Publikum feiert Herforder Orchester auch in kleinerer Besetzung
NWD mal spritzig, mal klagend

Herford (HK). Unter der Leitung von Chefdirigent Yves Abel spielt das Orchester der Nordwestdeutschen Philharmonie sein zweites Abonnementskonzert dieser Saison. Coronabedingt muss das Programm völlig umgestaltet werden: Statt der vorgesehenen Werke von Sibelius und Grieg, die eine große Orchesterbesetzung erfordert hätten, erklingen eher kammermusikalische Besetzungen.

Montag, 05.10.2020, 05:15 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 05:20 Uhr
Die italienisch-rumänische Geigerin Anna Tifu bezaubert das Publikum beim NWD-Konzert mit Mendelssohns Violinkonzert. Foto: Gerd Büntzly

Mit dem Thema „Nation“ ist das Adagio für Streicher von Samuel Barber aber ebenso verknüpft wie „Finlandia“ von Sibelius: Für die USA ist das Werk der nationale Trauergesang geworden. Abel, der für diese Interpretation statt eines Taktstocks nur seine ausdrucksvollen Hände einsetzte, und sein Orchester ließen Barbers Melodie eindrucksvoll durch die Stimmen wandern. Ergreifend stellte das Orchester dar, wie dieser Melodie irgendwann der Bass völlig verloren ging, bis hin zu einer zum spitzen Schrei erhobenen Klage. Nur die Gestaltung des Schlusses gelang nicht so ganz.

Enger Kontakt zum Dirigenten

Solistin des Abends war die italienisch-rumänische Geigerin Anna Tifu. Immer im engen Kontakt mit dem Dirigenten, entfaltete sie bei Felix Mendelssohns Violinkonzert in e-moll eine unangestrengte Virtuosität. Ein Höhepunkt ihrer Kunst wurde die Kadenz zum ersten Satz, die sie mit Wärme und Temperament erfüllte. Der zweite Satz zauberte eine Waldstimmung, unterstrichen durch die Pizzicato-Begleitung des Orchesters und gelegentliche Horneinsätze. Lebhaft und freudig klang der Schlusssatz, am Ende aber mehr nachdenklich als auftrumpfend.

Als Zugabe brachte Anna Tifu ein Solostück von Eugène Ysaÿe, das die Melodie des gregorianischen „Dies irae“ virtuos variierte. Als Kuriosität aus Corona-Zeiten soll hier festgehalten werden, wie die Übergabe der Blumen erfolgte: Sie wurden in einen Eimer gebracht, aus dem die oder der Geehrte sie herausnehmen musste.

Spritzige Einfälle

Die Sinfonietta von Francis Poulenc stand am Schluss des Konzertes: Ein Werk voller spritziger Einfälle, das französischen Esprit versprühte, mit vielen klanglichen Raffinessen wie Harfe, kräftigen Paukenschlägen als Knalleffekt und gestopften Trompeten. Das Orchester ließ sich ganz vom fröhlichen Duktus der Komposition anstecken und musizierte unbeschwert. Ein Scherzo im 4/4-Takt findet man nicht so häufig. Der langsame Satz erlaubte der Trompete auch einmal, völlig ungedämpft zu singen. Das Thema des letzten Satzes hätte gut ein Kinderlied sein können.

Der Schluss zeigte Poulencs Neigung zur bombastischen Geste, die allerdings sofort wieder durch ein ironisches Pianissimo gemildert wurde. Die Begeisterung des Publikums äußerte sich nicht nur durch heftiges Klatschen, sondern auch durch lautes Trampeln mit den Füßen.

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