Wie kommt ein christliches Instrument in ein jüdisches Gotteshaus?
Die Spur der Synagogen-Orgel

Herford (HK). Darf zum Sabbat Musik in einer Synagoge erklingen? Möglicherweise auch noch die Musik einer christlichen, bürgerlichen Orgel? Gut 100 Jahre stritten Juden in Deutschland über diese Frage. In Herford drangen seit 1931 Orgelklänge aus der Synagoge auf das Trottoir der Komturstraße. Solange, bis Herforder Nazis die Synagoge samt Orgel in der Pogromnacht 1938 niederbrannten.

Dienstag, 06.10.2020, 19:30 Uhr
Kirchenmusikdirektor und Organist Johannes Vetter hat den Weg der christlichen Orgel in die jüdischen Synagogen verfolgt. In der Marienkirche wird er Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Adler, Würzburger, Lewandowski und Bloch spielen.

Liberale jüdische Gemeinden, die sich über das Arbeitsverbot am Sabbat hinwegsetzten, weil das Orgelspiel zu Ehren des Höchsten, zur Verherrlichung des Gottesdienstes niemals als Arbeit angesehen werden könne, hatten sich in jahrzehntelangen, mühsamen Auseinandersetzungen gegen ihre orthodoxen Glaubensbrüder und -schwestern durchsetzen müssen. Juden, die Orgeln in ihre Synagogen holten, hatten es satt, als Exilanten in einer ihnen feindlichen Umwelt zu leben, Opfer fanatisierter Bürger zu werden, eine ausgestoßene und bestenfalls geduldete Minderheit zu sein. Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter, Organist in der Marienkirche auf dem Stiftberg und Musikhi-storiker: „Die jüdische Gemeinde in Herford war bekennender Teil der Herforder Stadtgesellschaft. Die von Nazis ausgeübte Gewalt war Brudermord.“

Neues aus der Provinz

Vetter wird heute Abend ab 19 Uhr Werke jüdischer Komponisten auf der Orgel in der Marienkirche spielen. Das gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold veranstaltete Konzert ist der zweite Teil einer Informationsveranstaltung über die Geschichte von Orgeln in Synagogen. Der erste Teil war ein Vortrag im Synagogen-Folgebau, in dem Vetter den Spuren der Orgeln in jüdischen Gemeinden folgte. Er spürt sie in Seesen im Landkreis Goslar am südwestlichen Harzrand auf. Dort lässt der Lehrer Israel Jacobson – er unterrichtet jüdischen und christliche Kinder gemeinsam bei freien Kost und Logis – im Jahre 1810 eine Synagoge auf dem Schulgelände. Neben den hebräischen Gebeten führt er deutschsprachige Gebete ein, eine Predigt und – Orgelmusik. Vetter: „Mitten in der Provinz bahnen sich Neuerungen an, die nicht nur die jüdische Welt in Deutschland in Atem halten werden.“ Vetter forscht nach den Beweggründen in der Biografie Jacobsons und stellt fest: „Der Erbauer der ersten Synagogenorgel auf deutschem Boden war ein Parteigänger der Aufklärung und ein Streiter für Bürgerrechte. Er schätzte die politischen und juristischen Errungenschaften der Französischen Revolution.“

Muttersprache im Gottesdienst

Mit den Orgelklängen zog auch die deutsche Sprache in die Gottesdienste ein, die längst zur Muttersprache vieler Juden geworden war. Mit der Orgel wollten die Juden ihr tausendjähriges Exil beenden, deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens werden, dieselbe Sprache sprechen, dieselben Anzüge und Kleider tragen und dieselben Berufe ergreifen wie die Staatsbürger evangelischen und katholischen Glaubens. Heute Abend werden Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Samuel Adler, Siegfried Würzburger, Louis Lewandowski und Ernest Bloch in der Marienkirche auf dem Stiftberg zu hören sein.

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