Bürgermeister Tim Kähler (52) bewirbt sich in Herford um eine zweite Amtszeit
Campus, Corona und Cabrio-Dach

Herford (WB). Man müsse ins Gelingen verliebt sein und sich nicht zu sehr damit beschäftigen, was passiert, falls etwas nicht klappt. Das war Tim Kählers Slogan im Kommunalwahlkampf 2014. Wenn der Bürgermeister sechs Jahre später auf die Projekte blickt, die in seiner Amtszeit umgesetzt worden sind, dann erinnert er an diesen Satz. Und wenn er im Gespräch mit dieser Zeitung danach gefragt wird, woran er gescheitert ist, dann spricht er lieber über Chancen und Herausforderungen.

Samstag, 05.09.2020, 05:15 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 05:20 Uhr
Die Neugestaltung des Rathausplatzes will Bürgermeister Tim Kähler gerne in Angriff nehmen. Der 52-jährige SPD-Politiker bewirbt sich um eine zweite Amtszeit. Der gebürtige Bremer und Vater von drei Kindern ist seit 2014 Bürgermeister in Herford. Foto: Moritz Winde

Krisenmanager

Natürlich pflegt der 52-Jährige sein Image als Macher. Aber selbst politische Gegner attestieren ihm, dass er Dinge anpackt, die in Herford liegen gelassen worden sind. Als Krisenmanager war Tim Kähler gefragt, als 2015 über Nacht Hunderte von Flüchtlingen untergebracht werden mussten. Die Harewood-Kaserne an der Mindener Straße dient noch heute als Zentrale Unterbringungseinrichtung. In den ersten Wochen der Flüchtlingsaufnahme 2015 gab es durchaus Unruhe im Wohnumfeld der Kaserne an der Saarstraße. Kähler berief in aller Eile einen Runden Tisch ein, an dem Verwaltung und Polizei mit den Anliegern diskutierten. Das beruhigte die Lage.

Studentenhäuser

Im Kreuzfeuer der Kritik stand der gebürtige Bremer, als die Kosten für den Bau der drei Studentenhäuser an der Vlothoer Straße explodierten. Kähler bleibt auch heute bei der Aussage, dass Abriss und Neubau zeitlich nicht machbar gewesen wären und deshalb die drei Häuser im Bestand saniert werden mussten. Das kann man glauben, muss man aber nicht. Als plötzlich Kosten in Höhe von 40 Millionen Euro für drei Häuser im Raum standen, sprach die CDU von einem „Millionengrab“. Aber Kähler präsentierte dem Rat einen Investor, der sogar bereit war, 48,5 Millionen Euro zu zahlen. „Die Mehreinnahmen helfen uns gerade jetzt, wo der Haushalt durch die Corona-Krise belastet ist“, sagt der 52-Jährige.

Bildungscampus

Die Ansiedlung der Hochschule für Finanzen (HFS) auf dem Stiftberg sei ein Glücksfall für Herford, sagt Kähler. „Wir mussten nach dem Abzug der Briten schnell handeln und wir mussten mutig sein. Dabei ist nicht alles glatt gelaufen. Aber wir haben heute 500 Studierende auf dem Stiftberg. Jetzt kommen die Pflegeschüler, die Technische Hochschule, die Hebammenschule und einige Private. Wir haben jeden Quadratmeter Fläche auf dem Wentworth-Areal vermietet. Und das fünf Jahre nach Abzug unserer britischen Freunde. Ich finde, das ist ein toller Erfolg – auch der SEH-Geschäftsführung.“ Kähler betont, dass der Rat anfangs noch gemeinschaftlich für die Ansiedlung der HFS gestimmt hat. Er vergisst aber auch nicht zu erwähnen, dass die Studenten wohl nicht mehr auf dem Campus wären, wenn eine Mehrheit mit der CDU gegen den Bau der Studentenhäuser gestimmt hätte. Die Ansiedlung der Hochschule sei ein Türöffner für viele andere Dinge gewesen, die jetzt und in Zukunft entlang der Vlothoer Straße bewegt werden.

