Landwirtschaftlicher Kreisverband Herford-Bielefeld zieht Bilanz des vergangenen Jahres
„Kostendruck steigt und gefährdet Existenzen“

Kreis Herford (WB) -

„Wir werden dieses Corona-Jahr noch lange in Erinnerung behalten“, resümiert der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford-Bielefeld Hermann Dedert zum Jahresende. 2020 habe allen, der gesamten Gesellschaft, viel abverlangt. Auch für die Landwirte sei es ein anstrengendes Jahr gewesen.

Sonntag, 03.01.2021, 05:00 Uhr
Mit der Ernte sind die Landwirte im Kreis Herford in diesem Jahr zum Glück noch relativ glimpflich davon gekommen. Wie Hermann Dedert schreibt, sei bei den Kollegen anderswo die Spannbreite je nach Bodenqualität und Niederschlagsmenge jedoch enorm groß.

Die Preise für viele landwirtschaftliche Produkte seien im Keller und die Stimmung auf den Höfen vielfach sehr gedrückt. Für den Vorsitzenden war es ein nachdenklich stimmendes Jahr.

2020 habe den Menschen auch deutlich gemacht, dass volle Regale im Supermarkt keine Selbstverständlichkeit seien. „Wir haben gelernt, wie wertvoll Nahrungsmittel sind und dass sie ihren Preis haben müssen“, blickt der Vorsitzende zurück. Die Verwundbarkeit der globalen Lieferketten und die Wichtigkeit der hiesigen Erzeugung seien in diesem Corona-Jahr sehr bewusst geworden.

„In 2020 haben wir wieder erfahren, wie abhängig wir Bauern von der Natur und dem Wetter sind“, berichtet der Vorsitzende. Mit der Ernte seien sie zum Glück noch relativ glimpflich davon gekommen. Allerdings sei die Spannbreite, je nach Bodenqualität und Niederschlagsmenge, enorm groß.

Große Sorgen bereiten den Landwirten die Schweine-, Rind-, Geflügelfleisch-, Milch- und Eierpreise. So hätten drei trockene Jahre insbesondere bei den Milchbauern und Bullenmästern die Kosten stark steigen lassen, bei nicht auskömmlichen Erzeugerpreisen.

Die Bullenmäster litten massiv unter der Schließung der Gastronomie und dem Wegfall des Weihnachtsgeschäfts. Ebenso habe auf dem Geflügel- und Eiermarkt ein Preisverfall eingesetzt. Bei den Sauen- und Schweinehaltern führten Corona und die hohen Vorsichtsmaßnahmen in der Schlachtbranche sowie der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest im September zu extremen Preiseinbrüchen. Auch bei den Waldbauern sei die Situation durch drei Dürrejahre und Borkenkäferbefall desaströs.

Corona, Afrikanische Schweinepest, Vogelgrippe, Preisverfall, immer mehr Auflagen, Gesetze, Bürokratie, die die Kosten erhöhen – die Lage sei absolut ernst. „Wir sehen eine wirtschaftlich schwierige Situation, mit einer sich weiter öffnenden Kosten- und Erlösschere“, schildert der Vorsitzende die Lage. „Auf der anderen Seite wird zunehmend mit unseren Produkten vom Lebensmitteleinzelhandel gutes Geld verdient.“ Nicht nur das: Außerdem trage der Einzelhandel wegen des eigenen Wettbewerbsvorteils mit immer neuen Anforderungen dazu bei, dass der Kostendruck steige. Weiter komme hinzu, dass die Landwirtschaft einem globalen Wettbewerbsdruck ausgesetzt sei.

„Es kann und darf kein Weiter so geben, das schaffen unsere Bauernfamilien nicht mehr“, beschreibt Dedert den existenziellen Druck. „Wir müssen mit unseren Familien von unserer Arbeit leben können.“ Gerade der Nachwuchs brauche planbare, verlässliche Perspektiven. „Wir sind für fairen Wettbewerb mit gleichen EU-weiten Kriterien“, unterstreicht der Vorsitzende. „Wir sind für ein verantwortungsbewusstes Miteinander, doch wir müssen es auch durchhalten.“ Deshalb gehöre zur Nachhaltigkeit auch das Soziale und die Ökonomie dazu. Lebensmittel hätten ihren Preis. „Die Verantwortung für das, was wir in Zukunft essen, liegt bei uns allen“, appelliert der Vorsitzende. Es gehe nur gemeinsam mit der Landwirtschaft, Gesellschaft und Politik. Auch vom Lebensmittel-Einzelhandel fordert Dedert einen fairen Umgang und eine angemessene Bezahlung bei höheren Qualitätsstandards. Dabei sei sich die Landwirtschaft ihrer Verantwortung für die Tiere im Stall und der Natur und Umwelt sehr bewusst.

Er gibt zu bedenken: „Sind es nicht die Bauernfamilien, die mit ihren seit Generationen geführten Höfen verantwortungsbewusst und leidenschaftlich für Mensch, Tier und Natur qualitativ hochwertige Lebensmittel erzeugen und die unsere Kulturlandschaft und den ländlichen Raum erhalten?“ Wolle die Gesellschaft eine nachhaltige, lokale, sichere Lebensmittelversorgung und höhere Ansprüche an Tierwohl sowie Umweltschutz, so müsse die Landwirtschaft von Handel und Verbraucher fair bezahlt werden.

Sehr traurig stimmt Dedert, dass das Corona-Virus vielen Menschen Schicksalsschläge, persönliches sowie wirtschaftliches Leid in vielen Wirtschaftsbereichen gebracht habe. „2020 hat uns mehr als deutlich gezeigt, wie wichtig Gesundheit ist.“ Er hofft für das kommende Jahr auf ein wenig mehr Normalität und „dass wir schnell diese Pandemie überstehen“.

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