„Legal Highs“ fluten den Drogenmarkt im Kreis Herford – verheerende Wirkung
Das Geheimnis der „guten Laune“

Herford (HK). Bestenfalls wird einem nach der Einnahme von „Gute Laune“ übel. Möglich sind aber auch Panikattacken, Psychosen und Wahnvorstellungen. Muskelkrämpfe sind schon vorgekommen, Herzrasen, Kreislaufzusammenbrüche und Herzinfarkte. Der Konsum von „Legal Highs“, chemischen Substanzmischungen, kann im schlimmsten Fall tödlich enden.

Donnerstag, 10.09.2020, 05:05 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 05:10 Uhr
Unter Drogeneinfluss hat ein 22 Jahre alter Herforder im Juni den Mercedes seiner Frau in einem spektakulären Unfall mitten in der Stadt demoliert. Foto: Stephan Rechlin

Mit solchen und weiteren Substanzen sollen drei Männer (27, 29 und 30 Jahre alt) und drei weitere Komplizen seit 2017 im Internet gehandelt haben. Sie waren bei einer der großen Razzien im November 2019 und Februar dieses Jahres aufgeflogen. Die federführende Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat den von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet- und Computerkriminalität (ZIT) ermittelten Fall an das Landgericht Bielefeld übergeben. Dort wird in Kürze verhandelt.

Die Mischung macht’s

Es sind solche Substanzmischungen, die Herforder Drogenkonsumenten zuletzt schlimmer ausrasten ließen als in Jahren zuvor. Sie bringen Menschen dazu, sich an der Autobahn 3 komplett auszuziehen, die Reifen des eigenen Kleintransporters zu zerstechen und vor der Polizei in eine nahe gelegene Holzhütte zu flüchten. Andere beschimpfen Zeitungsboten aus heiterem Himmel als „Hurensohn“ und schlagen brutal auf sie ein. Junge, unter Drogen stehende Autofahrer leisten sich Verfolgungsjagden mit der Polizei. Der 22 Jahre alte Herforder, der seinen Mercedes Anfang Juni quer über die doppelspurige Durchgangsstraße „Auf der Freiheit“ über die Mittelinsel in parkende Autos auf der gegenüberliegenden Fahrbahn schoss, war dem Polizeibericht zufolge ebenfalls „high“.

In der Drogenberatungsstelle der Diakonie werden die „Legal Highs“ erst langsam zum Thema. An Substanzmischungen wie „gute Laune“, „Superman Powder“, „Boom!“, „Hammer Head“ oder „Joker!“ kann man ganz legal über Internet-Shops kommen, man muss dafür noch nicht einmal ins Darknet. Uwe Holdmann arbeitet in der Jugendsuchtberatung der Diakonie: „Einzelne, in den Mischungen eingesetzte Substanzen mögen nach dem Betäubungsmittelgesetz vielleicht verboten sein. Die miteinander vermengten Substanzen insgesamt sind es aber nicht. Darin besteht das Geheimnis der guten Laune.“ Die mitunter verheerende Wirkung sei auf die Potenzierung der vermischten Stoffe zurückzuführen: „Die Wochen der Abschottung dürften den Konsumwunsch zudem intensiviert haben.“

Ständig wach bleiben

Die „Legal Highs“ passten zum neuen Drogenkonsumtrend, in dem es weniger um Abschalten und Wegträumen, sondern um ständiges Wachbleiben gehe. Es gebe immer mehr Mischkonsumenten, die gezielt Ecstasy schluckten, um Emotionen zu stimulieren, und Amphetamine oder Chrystal Meth zufügten, um möglichst lange auf höchstem Aufmerksamkeitslevel durchzuhalten. „Der Leistungsgedanke spielt eine große Rolle“, sagt Holdmann.

Mit motivierender Kurzintervention versuche sein Team, manchmal nur Minuten dauernde Kontakte zu jungen Besuchern der Beratungsstelle zu nutzen, um sie zu Reflexion und Nachdenken anzuregen: „Nur wenn sie es wirklich wollen, kommen sie davon los.“ In den Coronawochen habe der Drogenhandel im Internet zugenommen, von der Straße seien die Dealer nahezu verschwunden. Wahlprogramme, die für „Sauberkeit und Ordnung“ in den Stadtteilen plädierten, zielten in puncto Drogenpolitik darum ins Leere.

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