Der Garten als Nahrungsquelle und Ort für Konzerte: Trend verstärkt sich in Coronazeiten
Zurück zur Natur

Herford (WB). Egal ob Hochbeete oder Hühner: Einen neuen Trend zur Selbstversorger-Literatur stellt Buchhändler Dirk Strehl fest. Mit derartigen Ratgebern läuft er bei dem Musiker Theophile Bonhert offene Gartentore ein. Der 44-Jährige hat zu seinem Naturgarten ein beinahe religiöses Verhältnis. Er sagt: „Die Natur ist meine Kirche.“

Dienstag, 10.11.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 14:06 Uhr
Theophile Bonhert und der Grünkohl: Der 44-Jährige, den NWD-Freunde auch als Orchestermusiker kennen, hat ein fast religiöses Verhältnis zu seinem Garten. Er sagt: „Die Natur ist perfekt.“

Konzept der Permakultur

Etwa 2000 Quadratmeter umfasst das Grundstück, das der Mann aus dem Elsass gemeinsam mit seiner Frau bewohnt und bearbeitet. Einen Gemüsegarten hatte er bereits in Frankreich besessen, verfestigt hat sich der Wunsch nach einer Naturoase, als er Vater wurde. Und da Theophile Bonhert mittlerweile Enkelkinder hat, erweist sich sein Hang ins Grüne als steigerungsfähig: „Ja, es platzt hier aus allen Nähten. ich hätte gerne mehr Platz.“

Die Äpfelbäume sind abgeerntet, aus dem Boden ragen unterschiedliche Kohlsorten mit ihren Blättern. Hunderte verschiedener Pflanzen wüchsen in seinem Garten, so der Musiker, den NWD-Konzertbesucher als Kontrabassisten kennen. Die Wege zwischen den Wildbeeten werden dominiert von Schafmist mit viel Stroh.

Das wirkt auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig, ist aber gut für den Boden, hinterlässt an den Schuhen keinerlei Spuren und verleiht dem Gang zudem etwas Federndes. „Hier, probieren Sie mal“, sagt Theophile Bonhert und reicht ein Salatblatt. Dessen eigenwilliger Geschmack lässt sich auf die Formel bringen: Natur pur!

Seit 2006 leben die Bonherts in ihrem Haus in Herringhausen, verfolgen im Garten das Konzept der Permakultur. Theophile Bonhert spricht von einem dauerhaften, sich selbst regulierenden System von Lebewesen, von Pflanzen und Tieren. Kein Dünger, kein Gift, gewässert wird nur, wenn etwas neu angepflanzt wird. Tatsächlich seien die letzten drei heißen Sommer heftig gewesen, räumt er ein. Aber die Pflanzen seien meist alt und hätten lange Wurzeln. Mit Schädlingen habe er keine Probleme, hier zahle sich die Vielfalt im Gegensatz zur Monokultur aus.

„Die Natur ist perfekt“

Der Garten als wucherndes Paradies und gesunde Nahrungsquelle: In der Zeit von Juni bis Dezember kaufe er deutlich weniger ein als sonst, sagt der Musiker, für den der Garten einen „Down-to-Earth“-Ausgleich zum Kulturbetrieb darstellt. Generell sei sein Ziel: „Ich will an jedem Tag des Jahres etwas aus dem Garten ernten.“

Wer ihn so reden hört, mag an die Klischees vom Öko im Schlabberlook denken. Nicht so Theophile Bonhert. In modischen Schuhen und Hose im Chinolook schreitet er über den Schafmist – auch beim Abpflücken eines Grünkohlblattes ganz Mann von Welt. Er schwärmt: „Die Natur ist perfekt, ich möchte mir an ihr ein Beispiel nehmen.“ Er glaube an die Natur, sie habe für alles eine Lösung. Auch zwei Hühner gehören zur Permagarten-Idylle. Nur haben sie sich gerade vor dem neugierigen Besucher versteckt.

Mit Blick auf Freunde hat der 44-Jährige festgestellt, dass sich der Trend zur Natur, zur Selbstversorgung in Coronazeiten verstärkt hat: „Ich beobachte, dass sich immer mehr Leute für den Garten interessieren. Das finde ich gut.“

Auf dem Wohnzimmertisch liegen Fachbücher. Bücher zum Thema Natur, das laut Dirk Strehl im Corona-Frühjahr besonders nachgefragt war. Dabei muss es nicht gleich der ganz große Wurf der Permakultur sein. Stattdessen konstatiert der Buchhändler eher eine Nachfrage nach Einsteigerliteratur: Selbstversorgung für Menschen mit Balkon zum Beispiel oder die Anlage eines Hochbeets. Aber auch Bücher zur Hühner- oder Bienenzucht habe er verkauft. Ebenfalls im Trend liegt Literatur zu den Bereichen Camping und Wandern.

Lesungen und Konzerte im Grünen

Und weil Buchhändler Strehl gerne vorliest und weil er den Musiker Bonhert gut kennt, entstand irgendwann die Idee, den Garten als Ort für Lesungen mit Musik zu nutzen. Ein Erfolgsmodell – gerade nach der Corona-Pause erwies sich das Publikumsinteresse als groß. Zwar war die Platzzahl begrenzt, aber acht ausverkaufte Vorstellungen sprechen eine klare Sprache.

Überhaupt hat sich der Garten in Zeiten der Pandemie zu einer kulturellen Enklave entwickelt. Veranstaltungen, die im Innenbereich nicht durchführbar waren, verlagerten sich ins Grüne. So hat der Herforder Musiker Tom Fronza den eigenen Garten im Frühjahr nicht nur auf Vordermann gebracht, sondern später in ihm auch ein Konzert mit Klaus dem Geiger veranstaltet. Und der Park von Gut Hiddenhausen bildete im Sommer einen herrlichen Rahmen für Benefizkonzerte, die von den Interessierten zahlreich angenommen wurden.

Zurück zur Natur – nicht nur, weil es gesund und ökologisch sinnvoll ist, sondern auch, weil es in einer schwierigen Situation Kultur möglich macht.

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