Nach Corona-Razzia: „Wir haben am Samstagabend nicht lauthals gesungen“
Herforder Freikirche wehrt sich

Herford (WB) -

Die deutsch-russische freikirchliche Gemeinde „Jesu Christie“ aus Herford wehrt sich gegen den Vorwurf von Polizei und Stadt, am Wochenende bei einem Gottesdienst gegen die Corona-Schutzvorschriften verstoßen zu haben. Wie berichtet, hatten Polizisten am Samstagabend eine Versammlung von 156 Menschen in den Gemeinderäumen aufgelöst und 111 Anzeigen geschrieben.

Dienstag, 05.01.2021, 05:00 Uhr aktualisiert: 05.01.2021, 08:44 Uhr
ieses Foto entstand Mitte August: Zu sehen ist das voll geparkte Areal vor dem Gemeindezentrum der Freikirche Jesu Christie auf dem Homberghof in Falkendiek. Ein Anwohner zeigte die Vorgänge schon damals beim Ordnungsamt an. Foto: privat

Seit Montag lässt sich die Gemeinde von den Bielefelder Rechtsanwälten Dr. Lutz Klose und Jan-Christian Hochmann vertreten. Klose sagte, der Vorwurf, die Menschen hätten so laut gesungen, dass Polizisten dass draußen gehört hätten, sei falsch. „Nach Informationen, die mir vorliegen, wurde überhaupt nicht gesungen. Der Chorgesang war aufgezeichnet und kam aus einer Stereoanlage.“

Nach Angaben der Stadt hatte die Gemeinde dem Ordnungsamt kurz vor Weihnachten per Einschreiben versichert, man werde während des Lockdowns auf Präsenzgottesdienste verzichten und Online-Gottesdienste abhalten. Aus der Gemeinde hieß es dazu am Montag, die Veranstaltung am Samstag sei ja kein Gottesdienst gewesen. Dennoch soll es dort ein Abendmahl gegeben haben, zu dem jeder Gläubige ein eigenes Glas für den Messwein mitgebracht haben soll. Rechtsanwalt Dr. Klose sagte, er wolle sich am Donnerstag das Gemeindehaus ansehen.

Anwalt Lutz Klose

Anwalt Lutz Klose Foto: Buescher

Auf Fotos habe er aber bereits erkannt, dass es dort Schilder gebe, die zum Mindestabstand aufforderten, und auch Spender für Desinfektionsmittel seien zu erkennen. „Es hatte wohl auch jedes Gemeindemitglied am Samstag eine Maske dabei.“ Ob die Masken immer getragen worden seien, werde sich zeigen. Es gebe schließlich Videoaufnahmen aus dem Gemeindehaus. Klose bestätigte Angaben einzelner Gemeindemitglieder, wonach ein Überwachungsvideo zeige, wie zwei Polizisten den Pastor geschubst hätten. „Darum geht es uns aber zunächst einmal nicht.“

Die Behörden wollen den Pastor als Veranstalter mit einem Bußgeld von 5000 Euro belegen und von jedem der 111 Erwachsenen 250 Euro fordern. Nach Angaben der Polizei wurde der Sicherheitsabstand nicht eingehalten, und Masken sollen auch nicht getragen worden sein.Die Corona-Schutzverordnung NRW untersagt Gottesdienste nicht. Aber sie schreibt unter anderem vor, dass Anwesenheitslisten zu führen und die lokalen Behörden zu informieren sind.

Hat die Stadt Herford ihre Aufgabe als Kontrollorgan nicht ausreichend wahrgenommen?

Bereits seit Sommer lagen der Verwaltung Hinweise vor, dass die Gemeinde Jesu Christie auf dem Homberghof ohne Hygienekonzept mit vielen Menschen Gottesdienste feiert und sich offenbar nicht an die Corona-Regeln hält. Ein Anwohner, der seinen Namen aus Angst vor Repressalien nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich habe die Vorgänge am 16. August beim Ordnungsamt angezeigt.“

In seinem Brief, der dem WESTFALEN-BLATT vorliegt, schreibt er: „Außer Sonntag finden entsprechende Gottesdienste mit lautstarken Chorgesängen und begleitet von Gasfanfaren, oftmals auch in der Woche, insbesondere auch Donnerstag und Samstagabends statt. Es reisen jeweils zwischen 30 und 50 Autos zu den Gottesdiensten an. Wir müssen davon ausgehen, dass aufgrund der hohen Personenzahl, die sich in den Räumlichkeiten befindet, die aktuellen Corona-Regeln nicht eingehalten werden.“ Als Beleg für seine Aussagen fügte er einen Datenstick bei. Die Fotos und Videoaufnahmen zeigen Dutzende Fahrzeuge, die vor dem Gemeindezentrum geparkt sind. Außerdem ist lauter Gesang zu hören.

Freikirche Herford

Freikirche Herford Foto: Moritz Winde

Ist die Stadt Herford diesem Hinweis auf eine Verletzung der Corona-Regeln nachgegangen? Der Informant sagt: „Ich habe zumindest diesbezüglich keine Reaktion erhalten. Aber geändert hat sich bei den Gottesdiensten nichts. Mit Mundschutz habe ich dort noch nie jemanden gesehen.“ Dazu sagt Stadtsprecherin Susanne Körner generell: „Wir kontrollieren stichpunktartig die Gemeinden in Herford.“ Zur Frage, ob die Behörde auch die Freikirche in Falkendiek überprüft habe, äußerte sie sich nicht. In seiner Antwort-Mail vom 20. August nimmt das Ordnungsamt zwar Stellung zu den Beschwerden über Lärm und Verkehr, nicht aber zur angemahnten Missachtung der Corona-Regeln. Man wolle mit dem zuständigen Pastor der Gemeinde Kontakt aufnehmen, heißt es.

Unterdessen ist klar, dass die Freikirche Jesu Christie Zusagen nicht eingehalten hat. In einem Brief an die Stadt versichert die Gemeinde am 21. Dezember: „Wir haben uns entschieden, während des Lockdowns bis zum 10. Januar auf Präsenz-Gottesdienste zu verzichten und vorerst alle Gottesdienste online durchführen.“

Fakt ist: Die russisch-deutsche Glaubensgemeinschaft hat sich nicht daran gehalten. Die Polizei musste am Samstag mit einem Großaufgebot einen Gottesdienst auflösen, an dem 156 Personen teilgenommen hatten. „Das ist keine vertrauensbildende Maßnahme. Es kann nicht von einem Versehen oder Irrtum ausgegangen werden. Ich erwarte, dass sich die Gemeinde bei den Herfordern entschuldigt“, lässt Bürgermeister Tim Kähler wissen und verhängt hohe Bußgelder.

Der Pastor muss als Veranstalter nun 5000 Euro Strafe bezahlen, die 111 erwachsenen Teilnehmer bekommen jeweils ein Knöllchen über 250 Euro.

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