Gewerkschaft äußert sich zum massiven Stellenabbau beim Herforder Bekleidungshersteller Bugatti
„Das ist eine Katastrophe“

Herford (WB). Nach Ahlers (September 2018) und Brax (Juni 2020) hat nun auch Herfords dritter großer Bekleidungshersteller einen massiven Stellenabbau angekündigt. Am Bugatti-Stammsitz in Herford sollen knapp 100 der 349 Arbeitsplätze wegfallen – das sind fast 29 Prozent. Damit reagiert das Familienunternehmen auf die Corona-Krise.

Donnerstag, 10.09.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 16:52 Uhr
Der Bugatti-Hauptsitz an der Hansastraße: Noch arbeiten hier 349 Frauen und Männer. Doch das Familienunternehmen plant, fast 100 Stellen zu streichen. Als Grund nennt der Modekonzern die Corona-Krise. Foto: Moritz Winde

Die Belegschaft sei am Mittwochmorgen von den jeweiligen Abteilungsleitern sowie per Intranet über die Pläne informiert worden, sagt Pressesprecherin Tanja Bobel. Auch wenn angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Lage die Angestellten sicher mit entsprechenden Schritten gerechnet hätten, sei die Stimmung natürlich gedrückt gewesen.

Umsatzrückgang von 25 bis 30 Prozent

Wer zu welchem Zeitpunkt das Traditionsunternehmen an der Waltgeristraße/Hansastraße verlassen müsse, sei noch nicht klar. „Wir stehen ganz am Anfang. Jetzt beginnen die Gespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaft“, sagt Tanja Bobel. Momentan sei nicht absehbar, wann die negativen Folgen überwunden sein würden. Derzeit machten die großen wirtschaftlichen Herausforderungen und massiven Umsatzrückgänge Strukturveränderungen in vielen Unternehmen unabdingbar. Diese seien mit Maßnahmen zur Kostensenkung und Liquiditätssicherung verbunden.

Auch Bugatti müsse sich den Marktveränderungen stellen. Um das Unternehmen gut in die Zukunft zu führen, würden Strukturen und Prozesse angepasst – in einem ersten Schritt mit dem Abbau der 100 Stellen am Hauptsitz in Herford. „Davon betroffen sind alle Bereiche und Hierarchieebenen. Als Familienunternehmen haben wir eine besondere Nähe zu unseren Mitarbeitern vor Ort und bedauern sehr, dass wir diesen Schritt gehen müssen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat werden wir ein Konzept entwickeln, damit der Stellenabbau möglichst sozialverträglich ausfällt,“ sagt Wolfgang Brinkmann, geschäftsführender Gesellschafter.

Für das Geschäftsjahr 2020 erwartet Bugatti einen deutlichen Umsatzrückgang von 25 bis 30 Prozent. „Dadurch dass der Handel mit erheblichen Warenüberhängen zu kämpfen hat, gehen wir auch für das Jahr 2021 davon aus, dass wir mit Umsatzeinbußen rechnen müssen. Mit neuen Strukturen, digitaler Offensive und einer hoch motivierten Mannschaft werden wir die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zwar bis weit über das Jahr 2020 zu spüren bekommen, wir sind aber sicher, dass wir mit diesen Maßnahmen für die Zukunft richtig aufgestellt sind“, ergänzt Klaus Brinkmann, geschäftsführender Gesellschafter.

Transfergesellschaft sei denkbar

Frank Branka, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall, bezeichnete die Nachricht als „Katastrophe. Denn diese Jobs sind für immer weg.“ Die IG Metall habe damit gerechnet, „dass da was kommt. Aber in diesem Ausmaß ist das schon ein Schlag.“ Weitergehende Informationen habe er noch nicht.

Am Donnerstag werde es ein Gespräch mit dem Betriebsrat geben. Dessen Vorsitzender, Oliver Labjuhn, deutete im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass die Entwicklung auch für ihn unerwartet sei. „Wir hatten gehört, dass es wohl einen Stellenabbau geben wird, aber in diesem Umfang ist das heftig. Wir werden jetzt zeitnah verhandeln, wie es mit einem Sozialplan oder einem Interessenausgleich weiter gehen könnte.“

Denkbar sei etwa – wie im Fall Brax – die Einrichtung einer Transfergesellschaft. Inwieweit es zu betriebsbedingten Kündigungen komme, habe die Unternehmensleitung bislang nicht mitgeteilt. Nach Angaben des Betriebsrats ist die Belegschaft wegen Corona bereits in Kurzarbeit.

„Nicht die letzte Hiobsbotschaft“

Auch Bürgermeister Tim Kähler zeigte sich geschockt. „Das ist für alle Betroffenen eine bittere Pille. Ich hoffe, dass die Mitarbeiter ganz schnell eine neue Arbeit finden.“ Er habe die 1947 von Friedrich Wilhelm Brinkmann gegründete Firma stets als sehr seriös erlebt. Den Chefs sei die Entscheidung der Entlassungen sicher nicht leicht gefallen. „Aber es ist klar, dass Corona vor keinem Industriezweig Halt macht und erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen hat und haben wird“, sagt Kähler und verweist auf die massiven Einbrüche bei den Gewerbesteuereinnahmen.

Der Verwaltungschef prognostiziert, das werde sicher nicht die letzte Hiobsbotschaft sein. „Wir müssen 2020/2021 durch eine dicke Krise: Danach werden wir sehen, wo die Reise hingeht. Ich bin nach wie vor optimistisch, dass Bugatti wieder andere Umsatzzahlen und Gewinnmargen erreicht und dann auch wieder über Personalaufbau nachgedacht werden kann.“

Bei einem Gespräch mit den Geschäftsführern der drei Textiler Ahlers, Brax und Bugatti hätte alle betont, mit ihren Unternehmen in Herford bleiben zu wollen.

Kommentar von Bernd Bexte

Bugatti ist ein Flaggschiff der Wirtschaft im Kreis Herford. Nicht nur wegen der beeindruckenden Firmenzentrale an der Hansastraße hat der Name eine große Strahlkraft. Dass diese zuletzt gelitten hat, ist kein Geheimnis.

Die Coronakrise hat die Modebranche voll getroffen. So hatte Brax im Juni den Abbau von bis zu 140 Jobs angekündigt. Ahlers hatte bereits vor Corona Stellen gestrichen. Jetzt also Bugatti. Deutlich mehr als ein Viertel der Herforder Belegschaft soll gehen – wegen Corona. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass bereits in den Vorjahren ein Minus unter der Bilanz stand. Die Pandemie hat diese Entwicklung zugespitzt und die Brinkmann-Brüder zum Handeln veranlasst.

Wie es für die Betroffenen weitergeht, ist ungewiss. Ein Hoffnungsschimmer könnte die Gründung einer Transfergesellschaft nach dem Vorbild Brax sein. Aus Gewerkschaftskreisen ist zu hören, dass der weitaus größte Teil der Betroffenen dieses Angebot in Anspruch genommen habe, die Gesellschaft effizient arbeite und die Konditionen gut seien. Aber all das wäre Zukunftsmusik. Fakt ist: Einen Leistungsträger der heimischen Wirtschaft hat es schwer getroffen.

 

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