Herforder Einzelhandel zieht mit Handycaps ins Weihnachtsgeschäft - Interview mit Rainer Döring
Mit Lockzeiten in Black-Friday-Woche

Herford -

Kein Weihnachtsmarkt, Maskenpflicht, Konkurrenz aus dem Internet – der Herforder Einzelhandel zieht mit schweren Bürden in die Black-Friday-Woche und ins Weihnachtsgeschäft. Rainer Döring, Geschäftsführer der Handelskette Expert-Döring und Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses, sieht im Gespräch mit HK-Redakteur Stephan Rechlin darin nur vorübergehende Einschränkungen – gemessen am tiefgreifenden Wandel, vor dem der Einzelhandel insgesamt steht.

Dienstag, 24.11.2020, 05:30 Uhr
In der Herforder Innenstadt beginnt die Black Week mit Rabattangeboten auf Werbeträgern und in Schaufenstern. Foto: Stephan Rechlin

Das Erlebnisshopping zum Weihnachtsfest 2020 fällt aus – wie will der Herforder Einzelhandel diesen Nachteil kompensieren?

Rainer Döring: Der ausfallende Weihnachtsmarkt ist nicht kompensierbar. Wir werden alle Umsatzverluste im Vergleich zum Vorjahr hinnehmen müssen. Es kann sich nur jeder einzelne Maßnahmen überlegen, mit denen er diese Einbußen so gut wie möglich abfedert. Wir werden zum Beispiel die Öffnungszeiten unseres Elektrofachmarktes am Janup in derBlack Weekvor dem ersten Advent bis auf 21 Uhr ausdehnen, um die Kundenströme in dieser wichtigen Einkaufswoche zu entzerren. Ich hoffe, dass so viele Geschäfte wie möglich mitziehen werden.

Natürlich werden Sie auch Ihre Internet-Präsenz erhöhen…

Döring: Wir sind im Internet schon sehr präsent. Ich habe erstmals in diesem Jahr einen Mitarbeiter eingestellt, der sich ausschließlich dem Vertrieb über das Netz und unserer Präsenz in den Social-Media-Kanälen widmet. Allerdings hat der Online-Vertrieb auch seine Grenzen. Im Handelsausschuss wurde deutlich, dass die Teilnahme an den verschiedenen Internet-Plattformen ein recht teures Vergnügen ist, bei dem die Handelsspannen nur so dahin schmelzen. Wir im stationären Handel lieben nach wie vor den Kunden in unseren Läden, da können wir unsere Stärken beweisen – und den Kontakt bahnen wir gern über digitale Kanäle an.

Wie wichtig wären die verkaufsoffenen Sonntage, falls sie vor Gericht Bestand haben?

Döring: Sehr wichtig. Sie würden den Kundenandrang in der Innenstadt noch einmal spürbar entzerren und zusätzliche Anreize bieten, im lokalen Einzelhandel zu kaufen statt alles übers Internet zu bestellen.

Noch vor dem Startschuss in die wichtigsten Wochen des Jahres wird bekannt, dass H&M den Standort Herford im kommenden Jahr aufgeben wird. Verlust oder Chance?

Döring: Erst einmal ein echter Verlust, vor allem für den gerade erst aufgewerteten Augustinerplatz. Die Kombination der textilen Angebote mit dem benachbarten Modehaus Klingenthal ist schon ideal für beide Häuser. Es wird schwer, einen neuen Modehandel für die  H&M-Immobilie zu finden. Möglicherweise werden wir in Zukunft auch weitere Abzüge großer Handelshäuser erleben.

Oh. Wissen Sie schon Näheres?

Döring: Nein. Ich beziehe mich damit nur auf Entwicklungen, die auch in unseren Nachbarstädten zu beobachten sind. Die Schließungen der Karstadt-Häuser zum Beispiel.

Bekanntermaßen sind Sie ja auch im Gespräch mit der Stadt über Ihre Immobilie am Gänsemarkt…

Döring: Ja, wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen mit der Stadt über eine städtebaulich würdige Weiterentwicklung des Areals, und da sind wir natürlich insbesondere in Bezug auf unseren städtisch angemieteten Parkplatz betroffen.

Wie könnte so eine würdige Weiterentwicklung aussehen?

Döring: Dazu wäre nicht nur eine Immobilie und der davor liegende Parkplatz in den Blick zu nehmen, sondern das gesamte Quartier. In den achtziger Jahren haben wir mit der IHK einen heruntergekommenen Stadtteil an der Brooklyn Bridge in New York besucht. Mit Hilfe privater und öffentlicher Gelder ist es dort gelungen, den Stadtteil Dumbo mit neuen Wohnungen und ausgesuchten Einzelhandelssparten wieder kräftig aufzuwerten. Bei uns wären die gesetzlichen Immobilien- und Standortgemeinschaften so ein Instrument.

Der Zug zieht in Herford und anderswo jedoch in eine andere Richtung. Hier wie dort geht es um weit gefasste, autofreie Flaniermeilen, umgeben von Tempo-30-Zonen und abschreckend hohen Parkgebühren.

Döring:Die Idylle einer nahezu menschenleeren Innenstadt konnte während des ersten Shutdowns auch in Herford genossen werden. Diese Wochen haben deutlich vor Augen geführt, dass Koffein und Kultur allein auch niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Das Gesamtpaket muss stimmen und dazu zählt eben auch der Einzelhandel. Jede Maßnahme, die den Individualverkehr aus der Innenstadt verdrängen will, schadet dem Einzelhandel. Allerdings hege ich keine Sorgen, dass Herford dabei eine ideologische Vorreiterrolle einnehmen möchte. Die sollte es mal in aller Ruhe Bielefeld überlassen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7691033?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Forderungen nach Lockdown-Ende Mitte Februar werden lauter
Bundeskanzlerin Merkel und die Regierungschefs der Länder haben bislang eine Verlängerung des Lockdowns bis zum 14. Februar beschlossen.
Nachrichten-Ticker