Kosten für Gebärdenübersetzung gefährden Austausch mit anderen Krebspatientinnen – Selbsthilfegruppe in Herford
Gehörlose kämpft um Dolmetscherin

Herford (WB). Die Vorfreude auf ihr drittes Kind ist groß, da erfährt Praweena Buchholz, dass sie Krebs hat. Im Februar, noch während der Schwangerschaft, wird ihr eine Brust abgenommen. Am 4. April, sie ist im achten Monat schwanger, wird das Kind geholt. Das Leben steht Kopf.

Mittwoch, 07.10.2020, 05:35 Uhr aktualisiert: 07.10.2020, 11:54 Uhr
Ohne eine Gebärdendolmetscherin wie Annalena Michalak kann die gehörlose Praweena Buchholz (40) nicht an den Abenden der Frauenselbsthilfe Krebs teilnehmen. Foto: Bexte

Hilfe bekommt die 40-jährige Löhnerin bei der Frauenselbsthilfe Krebs. Ganz einfach ist das jedoch nicht: Praweena Buchholz ist gehörlos. Um mit anderen betroffenen Frauen zu kommunizieren, benötigt sie Gebärdendolmetscher. Aber wer soll die bezahlen?

„Ich merke hier, dass ich nicht alleine bin, das hilft mir sehr“, übersetzt Gebärdendolmetscherin Ines Kaufhold die Handzeichen der gebürtigen Thailänderin. Kaufhold ist mit ihrer Kollegin Annalena Michalak, zurzeit noch Praktikantin, in den Saal des Wichernhaus gekommen. Hier trifft sich die vor 26 Jahren gegründete Selbsthilfegruppe.

Wöchentliche Treffen

Von Krebs betroffene Frauen tauschen sich aus, berichten von ihren Erfahrungen mit der Krankheit, sprechen sich Mut zu, geben Tipps. „Wir finanzieren uns durch Spenden, alle Angebote sind für die Teilnehmerinnen kostenlos“, erklärt Gruppenleiterin Erika Gieselmann.

Praweena Buchholz ist erst zum zweiten Mal beim Gesprächskreis dabei, der jeden ersten Donnerstag im Monat im Pflegeheim an der Fichtestraße zusammenkommt. Hier fühlt sie sich aber bereits gut aufgehoben. „Erika hat mir gut geholfen“, übersetzt Annalena Michalak. Die Gebärdendolmetscherinnen sind zu zweit aus Kassel angereist. „Denn das Simultandolmetschen ist sehr anstrengend, da müssen wir uns abwechseln“, erklärt Ines Kaufhold.

Das hat seinen Preis: knapp 300 Euro kostet die Übersetzung pro Abend. „Derzeit zahlen wir das noch aus eigenen Mitteln, das können wir aber nur noch bis Dezember“, sagt Gieselmann. Möglich sei das auch nur, da Fördergelder umgeschichtet worden seien, die ansonsten für Tagungen und Versammlungen zur Verfügung stehen, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnten.

Gehörlos seit einem Unfall

Praweena Buchholz – sie ist nach einem Unfall seit ihrem siebten Lebensjahr gehörlos – möchte aber auf den Austausch mit den anderen Frauen nicht verzichten. Sie hofft, die Belastungen der vergangenen Monate – dazu gehörte eine Chemotherapie – mit Hilfe der Gruppe verarbeiten zu können.

Deshalb ist sie bereits in Begleitung einer Gebärdendolmetscherin bei ihrer Krankenkasse, der DAK, vorstellig geworden, mit dem Ansinnen, dass diese die Kosten für die Übersetzerinnen übernimmt. Die Kasse lehnt das jedoch ab mit der Begründung, eine Selbsthilfegruppe sei keine medizinische Notwendigkeit. „Das verstehe ich nicht. Die Selbsthilfe gilt in Deutschland doch als ‚vierte Säule‘ des Gesundheitswesens“, sagt Erika Gieselmann.

Praweena Buchholz kennt das bereits. „Mein Mann ist auch gehörlos. Wenn wir beispielsweise etwas bei der Bank regeln müssen, bekommen wir auch keine Hilfe. Wir versuchen, das dann schriftlich zu regeln oder mit Unterstützung von Freunden.“

Krankenkasse lehnt ab

Die DAK verweist auf die gesetzlichen Bestimmungen: „Ich kann das Anliegen verstehen und persönlich tut es mir für die Betroffene leid. Es gibt aber enge gesetzlich Vorgaben. Diese Leistung kann von uns nicht bezahlt werden“, sagt Sprecher Rainer Lange. Es gebe auch keinen Ermessensspielraum für eine Kulanzregelung. „Schließlich geht es um das Geld der Beitragszahler.“

Die Krankenkassen förderten die Arbeit von Selbsthilfegruppen bereits mit „ordentlichen Summen“. Möglicherweise könnten sogenannte Hilfen in besonderen Lebenslagen in Anspruch genommen werden. Dafür seien dann der Kreis oder der Landschaftsverband zuständig.

Erika Gieselmann will in der Sache auf jeden Fall dran bleiben. „Vielleicht geht ja etwas über den Behindertenbeirat des Kreises.“

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