Mehr Gefangene mit psychischen Krankheiten: Herfords JVA-Chef kritisiert fehlende medizinische Versorgung und fordert zentrale Unterbringung
„Wir sind manches Mal hilflos“

Herford (WB) -

Herfords Gefängnischef Friedrich Waldmann schlägt Alarm: Der 64-Jährige fordert eine zentrale Einrichtung für psychisch kranke Häftlinge in Nordrhein-Westfalen. Der Anstaltsleiter gibt offen zu: „Wir können eine adäquate psychiatrische Betreuung dieser Jungs nicht mehr gewährleisten.“ Am Dienstag will er das Thema mit CDU-Justizminister Peter Biesenbach erörtern.

Dienstag, 01.12.2020, 06:00 Uhr
Das Herforder Jugendgefängnis aus der Luft betrachtet: Hinter den dicken Mauern sind derzeit 255 junge Männer inhaftiert. Zehn Prozent von ihnen sind laut Behörde psychisch krank. Foto: Moritz Winde

Friedrich Waldmann verweist auf die „spürbar steigende Zahl psychisch auffälliger Gefangener“ – nicht nur im Jugendknast an der Eimterstraße. Diese Entwicklung sei in allen Gefängnissen zu beobachten, egal ob im Erwachsenen- oder Jugendvollzug.

Auch außerhalb der dicken Backsteinmauern scheint die Betreuung seelisch Kranker zum Problem zu werden. Vor Kurzem hatte die Evangelische Diakoniestiftung von besorgniserregenden Zuständen in der Obdachlosenunterkunft an der Werrestraße berichtet. „Da wir es inzwischen mit einer hohen Zahl von Bewohnern mit psychischen Problemen zu tun haben und die Gewaltbereitschaft gestiegen ist, wird regelmäßig die Einrichtung zerstört“, sagte Einrichtungsleiterin Bettina Schelkle.

Friedrich Waldmann leitet den Herforder Jugendknast, in dem es 355 Haftplätze gibt. Aktuell verfügt die JVA über 243 Bedienstete.

Friedrich Waldmann leitet den Herforder Jugendknast, in dem es 355 Haftplätze gibt. Aktuell verfügt die JVA über 243 Bedienstete. Foto: Moritz Winde

Zurück hinter Gittern: Von den in Herford aktuell 255 jungen Inhaftierten seien mehr als zehn Prozent aufgrund ihrer Erkrankung nicht händelbar, betont Friedrich Waldmann bei der Jahrespressekonferenz am Montagmorgen. „Sie sind nicht aufnahmefähig und verstehen die Regeln nicht.“ Zudem könne von ihnen eine massive Gefahr ausgehen, die nicht vorhersehbar sei. In diesem Jahr habe es zwei Angriffe auf Bedienstete gegeben, bei denen diese erheblich verletzt worden seien. „Da stellt sich mir die Frage, wie es eigentlich um die Haftfähigkeit bestellt ist.“ Meist würden diese Gefangenen eingeliefert, ohne medikamentös eingestellt worden zu sein.

Was wirft die jungen Menschen seelisch aus der Bahn? Friedrich Waldmann sagt, oft stünde die psychische Erkrankung im Zusammenhang mit Drogenmissbrauchs. „Wenn ich mir die Drogenkarriere einiger junger Häftlinge anschaue, bekomme ich das kalte Grausen.“

Sinn und Zweck des Vollzugs der Jugendstrafe ist es eigentlich, erzieherisch auf die jungen Menschen einzuwirken. „Ziel ist es, die Bereitschaft der Gefangenen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Lebensführung in Achtung der Rechte anderer zu wecken und zu fördern. Sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten sollen ihre Gesundheit, ihre Selbstachtung sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten erhalten und stärken und ihnen helfen, sich als sozial verantwortungsvolle Mitglieder der Gesellschaft zu entwickeln“, heißt es in den Leitlinien des Justizvollzugs.

Doch die Umsetzung der Resozialisierungsmaßnahmen hält Friedrich Waldmann bei Häftlingen mit schweren psychischen Erkrankungen für nicht praktikabel. „Wir sind für solche Fälle nicht ausgebildet, sind keine Krankenpfleger.“ Psychisch Kranke seien nicht „unser Klientel“.

Im Umgang mit diesen jungen Männern stoße das JVA-Personal an seine Grenzen, sei sogar manches Mal hilflos. Es bleibe nichts anderes übrig, als diese Menschen zu verwahren. Der 64-Jährige fordert deshalb mehr Hilfe – für die psychisch Kranken und seine Mitarbeiter. Er schlägt ein neues Krankenhaus vor, in dem die Betroffenen vernünftig medizinisch versorgt werden könnten.

Angela Lück ist nicht nur Vorsitzende des Gefängnisbeirats in Herford. Die Löhnerin sitzt zudem für die SPD im Düsseldorfer Landtag. Die 61-Jährige sagt, sie könne die Sorgen des Gefängnisleiters gut nachvollziehen. Sie versprach, die Angelegenheit voranzutreiben. „Es gibt auch schon erste Ideen.“ Ob es sich um einen Neubau handelt oder ob bestehende Kapazitäten genutzt werden, ließ Angela Lück genau so offen wie einen möglichen Standort.

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