David Bartlog (20) ist gehörlos – und findet keinen Ausbildungsplatz
„Bitte gebt mir eine Chance!“

Herford (WB). Die Corona-Krise trifft Gehörlose besonders hart – wie die Geschichte dieses jungen Mannes zeigt: David Bartlog sucht seit Langem vergeblich eine Ausbildungsstelle. Nach mehr als 30 Bewerbungen ist der 20-Jährige der Verzweiflung nahe und fleht: „Bitte gebt mir eine Chance!“

Freitag, 02.10.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 09:34 Uhr
David Bartlog wünscht sich nichts sehnlichster, als eine Ausbildungsstelle. Foto: Moritz Winde

Doch es ist nicht nur die fehlende berufliche Perspektive, die an den Nerven des Herforders nagt. „In der Regel lese ich von den Lippen ab, um mit Hörenden zu kommunizieren. Das ist beim Tragen eines Mundschutzes nicht möglich, was mir wiederum die Kommunikation erheblich erschwert“, sagt David Bartlog.

Auch die Eltern sind gehörlos

An ein Leben ohne Geräusche habe er sich inzwischen ganz gut gewöhnt – schließlich kennt er es nicht anders. Seit seiner Geburt ist er hochgradig schwerhörig. Sein rechtes Ohr ist taub, auf dem linken kann er ohne Hilfsmittel so gut wie nichts wahrnehmen. Ein Hörgerät – es ist etwa so groß wie ein handelsüblicher USB-Stick – verstärkt die Töne um ein Vielfaches.

Seine Eltern hingegen hören gar nichts. Hans-Jürgen Bartlog (62) ist nach einer missglückten Windpockenimpfung im Alter von anderthalb Jahren gehörlos, Ehefrau Petra (58) sogar seit ihrer Geburt. Weshalb ihr Sohn David ebenfalls kaum etwas akustisch wahrnimmt, ist unklar.

Die Antwort auf diese Frage sei hinfällig, findet der 20-Jährige. Ihn plagen zurzeit andere Sorgen – nämlich die schwierige Suche nach einem Ausbildungsplatz auf dem pandemiebedingt ohnehin sehr angespannten Markt. Vor zwei Jahren erwarb er die Mittlere Reife in Wirtschaft auf dem Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation in Essen. David Bartlog glaubte, ihm stünden alle Türen offen, wollte sich voller Eifer in die Arbeitswelt stürzen.

Doch der Dämpfer ließ nicht lange auf sich warten: „Ich merkte, dass ich trotz meiner Bemühungen nirgendwo so richtig gut ankam. Das ist sehr frustrierend und macht traurig“, sagt er. Über einige Praktika und Gelegenheitsjobs sei er nicht hinausgekommen.

Schon 30 Bewerbungen verschickt

Doch David Bartlog möchte nicht länger nur Aushilfsarbeiten machen. „Ich will weiterkommen, eine feste Anstellung haben.“ Der junge Mann würde am liebsten als technischer Zeichner sein Geld verdienen. Fast hätte es mit einer solchen Ausbildung geklappt. Bei der Stadt Herford sei er von 14 Bewerbern unter die letzten zwei gekommen, den Zuschlag habe dann aber sein Kontrahent erhalten.

Unternehmen, die einen Gehörlosen einstellen wollen, können vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe Hilfe erhalten. Die größte Herausforderung für Menschen mit Hörbehinderung im Arbeitsleben sei die Kommunikation mit hörenden Kollegen und Vorgesetzten. Treten Missverständnisse auf, könne es zu unbefriedigenden Arbeitsergebnissen und zwischenmenschlichen Konflikten kommen. „Die Mitarbeiterinnen des Fachdienstes für Menschen mit Hörbehinderung im LWL-Inklusionsamt arbeiten eng mit speziellen Fachkräften für Menschen mit Hörbehinderung bei den regionalen Integrationsfachdiensten (IFD) zusammen“, teilt der LWL mit.

Ob Handwerk, Einzelhandel oder Logistik: Gut 30 Bewerbungen in unterschiedlichen Branchen hat Bartlog nach eigenen Angaben geschrieben – und 30 Absagen erhalten, meist ohne Begründung. Nur ein Unternehmen habe offen zugegeben, lieber keinen Behinderten einstellen zu wollen. Dabei gebe es keinen Grund für Vorbehalte. Er sei motiviert und flexibel: „Ich kann zwar kaum etwas hören, bin aber nicht doof!“

Angespannte Job-Lage

Für Menschen mit Behinderung ist es derzeit nicht nur schwierig, einen Job zu finden, sondern auch ihn zu behalten. Die Zahl der Arbeitslosen mit Behinderung ist coronabedingt seit Ende Februar in Westfalen-Lippe rasant von knapp 23.000 um über zehn Prozent auf 25.500 gestiegen. Das hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als einer der größten Hilfeträger Deutschlands mitgeteilt. „Dieser enorme Anstieg der Arbeitslosenzahlen macht uns große Sorge. Denn hinter jedem Einzelfall steht das Schicksal eines Menschen”, sagte LWL-Sozialdezernent Matthias Münning.

„Für Menschen mit Schwerbehinderung ist es viel schwerer, ins Arbeitsleben zurückzufinden. Da ist unser ganzes Engagement gefragt. Der LWL setzt sich mit allen denkbaren Instrumenten ein.” So hätten die Anstrengungen der Landschaftsverbände dafür gesorgt, dass mehr Menschen auf dem Arbeitsmarkt Beschäftigung finden statt in den Werkstätten zu arbeiten.

Matthias Münning: „Das Land NRW hat uns bestätigt, dass durch unsere Arbeit der Zuwachs bei den Werkstatt-Beschäftigten um 50 Prozent niedriger ausgefallen ist als ohne.”

Mit seinen Eltern kann sich David Bartlog ausschließlich in Gebärdensprache verständigen.

Mit seinen Eltern kann sich David Bartlog ausschließlich in Gebärdensprache verständigen. Foto: Moritz Winde

 

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