung Polster
  • Villa Siveke, Wilhelmsplatz 2: Von der Herderstraße aus konnte man sehen, dass Gebäudeteile von der Flut weggerissen worden waren. Wie durch ein Wunder kam bei dem Hochwasser kein Mensch ums Leben.

    Foto: Sammlung Polster

Es war eine gewaltige Flut und wie durch ein Wunder kam dabei kein Mensch ums Leben. Nach 24 Stunden hätten die Menschen wieder an ihre Keller gelangen können, hat Mathias Polster von Zeitzeugen erfahren. Auf 3.210.000 Reichsmark hat die Stadtverwaltung später die Schäden beziffert.

Viele Fotos – so auch das des einsamen Wasserwanderers auf der Johannisstraße – künden bis heute von dem Unglück. Als das HERFORDER KREISBLATT vor fünf Jahren einen Zeitzeugen-Aufruf veröffentlichte, war die Resonanz groß. Diejenigen, die sich meldeten, hatten das Hochwasser als junge Menschen erlebt.

Zu den Themen, die immer wiederkehrten, zählte die Sorge um die Lebensmittel. In Häusern oder Ställen befanden sich zudem Tiere, die es zu retten galt. Eine damals 19-Jährige, die in einem Haus an der Ecke Hansastraße/Waltgeristraße wohnte, erzählte von einem Ferkel, das vor Angst quiekend aufs Sofa geflüchtet war. Hüfthoch habe das Wasser im Erdgeschoss gestanden, so die Zeitzeugin.

Wie viele andere Herforder auch war sie von der Gewalt des Wassers überrascht worden, hatte am Abend des 8. Februar noch ein Konzert besucht. Auf dem Rückweg war die Herderbrücke nicht mehr passierbar – was folgte, sind dramatische Stunden, die alle Beteiligten nie vergessen haben.

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