Nach Herbstferien trifft Pandemie die Verkehrsbetriebe in Herford mit voller Wucht
Im Schulbus wächst das Risiko

Herford (HK). Rollende Sardinenbüchsen bergen an jedem neuen Schultag das derzeit höchste Infektionsrisiko: Linienbusse, in denen morgens und mittags auch Schüler mitfahren. Sollte es jemals einen Busfahrer „erwischen“, fürchtet Achim Overath, Geschäftsführer der Minden-Herforder Verkehrsgesellschaft (MHV), den vorübergehenden Zusammenbruch des gesamten ÖPNV-Systems: „Dann muss ich sämtliche Mitglieder des betroffenen Einsatzteams in Quarantäne schicken.“

Mittwoch, 28.10.2020, 06:00 Uhr
In den Linienbus, der am Mittag vor dem Theater hält, steigen die Schüler aus zwei benachbarten Gymnasien ein. Drinnen wird entsprechend eng. Wenn Schüler die Maskenpflicht ignorieren, wird es gefährlich. Foto: Stephan Rechlin

Überfüllte Schulbusse am Morgen und Mittag gab es schon lange vor Corona. Mit dem Schulstart nach dem Lockdown im April kamen die MHV und die Busverkehr Ostwestfalen GmbH (BVO) zunächst noch gut zurecht. Overath: „Die Klassen waren geteilt, die Anfangszeiten gestaffelt. Die vorhandenen Busse und Fahrer reichten aus.“ Mit dem an warmen Tagen ebenfalls entlastenden Radverkehr sei es im regnerischen Herbst vorbei. Erst jetzt, nach den Herbstferien, trifft die Pandemie die Verkehrsbetriebe im Kreis Herford mit voller Wucht: Volle Klassenstärken, höchster Inzidenzwert in ganz Ostwestfalen.

Davon sind die Verkehrsplaner nicht etwa überrascht. Overath: „Wir haben Schulen und Schulträger bereits im Frühjahr auf das wachsende Infektionsrisiko in Schulbussen in der kalten Jahreszeit hingewiesen.“ Doch auf den drängenden Wunsch, die Schulanfangs- und –schlusszeiten zu entzerren, habe bisher niemand reagiert. Lorena Wieners vom Kreis Herford bestätigt, dass sich Städte und Gemeinden als Schulträger, der Kreis und die Verkehrsbetriebe „in Gesprächen befinden“. Dabei seien unter anderem der Einsatz von mehr Bussen und Fahrern auf besonders belasteten Linien gefordert worden.

Auslastung ist unterschiedlich

Allerdings habe sich in diesen Gesprächen herausgestellt, dass nicht alle Schulbuslinien im Kreis in gleicher Intensität belastet seien: „Aus den Berufskollegs gibt es keine Rückmeldung zu überfüllten Bussen, der Schülerspezialverkehr an den Förderschulen ist ohnehin vom Linienverkehr abgekoppelt.“ Ob der von der Landesregierung im August angebotene Kauf von 1000 neuen Bussen in Nordrhein-Westfalen genutzt worden ist, bleibt offen - im Kreis Herford wären das drei neue Busse je Kommune gewesen.

Der Erwerb neuer Busse koste Zeit und würde der MHV auch nicht viel weiter helfen. Overath: „Jeder Bus braucht einen Fahrer. Wir setzen derzeit jeden Mitarbeiter ein, der uns zur Verfügung steht.“ Die BVO weist darauf hin, fortlaufend im Austausch mit den Landkreisen und Schulverbänden zu stehen, um gemeinsame Lösungen zu finden, „wie wir den Schülerverkehr in Corona-Zeiten optimal organisieren können“. Bestelle der Aufgabenträger zusätzliche Fahrten, würden sie angeboten, „wenn ausreichend Fahrzeuge und Fahrpersonale zur Verfügung stehen.“ Zudem unterstütze die BVO die Aufgabenträger mit Daten zur Auslastung, um das Angebot bestmöglich an die Nachfrage anzupassen. Im Kreis Herford biete die BVO bereits jetzt Fahrten in den Hauptverkehrszeiten zusätzlich zum Regelfahrplan an.

Suche nach Einzellösungen

So sucht jede Kommune jetzt erst einmal nach einer Einzellösung. Zwischen Enger und Spenge werden Verstärkerbusse eingesetzt, also besonders belastete Linien mit zwei Bussen bedient: Wem es im ersten Bus zu voll ist, steigt in den zweiten. Den Versuch, den Unterrichtsbeginn zu entzerren, blocken Schulen kategorisch ab – „aus schulorganisatorischen Gründen“ wie es etwa in Paderborn heißt. Keine schulorganisatorischen Probleme gibt es dagegen in Nieheim, Delbrück und Harsewinkel – dort passen auch weiterführende Schulen ihren Betrieb der Beförderungsnot an.

Kommentar

Über rappelvolle Schulbusse klagen Schüler und Eltern schon seit Jahren. Das Coronavirus verschärft das Problem jetzt, lässt es sogar zu einer akuten Gesundheitsbedrohung werden. In jeder Kneipe müssen Namen erfasst und Abstände eingehalten werden, doch morgens und mittags im Bus ist alles egal? Da lacht der Coronaleugner.

Die in Enger und Spenge entwickelte Insellösung lindert dort die Not ein wenig, doch sie hilft anderswo nicht weiter. Für weitere Verstärkerbusse fehlen die Fahrer, die übrigens im Gegensatz zu Lkw-Fahrern keine Corona-Zulage erhalten. Die Entzerrung des Schulbeginns an der Olof-Palme-Gesamtschule in Hiddenhausen wiederum nutzt einem überregional planenden Busbetrieb nichts, wenn die Anfangszeiten an den Herforder Gymnasien starr erhalten bleiben.

Es muss also eine kreisweite Lösung her, übrigens nicht nur wegen der Schüler. Welcher Berufspendler tut sich denn morgens solche riskanten und unbequemen Ausflüge an, wenn er in seinem Auto auch masken- und infektionsfrei zur Arbeit kommen kann? In diesen Tagen steht die gesamte Verkehrswende auf der Kippe.

 

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