Stadt Herford sucht nach neuem Konzept und Wohnungen für Obdachlose – immer mehr problematische Fälle
„Alle Bemühungen sind gescheitert“

Herford -

Zunehmende Gewalt, exzessiver Drogenkonsum, psychische Krankheiten: Die Lage im Obdachlosenheim ist weiter brisant. Insider sprechen von einem Pulverfass. Damit dies nicht explodiert, sollen die „Härtefälle“ woanders untergebracht und dort vernünftig medizinisch versorgt werden. Aber wo?

Samstag, 05.12.2020, 06:06 Uhr aktualisiert: 05.12.2020, 06:10 Uhr
Großes Haus, große Probleme: Die Obdachlosenunterkunft an der Werrestraße 117d. Foto: Moritz Winde

Mehrmals hatte die betreibende Diakoniestiftung in diesem Jahr die Missstände an der Werrestraße 117d öffentlich angeprangert, sprach von Überforderung und einem Gefühl, allein gelassen zu werden.

Auf Nachfrage dieser Zeitung betonte Einrichtungsleiterin Bettina Schelkle am Freitag, die Situation sei weiter angespannt. „In einem zu großen Haus sind zu viele Menschen mit Problemen. Es fehlen psychiatrische Hilfen vor Ort und generell in Herford.“ Es gebe wiederholte Zerstörungen und Verschmutzungen sowie hohes Aggressionspotenzial von Einzelnen.

Für Entlastung könnte der nächtliche Einsatz eines Sicherheitsdienstes sorgen. Damit habe man bereits gute Erfahrungen gemacht, sagt Bettina Schelkle, nachdem im Sommer die Lage drohte, außer Kontrolle zu geraten .

Bewohner der Unterkunft waren damals Ziel von auswärtigen Drogenclans geworden. Es habe ein Klima der Angst und Gewalt geherrscht, hatte seinerzeit eine Sozialarbeiterin gesagt. Sogar Schüsse fielen. Doch wer trägt die Kosten für die Ordnungskräfte? „Uns fehlen dafür die Mittel.“ Darauf hatte die Evangelische Diakoniestiftung schon vor Monaten hingewiesen – unter anderem deshalb, weil das Gebäude einen erheblichen Sanierungsstau aufweist .

Die Organisierte Kriminalität ist zwar verschwunden, Konflikte aber sind geblieben: Bettina Schelkle fordert, für unbehandelt psychisch kranke Obdachlose besonders betreute ordnungsbehördliche Unterbringungsformen zu schaffen. In jedem Fall seien aufsuchende, sozialpsychiatrische Hilfen und eine Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten dringend vonnöten.

Das hat mittlerweile offenbar auch die Stadt Herford erkannt. In einer Vorlage für den Sozialausschuss, der sich am Montag mit dem Thema Wohnungsnot befasst, heißt es: „Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die ordnungsbehördlich unterzubringenden Personen vermehrt multiple Problemlagen aufweisen. Für die sich hierdurch in der Praxis ergebenden zusätzlichen Probleme gibt es keine adäquaten Lösungen.“

Alle Bemühungen müssten als gescheitert angesehen werden, schreibt Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann und schlägt eine Neuausrichtung vor. Denkbar sei die Einrichtung eines so genannten „Obdach Plus“, das besonders auf die Bedürfnisse von Wohnungslosen mit psychischen Erkrankungen zugeschnitten sei.

In der Folge will die Stadt den Standort Werrestraße 117d für die ordnungsbehördliche Unterbringung aufgeben. Das bedeutet, die etwa 30 Wohnungen würden nur noch längerfristig vermietet. Ein Dilemma: Der Wohnungsmarkt für eine Reintegration ist leer gefegt.

Bettina Schelkle geht davon aus, dass eine Einrichtung für psychisch kranke Obdachlose bis zu zehn Plätze für den Kreis Herford bereithalten müsste. An einer Konzeptentwicklung beteilige sich der Sozialberatungsdienst gerne. Sie stellt jedoch klar: „Alleine können wir ein solches Projekt nicht schultern.“

Kommentar von Moritz Winde

Nicht viele Punkte stehen auf der Tagesordnung des Sozialausschusses. Die zwei wichtigsten drehen sich um das Thema Wohnungslosigkeit. Die Politiker sollen erörtern, wie die verschärften Probleme gelöst werden können.Aber wie wollen sie dies tun, wenn kompetente Ansprechpartner fehlen? Die Evangelische Diakoniestiftung als Betreiber des Obdachlosenheims wurde nach eigenen Angaben nicht eingeladen.Die Irritation der Einrichtungsleiterin ist nachvollziehbar. Sie muss doch am besten wissen, wo die Schwierigkeiten liegen.Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Stiftung sieht anders aus. Höchste Zeit, die Differenzen zu beenden – zum Wohle der hilfsbedürftigen Menschen.

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Einrichtungsleiterin Bettina Schelkle vor der Obdachlosenunterkunft.

Einrichtungsleiterin Bettina Schelkle vor der Obdachlosenunterkunft. Foto: Moritz Winde

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