Gynäkologin Nicole Talbot hat sich auf die Behandlung von Endometriose spezialisiert
„Die Odyssee der Frauen dauert oft jahrelang“

Herford (WB). Nicole Talbot ist niedergelassene Gynäkologin in Herford und hat sich auf Endometriose spezialisiert . Mit der Medizinerin hat Redakteur Moritz Winde gesprochen.

Donnerstag, 24.09.2020, 05:50 Uhr aktualisiert: 24.09.2020, 09:00 Uhr
Nicole Talbot ist Gynäkologin in Herford. Foto: Moritz Winde

Frau Talbot, was ist Endometriose?

Nicole Talbot: Bei der Endometriose befindet sich die Gebärmutterschleimhaut nicht nur in der Gebärmutterhöhle, sondern auch in der Gebärmutterwand und im Bauchraum, an der Blase und am Darm. Das ist fatal, denn diese veränderten Zellen wachsen und gedeihen an falscher Stelle und zerstören die Organe. Das ist, wie man sich unschwer vorstellen kann, für die Frau mit schrecklichen, brennenden zyklischen Schmerzen verbunden. Und nein, das ist definitiv nicht normal. Wenn Sie liebe Leserin das jetzt lesen und denken: „Das habe ich auch“ – dann gehören Sie womöglich zu der großen Dunkelziffer von Frauen, die nicht diagnostiziert ist.

Was gehört noch zu den Symptomen?

Talbot: Probleme bei der Verdauung während der Monatsblutung, Schmerzen beim Wasserlassen, Schmerzen beim Sex. Oftmals ist es schwierig bis unmöglich für die Betroffenen schwanger zu werden, denn die Endometriose hemmt die Fruchtbarkeit und zerstört oft die Eizellen in den Eierstöcken. Durch die ständigen Schmerzen, die unweigerlich alle vier Wochen auftreten, sind die Frauen zermürbt und kaputt. Wenig hilfreich ist ein Umfeld, das kein Verständnis hat, da die Krankheit als solche ja keine Lobby hat.

Woran liegt das?

Talbot: Das wüsste ich auch gerne. Vielleicht waren die betroffenen Frauen zu leise. Es ist herrlich wahrzunehmen, dass sich das jetzt ändert. Ich würde mir wünschen, dass es neue Therapieansätze gibt mit längerer Nachhaltigkeit, damit ein Fortschreiten der Erkrankung ohne viele Nebenwirkungen verhindert werden kann. Der Zuwachs an Lebensqualität wäre unbezahlbar, zumal jede zehnte Frau von Endometriose betroffen ist – also unglaublich viele.

Was ist das Wichtigste bei der Behandlung?

Talbot: Der wichtigste Schritt ist zunächst die Diagnosestellung. Die Frauen müssen mit ihrer chronischen Erkrankung, die ja weder vom Umfeld noch im Gesundheitssystem als chronisch anerkannt wird, adäquat behandelt und ernstgenommen werden. Es gibt keine Endometrioseprogramme, die die Frauen postoperativ begleiten und ihnen helfen, den Krankheitsverlauf zu kontrollieren. Das gilt es zu ändern. Ich spreche mich dafür aus, dass Operationen nur noch in zertifizierten Zentren durchgeführt werden und auch die ambulante, aufwendige Nachbetreuung von Ärzten durchgeführt wird, die zertifiziert sind und die Patientinnen in gute Netzwerke einbinden können, so wie es bei anderen chronischen Erkrankungen wie Diabetes gang und gäbe ist.

Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis?

Talbot: Wenn die Frauen die Diagnose bekommen mithilfe einer OP, denn nur so können die Herde im Bauchraum gesehen und entfernt werden, dann endet die Odyssee oft noch lange nicht. Da es eine chronische Erkrankung ist, stellt die Operation, anders als es oftmals dargestellt wird, in vielen Fällen nur den Anfang dar. Nicht immer können die Herde komplett entfernt werden und oft bleibt eine effiziente Anschlussbehandlung aus, was der Endometriose die Chance gibt, ihr hässliches Haupt erneut zu heben und munter weiterzuwachsen.

Das klingt unfassbar.

Talbot: Genau! Und das war für mich auch der Anlass, mich verstärkt der Arbeit mit den Endometriosepatientinnen zu widmen. Durch lange Krankheitsverläufe – es vergehen im Schnitt zehn Jahre bis zur Diagnose – wird eine Menge an Schaden angerichtet. Der Unterleib wird von den Frauen oft als abgeschnitten erlebt. Da die Krankheit so viele Aspekte des Lebens betrifft, gilt es auch alle diese Aspekte zu beleuchten.

Was raten Sie Frauen?

Talbot: Ich wünsche mir, dass alle sich fragen, die diesen Artikel lesen, wie viele Frauen sie kennen, die Unterleibsschmerzen bei der Regel haben und dann diese Zeit mit einer Wärmflasche im Bett verbringen. Das ist nicht normal! Schickt eure Liebsten zum Gynäkologen, denn womöglich leiden sie unter einer nicht erkannten Endometriose.

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