Die Zukunft der Krankenhäuser in Herford und Bünde wird seit einem Jahr in Arbeitsgruppen diskutiert
Zwei Kliniken prüfen behutsamen Eingriff

Herford -

Die neue Kinder- und Jugendklinik am Kreiskrankenhaus Herford wird etwas mehr als 30 Millionen Euro kosten - also mindestens fünf Millionen Euro mehr als bisher angekündigt.

Freitag, 08.01.2021, 19:30 Uhr
Schwierige Operation. In gemeinsamen „Projekten“ wollen die Krankenhäuser Herford und Bünde zusammenwachsen. Foto: Moritz Winde

Genaue Zahlen könne Geschäftsführer Peter Hutmacher erst nennen, wenn Ausschreibungsergebnisse vorliegen: „Die vom Aufsichtsrat genehmigte Kalkulation bezieht sämtliche Maßnahmen mit ein, nicht nur den reinen Neubau. Allein die Abrissarbeiten sind mit einer Million Euro anzusetzen.“

Kinder- und Jugendmedizin wird nicht zu den Ertragsperlen des künftigen Verbundkrankenhauses Herford-Bünde gehören - die meisten Kliniken in der Region verzichten deshalb auf so eine Abteilung. Für den Aufsichtsrat und Hutmacher zählt sie zum „Versorgungsauftrag in einer Region“. Seit dem 1. Januar ist Hutmacher auch Vorstand des Lukas-Krankenhauses in Bünde; sein bisheriger Referent Christian Stienanz hat dort den Posten des Verwaltungsdirektors eingenommen. Bündes Ex-Geschäftsführer Roland von der Mühlen koordiniert medizinische „Projekte“ zwischen den Klinik-Standorten und schätzt ihre betriebswirtschaftliche Wirkung ein. Er dreht damit also in enger Absprache mit Hutmacher an den wichtigsten Stellschrauben des künftigen medizinischen Konzeptes des Verbundkrankenhauses. Dieses Konzept wird am Ende darüber entscheiden, ob langfristig beide Standorte erhalten bleiben können.

Jenseits des Alltagskampfes gegen die Pandemie sei in beiden Häusern im abgelaufenen Jahr „etwas Gigantisches passiert“, schwärmt Hutmacher. Er meint damit zum Beispiel gemeinsame, internetgestützte Fallbesprechungen der Chefärzte der beiden Kardiologien in Bünde und Herford. Solche Konferenzen gibt es aber in schwierigen Fällen seit langem auch zwischen dem Herzzentrum in Bad Oeynhausen und anderen, zugeschalteten Kardiologien aus benachbarten Krankenhäusern in der Region.

Zur Frage, ob wirklich an beiden Standorten des Verbundkrankenhauses überhaupt solche Kardiologie-Abteilungen notwendig sind, verweist Hutmacher auf den vom Koordinationsausschuss der Gesellschafter einberufenen Lenkungsausschuss. Der wiederum habe eine „Arbeitsgruppe Medizinisches Konzept“ gebildet. Und darin werde über solche Fragen beraten. Dem Beratungsergebnis werde Hutmacher nicht vorgreifen.

Zu weiteren bereits angelaufenen Verbund-Projekten zählten zum Beispiel die Zusammenarbeit in der Pathologie und in den Hygiene-Abteilungen der beiden Häuser. Ein Expertenteam befasse sich mit der Anpassung der IT. Über die künftige Rechtsform eines fusionierten Krankenhauses werde in der gesellschaftsrechtlichen Arbeitsgruppe gesprochen, über arbeits- und versorgungsrechtliche Aspekte der Mitarbeiter in einer weiteren Arbeitsgruppe.

Keinesfalls möchte Hutmacher die Fehler aus vergangenen, von ihm begleiteten Fusionen wiederholen und einfach dem einen Krankenhaus das Konzept des anderen Krankenhauses überstülpen: „Wir versuchen stattdessen, zusammenzuwachsen. Wir prüfen Aufgabe für Aufgabe und entscheiden uns dann gemeinsam für den besten Weg.“ Alles andere funktioniere vielleicht schneller, erzeuge aber Folgekosten, die später den Erfolg der gesamten Fusion in Frage stellen könnten. Hutmacher: „Hier verhandeln zwei gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe miteinander über den gemeinsamen, künftigen Weg.“

Es sind zwei wirtschaftlich angeschlagene Partner, die da so behutsam miteinander umgehen. Das Kreisklinikum Herford schloss das Geschäftsjahr 2018 mit einem 7,7 Millionen Euro hohen Defizit ab, das Lukas-Krankenhaus landete bei minus 2,6 Millionen Euro. Die Bilanzzahlen 2019 der beiden Kliniken sind bis heute nicht veröffentlicht worden, vom Coronajahr ganz zu schweigen.

Neben der wirtschaftlichen Auflage, nicht zur Dauerbaustelle des Kreises Herford zu werden, steht das Verbundkrankenhaus unter der Abrechnungskontrolle der Krankenkassen. Die verlangen inzwischen den Nachweis von Mindestmengen wichtiger Operationen, bevor sie bereit sind, in bestimmten Disziplinen dafür zu zahlen. Das heißt: Trotz der Möglichkeit von Internetkonferenzen darf gar nicht mehr in allen Fachrichtungen überall operiert werden.

Kommentar:

Mit jeder Impfdose, die derzeit verabreicht wird, rücken das Lukas-Krankenhaus und das Kreisklinikum wieder näher an die wirtschaftliche Realität der Vor-Coronazeit heran. Und die sah in beiden Fällen nicht eben rosig aus.

Mit Verbund und Fusion unter dem Dach des Kreises wollen sich beide Kliniken gegen die bevorstehenden Stürme der nordrhein-westfälischen Krankenhausplanung wappnen. Ob die minimalinvasiven Schritte, mit denen sich die Arbeitsgruppen seit einem Jahr vorantasten, dazu ausreichen werden, ist erst einzuschätzen, wenn die Beratungsergebnisse nicht mehr so behütet werden. Nur zwei Jahre nach der Fusion des Städtischen Klinikums Gütersloh mit dem evangelischen Krankenhaus Rheda war einer der beiden Standorte verschwunden, weil er nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben war. Gegen dieses Szenario hilft nur Spezialisierung. Stephan Rechlin

 

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