Frau des Opfers hadert: „Weshalb sitzt der Täter nicht dauerhaft hinter Gittern?“
Taxischläger kommt in offenen Vollzug

Herford (WB). Der Mann, der einen Taxifahrer am Bahnhof ins Koma geprügelt hat und zu gut drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hat seine Haft angetreten – und zwar im offenen Vollzug. Die Ehefrau des Opfers hadert: „Weshalb darf der Täter, der unser Leben zerstört hat, so schnell zeitweise wieder auf freien Fuß?“

Mittwoch, 07.10.2020, 06:00 Uhr
Seit der Attacke ist der heute 39-Jährige ein Pflegefall. Er wird wohl nie wieder aus dem Koma erwachen.

Manchmal frage ihr sechsjähriger Sohn, wann Papa mit ihm wieder Fußball spielen könne, erzählt die Mutter – den Tränen nahe. „Das wird mein Ehemann aber niemals mehr können.“ Seit jener verhängnisvollen Nacht im November 2015 liegt der heute 39-Jährige im Wachkoma.

„Urteil ist ein Skandal“

Das Landgericht Bielefeld sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte aus Bad Oeynhausen daran maßgeblichen Anteil hatte und verurteilte den ehemaligen Boxer im Dezember 2018 wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Er soll den Taxifahrer nach einem Streit so brutal geschlagen haben, dass dieser irreparable Gehirnverletzungen erlitt. Die Höhe der Strafe bezeichnet Opferanwalt Georg Schulze noch heute als Skandal. „Das ist nicht gerecht!“

Die Mutter von drei Kindern sagt, sie habe keinerlei Verständnis dafür, dass der Täter fünf Jahre nach dem Angriff am 16. Juni zwar endlich seine Strafe angetreten habe, aber – „unglaublich für uns“ – sofort Freizügigkeit genieße und in den gelockerten Vollzug eintreten dürfe. „Mein Mann wurde durch seine Gewalttat zum Schwerbehinderten auf Lebenszeit, wir haben einen Partner und Vater für immer verloren.“ Nur durch eine 24-Stunden-Betreuung ist der Herforder überlebensfähig, kann sich nicht bewegen, nicht essen, nicht sprechen.

Die Tat habe ihr Lebenskonzept völlig aus der Bahn geworfen. „Durch die dadurch entstandenen langen Krankenhausaufenthalte, psychosozialen und existenziellen Ängste sowie die lange Verhandlungszeit bis zum für uns nicht nachvollziehbaren, zu geringen Strafmaß sind wir traumatisiert“, sagt die 34-Jährige. Der Täter habe in den vergangenen fünf Jahren ein nahezu normales Leben führen können – und nun soll er noch nicht einmal richtig hinter Gitter? Das kann nicht sein!“

„Bis heute keine Entschuldigung“

Doch es ist so, dass dem verurteilten Schläger recht zügig vollzugsöffnende Maßnahmen gewährt wurden/werden. Ab dem 25. August durfte er die Außenstelle Verl der JVA Bielefeld-Senne in Begleitung einer von der Anstalt zugelassenen Person fünf Stunden pro Woche verlassen.

Seit dem 22. September hat er zwölf Stunden Ausgang ohne Begleitung, ab dem 3. November sind es 20 Stunden pro Woche und ab dem 15. Dezember darf er die Anstalt sogar über Nacht verlassen – natürlich nur, wenn er sich einwandfrei führt. Zu den von der Behörde auferlegten Weisungen zählen Alkoholverbot, Verbot des Aufenthaltes in Gaststätten sowie Verbot der Kontaktaufnahme mit dem Geschädigten.

JVA-Pressesprecher Axel Berger wollte sich mit Verweis auf Datenschutzgründe zum konkreten Fall nicht äußern. Aber allgemein sagt er: „In einem qualifizierten Zugangsverfahren wird über mehrere Tage geprüft, ob der Gefangene für den offenen Vollzug geeignet ist.“ Kriterien für Lockerungsmaßnahmen seien unter anderem keine Suchtmittelabhängigkeiten, ob sich der Verurteilte selbst zum Haftantritt gestellt habe und ob es psychische Auffälligkeiten gebe. Das scheint hier nicht der Fall zu sein.

Trotzdem ist die Ehefrau des Taxifahrers wütend und am Boden zerstört: „Ich empfinde diese Entscheidung als ungerecht! Wer denkt eigentlich daran, wie wir uns fühlen?“ Bis heute habe der Täter keinen Versuch unternommen, sich zu entschuldigen.

Kommentar von Moritz Winde

Auch wenn die Entscheidung der JVA Bielefeld-Senne einwandfrei ist: Für die Opferfamilie muss sich der schnelle offene Vollzug des Täters wie ein weiterer Schlag ins Gesicht anfühlen.

Die Tat mit ihrem verheerenden Ausgang, der Marathon-Prozess über 34 Verhandlungstage, das subjektiv zu milde Urteil, das Hick-Hack um die vom BGH später abgelehnte Revision, das zugesprochene Schmerzensgeld in Höhe von 150.000 Euro, das der offiziell mittellose Verurteilte wohl niemals wird zahlen können, und nun die gelockerten Haftmaßnahmen: Was müssen die Angehörigen alles aushalten? Und wie schaffen sie das?

Gefühlte und juristische Gerechtigkeit sind halt manchmal doch zwei Paar Schuhe. Dieser Fall lässt einen traurig zurück.

Die Ehefrau des Taxifahrers (links) hat den Marathon-Prozess am Bielefelder Landgericht verfolgt.

Die Ehefrau des Taxifahrers (links) hat den Marathon-Prozess am Bielefelder Landgericht verfolgt. Foto: Moritz Winde

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