Von ihrer jüdischen Herkunft wusste sie nichts: Rozette Kats überlebte bei Pflegeeltern
Das Trauma der zwei Identitäten

Herford (WB). „Mein Leben ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen falsch miteinander umgehen.“ Diese mahnenden Worte gab Rozette Kats den Besuchern des Zellentraktes zum Abschied nach einem bereichernden Gesprächsabend mit. Themen waren unter anderem Rechtsextremismus, der heutige Umgang mit Verbrechern des Holocaust und jüdischer Glaube. Zuvor sprach sie bereits mit Schülerinnen des Ravensberger Gymnasiums.

Sonntag, 06.09.2020, 16:11 Uhr aktualisiert: 08.09.2020, 12:10 Uhr
Das einzige Foto, auf dem Rozette Kats mit ihren leiblichen Eltern zu sehen ist, hat sie erst im vergangenen Jahr bekommen.

Digitales Zeitzeugengespräch

Da Rozette Kats mit ihrem gehobenen Alter zur Risikogruppe gehört, entschlossen sich die Veranstalter Raphaela Kula und Fritz Bornemeyer richtigerweise, das Gesprächsangebot zu digitalisieren. Trotz kleinerer technischer Probleme wurde es gut angenommen, die Rückmeldungen waren allesamt positiv.

Obwohl Kats nur über einen Bildschirm zugeschaltet war, war ihre fast unbegreifliche, aber nicht weniger inspirierende Lebensenergie gut greifbar: Das Konzept der digitalen Zeitzeugengespräche, das auch für die Gedenkstätte ein Novum war, funktionierte gut. Im Flur des Zellentraktes kamen fast 30 Leute zusammen, um Kats Erzählungen zu lauschen. Zum Bedauern der Gedenkstätte mussten weitere Interessenten sogar weggeschickt werden, da sonst die hygienischen Schutzmaßnahmen eingeschränkt worden wären.

Rozette Kats wurde am 27. Mai 1942 als Kind jüdischer Eltern in Holland geboren, auf dem Höhepunkt der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und deren Kollaborateure. Ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet, der Rest ihrer Familie in Sobibor. Kurz vor ihrer Deportation entschlossen sich ihre Eltern, Rozette noch als Baby zu Pflegeeltern zu geben und unter dem Namen Rita van der Weg vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn zu retten.

Betroffene mit ähnlichem Schicksal

Henk und Bep van der Weg, die zwei Kinder kurz nach deren Geburt verloren, setzten mit der Aufnahme von Rozette ihr Leben aufs Spiel. An ihrem sechsten Geburtstag, dem Vorabend ihrer Einschulung, erfuhr sie vom Schicksal ihrer leiblichen Eltern, und dass ihr eigentlicher Name nicht Rita war.

„Das machte mir große Angst. Ich verstand nicht, was Krieg war und warum jüdisch zu sein, etwas war, an dem man starb,“ erzählt Kats. Die Nachricht löste in ihr eine schwere Identitätskrise aus, die sie fast ihr Leben lang begleitete. „Alles was mit meiner Herkunft, dem Judentum und Holocaust zu tun hatte, schmiss ich in einen schwarzen Eimer, der immer voller und schwerer wurde.“

Erst Anfang der 1990er lernte sie auf einer Konferenz weitere Betroffene mit ähnlichem Schicksal kennen und erkannte, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine war. Kurz vor dem Tod ihrer Pflegemutter 2001 wurde Kats das erste Mal von ihr Rozette anstatt Rita genannt. Das war für Kats wie ein Befreiungsschlag, sie hatte von nun an keine zwei Identitäten mehr. Heute stellt sich Kats gerne dem Gespräch, denn „die industrielle Vernichtung von Menschen durch andere Menschen ist passiert, also kann sie wieder passieren“. Das zu verhindern, müsse jeder Mensch aktiv mitgestalten.

Die Schülerin Amanda Dyck, die am Nachmittag am Gespräch mit Rozette Kats teilnahm, fand es überwältigend, „wie Frau Kats den Mut und die Kraft findet, so offen über ihre Gefühle und ihr Trauma zu sprechen.“

Ausstellung „Aktion Reinhardt“

Das Gespräch am Abend im Zellentrakt fand im Kontext der Ausstellung zur „Aktion Reinhardt“ statt. Die heutige Bundesrepublik Deutschland leistet zwar einen elementaren Beitrag zur Aufarbeitung deutscher Verbrechen, doch auch hier ist das Bewusstsein über die „Aktion Reinhardt“ kaum präsent, die der Historiker Stephen Lehnstaedt mit seinem gleichnamigen Buch passenderweise als „Kern des Holocaust“ bezeichnet.