Güterbahnhof

Die Entwicklung des Güterbahnhofgeländes sei eine wichtige städtebauliche Aufgabe, die zügig angegangen werden sollte, fordern die Grünen. Eine Machbarkeitsstudie liege längst vor und der Bürgermeister stehe hier auf der Bremse, kritisiert die Partei. Kähler muss angesichts der Kritik schmunzeln: „Der CDU war ich beim Bildungscampus zu schnell, den Grünen bin ich beim Güterbahnhof zu langsam. Ja, was denn nun?“ Und Kähler legt nach: „Die Wahrheit ist, dass über das Umfeld des Güterbahnhofs viel diskutiert worden ist, bevor ich hier Bürgermeister geworden bin. Nur passiert ist in den Jahren nichts. Das möchte ich in der nächsten Legislaturperiode gerne ändern.“ Die Fläche biete viel Potenzial. „Wohnen ohne Autos“ ist ein Projekt, das Kähler sich hier vorstellen kann. Bahnhof und Busbahnhof sind direkt nebenan. Auch die Errichtung eines Dienstleistungszentrums sowie eines Parkhauses könne er sich dort vorstellen.

Elverdissen

In Elverdissen fehle ein echter Ortskern. Deshalb sei das Konzept einer Mehrgenerationen-Wohnsiedlung nach dem Vorbild der Freien Scholle Bielefeld so interessant. Herfords Bürgermeister hat dazu einige konkrete Ideen. Ein Quartier, das Jugendtreff, Nähgruppen, Sozialbetreuung, Spiel- und Sportmöglichkeiten zusammenfasst. Eine Entwicklung dort könne nur im Dialog mit den Elverdissern umgesetzt werden. „Da sind wir auf einem guten Weg.“ Die Frage, ob er sich durch den Vorstoß auch ein paar mehr Stimmen aus dem Ortsteil bei der Kommunalwahl erhofft, beantwortet er mit einem Lächeln. Und Kähler ergänzt: „Wenn wir wollen, dass Jung kauft Alt funktioniert, dann müssen die älteren Hauseigentümer zunächst einmal dazu bewogen werden, ihre Häuser zu verlassen. Und das geht nur, wenn wir in ihrer unmittelbaren Umgebung attraktive Wohnungen bereithalten.“ Jung kauft Alt verfolgt das Ziel, dass jüngere Familien in ältere Häuser ziehen. Dadurch sollen ältere Häuser weiter genutzt und weniger Grünfläche für Neubauten verbraucht werden.

Markthalle

Eigentlich sollte das Gespräch mit Tim Kähler mit einer Radtour durch Herford verbunden werden. Doch der Regen verhinderte die Rundfahrt. Kählers erstes Ziel wäre die Markthalle gewesen. „Ein Beispiel für erfolgreiche Stadtentwicklung“, findet der 52-Jährige. Die Modernisierung des Gebäudes darf er sich durchaus auf die Fahnen schreiben. Als Kähler vor der Modernisierung davon sprach, er wolle Fördermittel vom Bund einwerben, erntete er im Rat Skepsis. Am Ende wurde der 5,4 Millionen Euro teure Umbau mit drei Millionen Euro vom Bund gefördert. „Wir hatten in den ersten Monaten jeweils 35.000 Besucher. Corona hat uns ein wenig zurückgeworfen. Aber mit dem Archäologischen Fenster, das nun errichtet wird und der geplanten Umgestaltung des Rathausplatzes, haben wir mit der Markthalle einen beliebten Anlaufpunkt geschaffen.“

Sportstätten

Ja, der Wunsch nach mehr Schwimmflächen in der Stadt sei groß, sagt der Vater von drei Kindern (17, 19 und 21). „Deshalb wollen wir eine intelligente, aber auch wirtschaftliche Lösung im Freibad Im Kleinen Felde“, sagt Kähler. Ein Modell wie in Osterholz-Scharmbeck, wo ein Cabrio-Dach im Winter über die Schwimmfläche fährt und so das Bad winterfest macht, könne er sich auch in Herford vorstellen. Die größte Kritikerin in Bezug auf den Zustand des Bades sitze mit ihm am Küchentisch. „Meine Frau geht dort regelmäßig schwimmen und berichtet natürlich auch, wie viele andere, dass wir an den sanitären Anlagen und Umkleidekabinen einiges verbessern müssen.“ Aber auch dies seien Versäumnisse, die bereits vor seiner Wahl zum Bürgermeister entstanden seien. Die Stadt werde intensiv prüfen, inwieweit das Freibad winterfest gemacht werden kann.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7567142?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Richter verbieten Sonntagsöffnung
“Sorry we’re closed” (Leider Geschlossen): Das gilt voraussichtlich an allen schon geplanten oder noch ungeplanten verkaufsoffenen Sonntagen in NRW. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker