Warum es in Freikirchen zu Corona-Verstößen kommt – Religionssoziologe im Interview
„Erst kommt Gott, dann der Staat“

Herford/Münster (WB) -

Am Samstagabend hat die Polizei den Gottesdienst der Freikirche Jesu Christie in Falkendiek aufgelöst. Die mehr als 100 Teilnehmer sollen massiv gegen die Corona-Schutzmaßnahmen verstoßen haben. Es ist nicht das erste Mal, dass in einem freikirchlichen Gottesdienst offenbar gegen Corona-Regeln verstoßen wurde oder dass solche Feiern sogar zu Infektionsherden werden.

Freitag, 08.01.2021, 05:42 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 09:04 Uhr
Detlef Pollack ist Religionssoziologe an der Universität Münster. Foto: Brigitte Heeke

Mögliche Ursachen und Zusammenhänge erklärt der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster im Interview.

 

Herr Pollack, warum kommt es gerade in Freikirchen immer wieder zu Verstößen gegen die Corona-Regeln?

Pollack: Viele freikirchliche und evangelikale Gruppierungen haben ganz anders auf die Pandemie reagiert als etwa die beiden großen christlichen Kirchen. Die katholischen Bistümer und evangelischen Landeskirchen haben von vornherein die Aussagen der Politik akzeptiert und weitgehend darauf verzichtet, die Corona-Krise ausschließlich im Licht des Evangeliums, etwa als Strafe Gottes oder eine Prüfung für den Menschen, zu interpretieren.

Dagegen ist bei vielen Freikirchen eine starke Skepsis gegenüber den staatlichen Maßnahmen zu spüren. Diese Skepsis gegenüber Autoritäten liegt in der Tradition dieser Verbünde. Die eigene religiöse Sonderinterpretation wird oft über wissenschaftliche und staatliche Autoritäten gestellt.

 

Spielen Präsenz-Gottesdienste in den Freikirchen eine besondere Rolle?

Pollack: Für viele Evangelikale sind der persönliche Kontakt und das gemeinsame Gebet in der Tat von besonderer Bedeutung. Die Bindung an die eigene Gemeinde ist sehr stark, und die gemeinschaftlichen Zusammenkünfte haben einen höheren Stellenwert als etwa in den beiden großen christlichen Kirchen.

 

Und auch der Gesang, auf den in den betroffenen freikirchlichen Gottesdiensten oft nicht verzichtet wurde, hat eine besondere Bedeutung?

Pollack: Egal ob gesungen wird, die Maske nicht getragen wird oder ob man sich trifft – die entscheidende Überzeugung in diesem Zusammenhang scheint mir zu sein: Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu tun haben . Wir machen uns nicht abhängig von den irdischen Autoritäten. Das Vertrauen in Gott muss größer sein als das Vertrauen in den Staat.

 

Gilt das für alle freikirchlichen Gemeinden?

Pollack: Nein. Ich möchte betonen, dass man nicht alle freikirchlichen und evangelikalen Gemeinden in einen Topf werfen kann . Es gibt auch – gerade aus dem Bereich der Freikirchen – Stellungnahmen, die darauf hindeuten, dass man die Vorgaben der Politik und Wissenschaft ernst nimmt. Das freikirchliche und evangelikale Spektrum ist in sich sehr stark polarisiert.

 

Was wird überhaupt unter dem Begriff Freikirche verstanden und wie unterscheiden sich diese Gemeinschaften von den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland?

Pollack: Die Freikirchen wollen ein ernsthafteres Christentum leben als die meisten Menschen in den großen Kirchen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Quellen: persönliche, charismatische Erfahrungen und die Bibel. Viele Anhänger verstehen die Bibel wortwörtlich. Die einzelnen Gemeinden beanspruchen meist ein hohes Maß an Eigenständigkeit.

 

Wie groß ist der Anteil an Freikirchen-Mitgliedern an der deutschen Bevölkerung?

Pollack:Verlässliche Zählungen gibt es nicht. Es wird geschätzt, dass der Anteil ein bis zwei Prozent beträgt. Ich persönlich gehe von etwas weniger als einer Million Menschen aus.

 

Bei der freikirchlichen Gemeinde in Herford, deren Gottesdienst kürzlich von der Polizei aufgelöst wurde, und auch bei einigen anderen betroffenen Gemeinden handelt es sich um deutsch-russische Gemeinden. Spielt das möglicherweise auch eine Rolle bei den Corona-Verstößen?

Pollack: Es gibt dazu aus neuester Zeit einige Forschungen, die herausstellen, dass sich die Russlanddeutschen vielfach nicht anerkannt fühlen in der deutschen Gesellschaft. Daher kann es sein, dass die Menschen in den russisch-deutschen Gemeinden noch stärker als in anderen freikirchlichen Gemeinden das Gefühl haben, außerhalb zu stehen.

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