Die Wurzel dessen liegt darin begründet, dass beispielsweise 10.000 Gefangene die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee miterlebten. Sie trugen ihre Geschichten in die Welt, die Tortur durch deutsche Peiniger prägte auch ihre Kinder. Wie stark die Wellen waren und sind, und wie weit sie auf dem See der Geschichte reichen, die der Stein des Holocaust aufwirbelte, zeigt auch das Schicksal von Rozette Kats.

Die „Aktion Reinhardt“ hingegen überlebten nur wenigen Menschen, die dazugehörigen drei Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor wurden noch vor Kriegsende zusammen mit ihren Insassen liquidiert. Zuvor, Am 2. August 1943 versuchten die Häftlinge von Treblinka sich aufzubäumen, am 14. Oktober gab es auch einen Aufstand in Sobibor.

Unter dem Decknamen „Aktion Reinhardt“ sollten die Juden des Generalgouvernements – also dem deutsch besetzten Teil Polens, der Nazi-Deutschland im Hitler-Stalin Pakt vom 23. August 1939 zugesichert wurde – zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 systematisch vernichtet werden. Aber auch Menschen aus anderen besetzten Teilen Europas mussten in den drei Lagern der Aktion ihr Leben lassen. Odilo Globocnik, SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin und genauso rassenideologischer Fanatiker wie Heinrich Himmler, ergriff dazu die Initiative und organisierte den großangelegten industriellen Massenmord, dem mindestens 1,6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

„Massenhafte Ermordung“

Im Gegensatz zu Konzentrationslagern wie Auschwitz, das sich durch Verschränkung von Vernichtung mit Gas und Ausbeutung der Arbeitskraft der Insassen bis zu ihren Schwächetod auszeichnete, waren die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ ausschließlich auf die massenhafte Ermordung der Menschen optimiert. Die Verantwortlichen der „Aktion T4,“ in der bis zu 70.000 Menschen aufgrund ihrer körperlichen oder seelischen Leiden ermordet wurden, leisteten dazu die Vorarbeit.

Um kriegswichtige Munition einzusparen, und die Vollstrecker „nicht unnötig zu belasten,“ erprobten Ärzte und Pfleger in Zusammenarbeit mit Himmlers Schergen die Ermordung durch Gas. Die Aktion wurde eingestellt, nachdem sie zu viel öffentliche Aufmerksamkeit im Deutschen Reich auf sich zog.

Doch die Planer des Mordes durch Gas wurden für die Errichtung der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ abkommandiert. Die Opfer der industriellen Vernichtung wurden nicht nur ihres Lebens beraubt, die Täter hatten auch die Aufgabe, ihr Gepäck nach Wertgegenständen zu durchsuchen, um Nazi-Deutschland daran zu bereichern.

Und den Holocaust hat es auch hier gegeben. Verfolgte aus allen Opfergruppen wurden ab 1933 im Zellentrakt des Herforder Rathauses zwischeninterniert. Besonders nach der Reichpogromnacht am 9. November 1938 wurden vermehrt Juden dort eingesperrt, um über Bielefeld in die Konzentrations- und Vernichtungslager im restlichen Reichsgebiet und Generalgouvernement verschleppt zu werden. Auch aus der gegenüberliegenden Markthalle wurden Deportationen in den Tod durchgeführt.

Transporte vom Bielefelder Bahnhof aus

Ab Dezember 1941 fuhren die ersten Züge vom Bielefelder Hauptbahnhof „nach Osten,“ wie es die Täter zynisch nannten. Zwischen 1941 und 1943 fuhren insgesamt sieben Transporte erst vom Hauptbahnhof, später auch vom Ostbahnhof nach Theresienstadt, Auschwitz und weitere Orte in Osteuropa. Die Menschen wurden zuvor in kleineren Stellen, wie dem Zellentrakt im Rathaus gesammelt, bevor sie per Bus und Bahn, unter strenger Aufsicht, zu größeren Umschlagpunkten wie in Bielefeld gebracht wurden.

Wer sich weiter über den Holocaust, die „Aktion Reinhardt“ und dessen Opfer sowie Täter informieren möchte, kann den Zellentrakt im Rathaus noch bis zum 22. November besuchen. Er ist samstags und sonntags von 14 bis 16 Uhr geöffnet.

 

 

 

 

 

 

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