Obwohl der Lockdown droht: Ausstellung „Trügerische Bilder“ wird eröffnet
Das Marta setzt ein Zeichen

Herford (WB). Marta-Direktor Roland Nachtigäller gibt den Luther. „Wenn ich wüsste, dass morgen alle Museen geschlossen werden müssten, würde ich heute noch eine Ausstellung eröffnen.“

Freitag, 30.10.2020, 19:15 Uhr aktualisiert: 30.10.2020, 19:43 Uhr

Die Abwandlung des Apfelbäumchen-Zitates, das dem Reformator zugeschrieben wird, passt zur musealen Coronasituation in Herford. Denn diesen Freitag wird im Marta die neue Ausstellung „Trügerische Bilder“ eröffnet – kurz vor dem Lockdown, so dass die Ausstellung nach dem Start vorerst wohl nur am Wochenende zu sehen ist. Davon zumindest geht der Marta-Leiter aus. Gespannt hatten er und der Marta-Geschäftsführer Andreas Kornacki am Mittwochabend die Erklärung der Bundeskanzlerin verfolgt, doch das Wort „Museen“ fiel nicht. Aber einige Bundesländer hätten es so verstanden, dass auch die Museen betroffen sind. Das bestätigte sich am Donnerstagabend.

Großes Interesse am Eröffnungswochenende erwartet

Die Idee, den Ausstellungsbeginn zu verschieben, stand nicht zur Diskussion. Vielmehr sieht der Leiter die termingerechte Eröffnung auch als Signal, dass die Kultur weiterleben wird. Wenn es darum gehe, die Ausbreitung des Virus durch ein allgemeines Herunterfahren zu verhindern, könne er mit den Maßnahmen leben, so Nachtigäller: „Zudem wissen wir ja diesmal, dass der Lockdown es zeitlich befristet ist.“

Doch wie dem auch sei: Für die Ausstellungseröffnung und die beiden Wochenend-Tage erwartet der Museumsleiter ein große Interesse. Da die Teilnehmerzahl wegen der Coronabestimmungen begrenzt ist, rechnet er mit Besucherschlangen. Um das Geschehen zu entzerren, ist das Museum am Eröffnungstag von 16 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Bilder wirken wie Fotografien

Die Situation, das Schwanken zwischen Eröffnung und Lockdown, hat etwas Irreales. Und das wiederum passt zu der Ausstellung, die den Untertitel trägt: „Ein Spiel mit Malerei und Fotografie.“ Oft sind die Grenzen zwischen den Genres auf den ersten Blick nicht zu bestimmen – als da wären die Alltagsgegenstände von James White. Von weitem sehen seine Arbeiten aus wie Fotografien, aus der Nähe erkennt der Betrachter den Farbauftrag.

Gegenteilig die Fotografien von Dirk Braeckmann, die mittels Vergrößerung sowie Unter- und Überbelichtung wie gemalt wirken. Der Künstler beherrscht das Spiel mit der Verfremdung, die Bilder werden zur Spurensuche, auf denen der Zuschauer Vertrautes zu erkennen versucht.

Ins Dreidimensionale geht die Ausstellung mit einer Lichtarbeit von Anthony McCall. Ein Lichtkegel samt Linien auf dem Boden erzeugt die Illusion, als handle es sich um einen Raum im Raum.

Siebenteilige Fotogravüre als besonderer Hingucker

Eyecatcher der Ausstellung ist die aus sieben Teilen bestehende Fotogravüre „Quarantania“ von Tacita Dean. Ausgangspunkt war eine alte Fotovorlage, die auf eine Kupferplatte übertragen wurde. Anschließend versah die Künstlerin den biblischen „Berg der Versuchung“ mit einer Farbgebung. Der feuerrote Himmel mit all seinem inszenierten Kitsch erinnert an die colorierten Landschaften mancher Wildwest-Filme. Hierzu passen die Geschichten, die Dean in den Bildern erzählt.

Wer mehr darüber wissen will: Zu der bis zum 28. Februar terminierten Ausstellung gibt es einen handlichen Kurzführer.

Kommentar

Marta-Direktor Roland Nachtigäller geht davon aus, dass die neue Ausstellung vorerst nur am Wochenende zu sehen ist. Warum also der Eröffnungsaufwand, wenn die Folge-Euphorie vergleichsweise kurz zu sein scheint? Auf den ersten Blick erhält das Vorgehen etwas Skurriles. Hätte das Marta die Eröffnung nicht verschieben sollen, ja müssen?

Auf den zweiten Blick sendet die Eröffnung jedoch genau das richtige Signal aus, stellvertretend für viele Branchen, die vom Lockdown betroffen sind: Wir lassen uns nicht unterkriegen!

Daher ist es zu wünschen, dass viele Kunstinteressierte diesem Signal am Wochenende folgen. Die Befürchtung, ein Ausstellungsbesuch könne ein gesundheitliches Risiko beinhalten, ist unbegründet – wie überhaupt die gesamte Kultur- und Veranstaltungsbranche in den vergangenen Monaten sehr verantwortungsvoll gehandelt und immer neue Konzepte erarbeitet hat. Hartmut Horstmann

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