Jürgen Josting kandidiert in Herford als Bürgermeister
Ein Rastafari will ins Rathaus

Herford (WB). Sneaker, kurze Hose, T-Shirt – dazu Vollbart und Dreadlocks bis zu den Ellenbogen, ein Rucksack baumelt über seiner Schulter: Auch zum Pressetermin kommt Jürgen Josting so, wie er ist: authentisch eben. „Warum sollte ich mich verstellen? Nicht jeder muss mich mögen.“

Freitag, 04.09.2020, 09:50 Uhr aktualisiert: 04.09.2020, 10:44 Uhr
Jürgen Josting auf dem Wall: Er liebt es, hier spazieren zu gehen. Foto: Moritz Winde

Der Mann mit dem farbigen Tuch auf dem Kopf, unter dem er seine Mähne meist verbirgt, ist in Herford bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Mindestens zweimal am Tag ist der Fotograf mit Realschulabschluss in der Innenstadt unterwegs – auf der Suche nach Missständen und um mit Leuten zu plaudern. Kaum zu glauben: Nicht immer sei er ein so kommunikativer Typ gewesen, sagt er. „Früher war ich eher ein Eigenbrötler.“

Vom politischen Profil her ist Jürgen Josting, der noch nie einen Führerschein hatte, ein klassischer Grüner. Sein Steckenpferd ist der Klimaschutz. Er kämpft für Tempo 30 in der Stadt, will keine Busse am Alten Markt und fordert Vorfahrt für Radfahrer. Unter Herfords Grünen-Chef Herbert Even habe er jedoch keine Heimat gesehen.

„Was ist das für ein komischer Vogel?“

Zum Guten will der 52-Jährige seine Geburtsstadt aber trotzdem verändern, deshalb trete er als Parteiloser an. Jürgen Josting ist Stammgast bei den Ratssitzungen, stellt regelmäßig Bürgeranträge und betreibt mit „Herford politisch“ einen eigenen Facebook-Kanal. Ihm scheint es Freude zu bereiten, die Verwaltung und insbesondere Amtsinhaber Tim Kähler mit Fragen zu triezen.

Natürlich weiß der 52-Jährige, dass er mit seinem Erscheinungsbild polarisiert. Er ist eben nicht der typische Bürgermeisterkandidat im Anzug und mit Gelfrisur. „Was ist das denn für ein komischer Vogel?“ Solche Sätze höre er hin und wieder. Aber es gebe auch diejenigen, die das Unkonventionelle, das aus dem Rasterfallen des Rastafari gut fänden. Beim Gang über den neu gestalteten Wall, den Jürgen Josting ebenso wie die Entwicklung des Bildungscampus lobt, sprechen ihn viele an oder winken ihm zu. Er sagt, er wolle nicht der notorische Nörgler sein, der jedes Projekt der anderen totrede.

Trotzdem mischt er sich ein, wo er meint, etwas sei nicht in Ordnung. Ein Beispiel für eine Ungerechtigkeit bei der Erhebung von Straßenbaubeträgen ist in seinen Augen der neu geschaffene Augustinerplatz. „Eigentlich handelt es sich um eine Neuerschließung, die mit bis zu 90 Prozent Anliegeranteil berechnet werden könnte. Bei diesem Platz heißt es nun aber, er sei nicht beitragsfähig, weil das Altstadt-Center nicht verkehrstechnisch durch den Platz erschlossen werde. Vereinfacht gesagt, der Eigentümer wird nicht zur Zahlung herangezogen, weil der Platz nicht befahren würde und das Center durch den Platz nicht bewirtschaftet würde.

Seine Eltern hatten einen Friseurladen

In Wahrheit wird der Platz natürlich jeden Werktag befahren – nämlich vom Lieferverkehr.“ Jürgen Josting fragt: „Handelt die Stadt hier mit der klaren Absicht, dem Eigentümer den beträchtlichen Anlieger-Anteil nicht aufbürden zu wollen?“

Falls Jürgen Josting tatsächlich Herfords neuer Verwaltungschef werden sollte, will er sein Äußeres nicht ändern. Haare und Bart hat der Sohn einer Friseurfamilie nun schon seit fünf Jahren nicht mehr geschnitten. „Dabei hatte ich sogar mal eine Glatze. Jetzt mag ich es aber so, wie es ist“, sagt der 52-Jährige, der inspiriert durch Bob Marleys Reggae-Musik 1981 E-Bass lernte. „Klar habe ich auch den einen oder anderen Joint gekifft.“ Doch die wilden Zeiten seien lange vorbei.

Und was ist mit dem Dresscode? „Als Bürgermeister ist Anzug natürlich Pflicht. Sicher tut’s aber auch ein Trainingsanzug.“

Jürgen Josting trug tatsächlich mal Glatze. Heute reichen seine Dreadlocks bis zu den Ellenbogen.

Jürgen Josting trug tatsächlich mal Glatze. Heute reichen seine Dreadlocks bis zu den Ellenbogen. Foto: Moritz Winde

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